Musikbücher des Monats: Mit einer Rave-Dystopie, Hendrik Otremba & U2
Stefan Sommers „Partypeople“ scheitert, Hendrik Otrembas „Der Gräber“ überzeugt & Birgit Fuß komprimiert U2-Expertise auf 100 Seiten.
Welche Bücher lohnen sich gerade?
Hendrik Otremba: „Der Gräber“
Der Sänger der Art-Rock-Band Messer legt einen düsteren, eindringlichen Roman vor, der in einer zerstörten Zukunft spielt und doch ständig auf die Gegenwart zurückweist. Im Zentrum steht der unsterbliche Oswalth Kerzenrauch, der als Zeuge des Untergangs durch ein verwüstetes Berlin streift. Otremba verbindet Endzeitfantasie mit Fragen nach Erinnerung, Verlust, Liebe und dem Fortbestehen von Menschlichkeit nach der Katastrophe.
Besonders stark sind die Bilder des Werks: Die Ruinenlandschaft wirkt zugleich konkret und symbolisch, die Sprache ist atmosphärisch dicht und oft poetisch überhöht. Weniger entscheidend als klassische Handlung sind hier die Stimmung und das Nachdenken über Zerfall und Neubeginn. Gerade das macht „Der Gräber“ zu einem eigenwilligen, literarisch ambitionierten Buch. Wie die Band Messer nicht immer leicht zu konsumieren, aber gerade deshalb spannend. (März)
Birgit Fuß: „U2. 100 Seiten“
Ihr auch? Euch gibt’s ebenfalls schon 50 Jahre? Was sich 1976 – damals noch unter dem Namen Feedback – auf einem irischen Schulhof zusammentat und seit 1978, nach dem Abgang des älteren Bruders von Gitarrist The Edge, als unverändertes Quartett besteht, wurde mit dem Album „War“ 1983 zu einer der größten Rockbands der Welt. Befeuert von ungezügelter Experimentierlaune und dem ausgeprägten Sendungsbewusstsein ihres Sängers Bono Vox spielen U2 bis heute ganz oben mit.
„Rolling Stone“-Redakteurin Birgit Fuß hat im Laufe ihrer Karriere die Bandmitglieder zahlreiche Male für Interviews getroffen und komprimiert nun ihre geballte Expertise auf 100 Seiten. Das Kunststück angesichts dieses Umfangs sind die ausführlichen Besprechungen sämtlicher Alben bis zu den EPs aus diesem Frühjahr. (Reclam)
Stefan Sommer: „Partypeople“
„Hellrot erhitzte Gesichter. Oder das, was von ihnen übrig ist.“ Stefan Sommer hat sich mit „Partypeople“ zur Aufgabe gemacht, die Abwesenheit wahrhaftiger Gefühle in Buchform zu gießen. Wo ginge das besser als in den dekadentesten Zirkeln der globalen Raveszene, in denen Fassade alles ist?
Man könnte vermuten, dass Sommer und sein schwuler Weltstar-DJ-Protagonist mit logisch Drogenproblemen der Dance-Music-Schickeria schonungslos die Maske vom Gesicht reißen würden. Tatsächlich handelt es sich bei diesem Buch um eine dumpfe Rave-Dystopie, die ein klischeebehaftetes Bild des subkulturellen Sittenverfalls zeichnet, ohne dabei glaubwürdig zu sein.
Sommers Hauptfigur will auf seiner selbstzerstörerischen Tour de Force etwas fühlen außer belanglose Befindlichkeiten im DJ-Alltag. Seine erfolglose Sinnsuche teilt sie mit dem Leser. (Autor: Max Fritz) (Otto Müller)







