Nummer Eins: Mr. Probz‘ „Waves“ klingt so, wie Wandtattoos aussehen


Das Leben eines Popkolumnisten ist das einfachste nicht. Während draußen die Sonne lacht, die Knospen platzen, die Eisdielen öffnen und die Ärmel der Flanierenden von Tag zu Tag kürzer werden, tut sich im Nummer-eins-Land: nichts. Nach wie vor ist „Happy“ von Pharrell der einschlägige Superhit, weltweite Dominanz included.

Mittlerweile hat der Teufelskerl, den sie den Sperling aus Virginia Beach nennen, auch noch ein Album veröffentlicht. Geht ja alles in Ordnung, wir wollen ihm da auch nicht reinreden, aber es ist so: Über Pharrell haben wir schon vor Monaten berichtet, als die Franzosen ihn an den Spitzenplatz ihrer Charts kauften. Dazu muss man wissen, dass unsere Nachbarn traditionell Early Adopters sind: Hier wurde das Bidet erfunden, Insider-Informationen zufolge auch der Zungenkuss. Und während Deutschland noch Graubrot mit Sauerkraut verzehrte, brieten sich die Franzosen in ihren Sandwichmakern bereits buttrig glänzende Croque-Monsieurs.

Die aktuelle Nummer eins der deutschen Single-Charts glänzt zwar auch, aber ein wenig altölig. „Waves“ von Mr. Probz, der laut Wikipedia ein holländischer Rapper ist, scheint einer dieser Songs zu sein, die es ganz offenbar darauf anlegen, es auch dem Letzten recht zu machen. „Waves“ ist nicht zu leise, aber auch nicht zu laut. Keine Ballade, aber auch nicht uptempo. Soul? Eigentlich nicht. Rap? Nix da. Dance? Nee! Blues? Janeinvielleicht! Akustisch? Nicht ganz!

„Waves“ ist Musik, die so lange entkernt wurde, bis da nur noch eine komisch herumschwebende Hülle war. „Waves“ klingt so, wie Wandtattoos aussehen. „Waves“ erinnert an verzehrfertig abgepackte Karottenraspel. „Waves“ ist ein Song, der in Frankreich nicht einmal in den Top 20 ist. An anderer Stelle im Heft sprachen wir über Synästhetiker. Lieber Kanye West, lieber Blood Orange, liebe Mary J. Blige, liebe restlichen engen Freunde, die ihr in eurer Freizeit Töne seht: Wir würden gerne wissen, was euch bei „Waves“ so durch den Kopf geht. Ihr bekommt auch ein Sandwich!

Diese Kolumne ist in der Mai-Ausgabe 2014 des Musikexpress erschienen.


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