Ist Musik das neue Doping? Jan Müllers Kolumne über Sport und Klang
Jan Müller fragt sich, was passieren würde, wenn Sportverbände Musik als Doping bewerten würden.
Wer von euch kennt die Radiosendung „Klassik-Pop-et cetera“? Ich liebe sie sehr! Sobald die hinreißende Einleitungsmelodie von Horst Jankowski im Big-Band-Sound ertönt, ist der Tag für mich gerettet. Jeden Samstag ab 10.05 Uhr spielen in dieser Sendung prominente Gäste ihre Lieblingslieder vor. Viele gehen anhand ihrer Biografie vor. Und mich rührt das fast immer ungemein. Im Jahr 2025 durfte ich selbst eine Sendung gestalten. Schade, dass meine Eltern das nicht mehr erleben können, dachte ich. Wahrscheinlich kennt einen niemand besser als die eigenen Eltern. Trotzdem habe ich noch immer den Wunsch, mich ihnen zu offenbaren.
Zurück zur Sendung: Im besten Fall lernt man hier neben den schönen Geschichten auch noch interessante Musik kennen. Aber ehrlich gesagt wiederholt sich auch vieles. Immer wieder suchen sich die Gäste zum Beispiel „Hallelujah“ von Leonard Cohen aus, oder „,Heroes‘“ von David Bowie oder Louis Armstrong mit „What A Wonderful World“. Aber warum denn auch nicht? Das sind schließlich super Lieder.
Auch der Gast der ersten Folge des Jahres 2026 begann mit dem Armstrong-Song. Zuvor hatte die Moderatorin angekündigt, dass das Jahr 2026 ein „Superjahr des Sports“ werde und in der Sendung daher in diesem Jahr pro Monat eine Sportlerin bzw. ein Sportler vor das Mikrofon gebeten werde. Als Erste trat nun eine Rennrodlerin vor das Mikrofon. Allerdings lehrte mich ich ihre Auswahl – ich muss es so deutlich sagen – das Fürchten. Zlatko und Jürgen, Kontra K, Fargo und andere. Ganz gewiss möchte ich mich nicht über fremde Geschmäcker erheben, doch die Kombination aus plärrenden Melodien, penetranten Beats und zusammengewürfelten Kalendersprüchen überstiegen bei mir eine innere Grenze.
Es ist ja nur Musik
Aber es ist ja nur Musik. Offenbar hat diese für die Sportlerin einen ganz anderen Zweck als für mich. Sie berichtete in einer ihrer Moderationen, dass sie Musik zur Motivation und Leistungssteigerung einsetzt. Ich bin überrascht, dass ich davon überrascht war. Schließlich ist die Liste der Dopingmittel, die Sportler einsetzen, lang: Kokain, Ritalin, Blut, Scho-Ka-Kola, Stoffwechsel-Modulatoren, Wachstumshormone und Dehydrochlormethyltestosteron. Warum sollte ausgerechnet die Musik auf dieser Liste fehlen?
Es stellt sich die Frage, was mit der Musiklandschaft geschehen würde, wenn Sportverbände den Einsatz von Musik als Dopingmittel bewerten würden, um ihn dann dementsprechend zu verbieten. Das wären dann vermutlich schlechte Zeiten für Felix Jaehn, Tiësto & Co. Slowcore- und Dreampop-Bands wie Codeine und Cigarettes After Sex hätten hingegen bestimmt nur wenig zu befürchten. Ihre Musik ist zur Leistungssteigerung ungeeignet. Interessant ist ja auch, das andersherum Doping beim Musizieren eine zumindest (noch) geduldete Praxis ist. Sie wird mit legalen und illegalen Mitteln seit Robert Johnson und Hank Williams intensiv betrieben.
Es ist klug, neben Sportwissenschaft außerdem Philosophie zu studieren
Bei Sportereignissen selbst wird Musik meist als Stimmungsverstärker eingesetzt. Etwa bei Fan-Gesängen im Stadion. Aber manchmal hat Musik auch einen viel größeren Wert. Zum Beispiel als Einlauf-Musik der Boxer vor ihren Kämpfen. Wenn Samuel Peter aus Nigeria mit dem Song „The Harder They Come“ von Jimmy Cliff einläuft, dann geht es hier um mehr als nur um Stimmung. Auch dass Wladimir Klitschko bei insgesamt acht WM-Kämpfen zu dem Song „Emporio“ von Robert Bartha den Ring betrat, finde ich toll. „Wir spüren die Kraft von Emporio / Wir werden in uns all das Seltsame entdecken und es richtig machen“, heißt es im Text. Das Ganze wird so wundervoll gay gesungen, dass man sich im Anschluss etwas viel Schöneres als einen Boxkampf wünscht. Danke, Wladimir!
Es ist klug, neben Sportwissenschaft außerdem Philosophie zu studieren. Zu guter Letzt gibt es Sportarten, in denen die Musik eine ganz zentrale Rolle innehat. Hier wäre insbesondere der Tanzsport zu nennen. Der deutsche Tanzsportverband gründete sich bereits im Jahr 1921 und hat immerhin 226 000 Mitglieder. Ich bin fast geneigt, Herrn Tim Rausche, den Präsidenten dieses Verbandes, zu fragen, warum die Tanzsportler oft so eingefroren lächeln, während sie ihren Sport ausüben. Geschieht dies aus Konzentrationsgründen, ist es eine Verbandsanweisung oder weil die Tänzer:innen sich, während sie ihren Sport ausüben, an der Feststellung erfreuen, dass es eine witzige Idee ist, Tanzen als Sport auszuüben?
Wohin es führt, wenn man den Wettkampfgedanken beim Tanzen bis zu Ende führt, das kann man sich übrigens in dem sehr guten Melodram „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ von Sydney Pollack aus dem Jahr 1969 ansehen. So etwas könnte beim Rodeln nicht passieren. Irgendwann ist man im Tal angekommen. Ich bin gespannt, in welche Höhen und Tiefen uns die Musikauswahl der anderen Sport-Gäste in der oben angesprochenen Radiosendung bringen wird.
Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 3/2026.







