Omar Rodriguez-López über Kreativität als Lebensart


Für den Mars-Volta-Gitarristen ist Musikmachen Mittel des Austauschs mit sich, der Welt- und dem Universum.

In New York ist es jetzt halb zwei Uhr am Nachmittag. Ausgeschlafen? omar: Aber ja, um diese Uhrzeit normalerweise schon. Es ist ja nicht so, dass ich mich besoffen hätte. Ich habe gearbeitet bis sieben Uhr früh.

Genau darum soll sich dieses Gespräch drehen: Um Produktivität und Kreativität. Im Frühjahr gab es mit the bedlam in goliath ein neues Mars-Volta-Album, mit ABSENCE makes the heart grow FUNCUS und MINOR CUTS AND SCRAPES IN THE BUshes ahead erscheinen nun gleichzeitig zwei ältere Solo-Arbeiten von dir. Du bist berüchtigt dafür, im Jahr bis zu acht Alben aufzunehmen.

Berüchtigt? Das entspricht doch dem Durchschnitt dessen, was Leute heute so produzieren! Nicht alles, was ich aufnehme, wird auch veröffentlicht.

Naja…

Okay, also, wie soll ich es erklären: Ich habe nicht wirklich ein „Gesellschaftsleben“. Ich trinke nicht, ich gehe nicht in Clubs. Wenn ich eine gute Zeit haben will, gehe ich in mein Studio, arbeite an Sachen und drücke mich damit aus. Lustig: Jetzt spreche ich schon wieder von „Arbeit“, wo ich ebenso gut von „Spielen“ sprechen könnte. Die Leute verwechseln diese Begriffe gern, ich auch. Es gibt diese interessante Einstellung zu Kreativität und Produktivität, die dazu führt, dass man sagt: Du musst jetzt ernst sein, um „die Arbeit erledigen zu können“. Mir macht das allerdings so viel Spaß, dass ich gerne von „Spielen“ rede. Ich bin dankbar dafür, dass ich Sachen machen kann, die ich liebe, und davon leben kann. Früher haue ich irgendwelche dummen Jobs, aufgenommen wurde abends. Heute kann ich Tag und Nacht machen, was ich will: aufnehmen.

Arbeit ist ein Spiel für dich? Wirklich ?

Ja, unbedingt. Okay, manchmal kommt Arbeit dazu, wenn ich mich stark konzentrieren und Sachen zu Ende bringen will. Das fühlt sich dann schon ein wenig wie Arbeit an. Andererseits mache ich das alles so gerne, dass es mir eben nicht wie Arbeit vorkommt.

Fragst du dich jemals, wer das alles hören soll?

Oh nein, ich stelle mir nie einen Hörer vor, es sei denn wir spielen live. Aber beim Aufnehmen? Nie. Ich denke, das ist der größte Fehler, den ein Künstler machen kann: über den Rezipienten nachdenken. Das Beste, was ein kreativer Mensch sich selbst gegenüber sein kann, ist: absolut eigennützig.

In welcher Hinsicht?

Was macht mich glücklich? Was erhält mir den Spaß an dem, was ich tue? Was will ich ausdrücken? Und was wäre die Platte, die ich selbst gerne hören würde? Schließlich bin ich ja selbst auch ein Hörer, und ich unterscheide mich nicht von anderen Leuten…

Hm…

Doch, doch. Es gibt ja nur etwa zehn verschiedene Sorten von Menschen auf der Welt. Wenn also mir persönlich etwas gefällt, entspricht es den Gesetzen des Universums, dass es da draußen genug Leute gibt, deren Vorlieben und Idiosynkrasien ich teile.

absence ist eine Gitarrenplatte, minor cuts spielt mit Dub-Elementen und Filmsequenzen, die in Zeitlupe abgespielt werden. Ein sehr unterschiedlicher kreativer Output, oder?

Manchmal habe ich keine Lust auf die Gitarre, dann will ich nur Bass spielen oder Keyboards oder so. Ich setze mich nie hin: „So, jetzt mache ich mal eine Ambient-Platte“, das klappt nicht. Die Frage ist vielmehr, ob’s draußen regnet oder schneit oder ob die Sonne scheint, und was in dir selbst vorgeht. Das sind ja immer unterschiedliche Sachen, und drum kommt auch unterschiedliche Musik aus dir raus. In minor cuts drückt sich eher meditative Stimmung aus.

Aber Ausdruck steht ja nie allein. Worum geht es, was soll ausgedrückt werden?

Alles. Es ist ein Ausdruck von allem, was ich fühle. Ich glaube, die menschliche Seele fühlt sich immer ein wenig gefangen. Im Körper, in materiellen Dingen, in Angst, vielleicht im Verlangen, sich mit einer anderen Seele zu verbinden. Ich glaube, das Bewusstsein versucht immer, mit der Seele in Kontakt zu treten, um mithalten zu können, aber die Seele ist viel komplexer und smarter, als es der Intellekt je sein könnte.

Dafür gibt es die Sprache.

Sprache hilft, aber sie verwirrt am Ende noch mehr. Ich spreche Spanisch und Englisch, und trotzdem habe ich nie das Gefühl, dass Worte ausdrücken könnten, was ich im Innersten fühle: Hass, Liebe, Rausch, Ruhe, Verlust, Verlangen… solche Dinge lassen sich für mich nur durch Musik adäquat ausdrücken. Manche verstehen das dann, andere nicht.

Gibt es überhaupt so etwas wie Inspiration? Im Sinne von Be-Geisterung, also dem Einfluss geistiger Zustände in den kreativen Prozess?

Ja. Ich glaube an die Inspiration als Begeisterung. Ich glaube an Geschwindigkeit, an den Zufall und daran, was aus dem Chaos erwächst. Daher kommt, was du eben den „Geist“ nanntest: Chaos ist seine Quelle. Chaos ist der Grundzustand des Kosmos, und darin ähnelt er sehr all dem, was in einer Seele vorgeht.

Menschen fürchten das Chaos.

Weil sie vergessen, dass dem Chaos immer die Form folgt. Du kannst das eine nicht ohne das andere haben. Der Grund ist, dass das menschliche Bewusstsein darauf ausgelegt ist, im Chaos die Struktur zu erkennen. Was chaotisch klingt, ist in Wahrheit der perfekte Ausdruck dessen, was wirklich ist. Was Menschen fürchten, ist das Große Fragezeichen, das das Chaos darstellt. Ihnen kommt es vor wie ein Blick in den Abgrund, der Rand des Wahnsinns.

Ist Kreatvität also eine Art von Therapie?

Genau. Das sage ich immer, wenn Leute fragen, warum ich tue, was ich tue: „Musik ist meine Therapie.“ Es ist meine Art, mit dem Chaos und der Hektik und den Rätseln in mir umzugehen und eine Verbindung herzustellen zum Kosmos, zu mir selbst, zu anderen menschlichen Wesen. Manche Leute reden und bezahlen einen Therapeuten dafür, ich verwende die Sprache der Musik. Dabei verstehe ich anfangs nicht, was da rauskommt. Ist es eine gewalttätige Platte?

Eine zärtliche? Meistens kapiere ich erst viel später, was ich da gemacht habe und warum: „Ah, so habe ich mich also gefühlt! Das wollte ich also sagen!“ Was, wenn du quasi“austherapiert“ bist? Bist du dann auch nicht mehr kreativ?

Nein, dann bin ich am Ende eines Lebenszyklus‘ angelangt. Dann ist es nötig, einen neuen Zyklus 2.u beginnen. Wenn alles gefragt, wenn alles beantwortet ist. Dann geht es weiter zur nächsten Frage. Wenn du ernsthaft mit dem Fragen anfängst, musst du darauf vorbereitet sein, dass du es nicht mehr stoppen kannst. Es ist eine permanente Reise, die keinen echten Stillstand mehr kennt. Das wäre dann der Tod.

Muss ich mich heben oder hassen, um kreativ zu sein?

Beides. Es ist beides in dir, wie alles in dir ist, die Antworten auf alle Fragen. Alle Kulturen, von der Antike bis heute, von den Griechen über die Wikinger bis zu den Asiaten kennen in abgewandelter Form das Bild von Yin und Yang, von hell und dunkel.

Kann aus Improvisation Neues entstehen?

Darauf bin ich am meisten stolz, wenn Leute sagen:

„Die Musik klingt wie improvisiert, das muss total Spaß gemacht haben!“ Dabei ist sie das Ergebnis methodischer und struktureller Überlegungen, die wiederum dazu dienen, es organisch und zufällig klingen zu lassen. Improvisieren tun wir nur auf der Bühne.

Denkst du nie: Verdammt, was habe ich denn da für einen Unsinn gemacht?

Doch, oft. Manche Sachen sind mir peinlich, aber das ist okay. Dafür sind sie da: Warum habe ich dieses T-Shirt getragen, warum war ich mit dieser Frau zusammen, warum habe ich diese Scheißmusik gemacht? Weil es Belege dafür sind, dass du Mensch bist, Teil des Prozesses, den man Leben nennt. Wie unser Gespräch hier ein besonderer Moment ist, den nur wir beide teilen. Wenn du es aufschreibst, ist es schon wieder ein anderer Moment, vielleicht nur für dich. Und dann liest jemand den Text, und dann ist da ein Moment, den du wiederum mit diesem Leser teilst… und so weiter. Mit Platten ist das genauso.

Auch mit Mars-Volta-Platten?

Klar. Leider darf ich aus vertraglichen Gründen nur eine Mars-Volta-Platte pro Jahr machen, der Rest muss unter meinem Namen veröffentlicht werden.

Stimmt es, dass das nächste eher akustisch wird?

Nicht im Sinne von „nur akustische Gitarren“, aber intimer, ja. Wir spielen da viel herum, oder besser: „spielten“. Das Album ist natürlich längst fertig.

Natürlich?

Ja, klar. Ich stecke momentan mitten im übernächsten Mars-Volta-Album.

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>» albumkritik S. 87