One Direction: Das Gute im Schlechten

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Für viele Menschen sind die Begriffe „Boyband“ und „Das Böse“ synonym. Vor dem inneren Auge hampeln in Unschuldsweiß gekleidete Jammerlappen durch den Regen, der auf eine Großstadtkulisse prasselt und fahren sich durchs ölige Haar. Wie’s der Zufall will, platzen ihnen spontan die Hemdknöpfe ab und dann stehen sie da: mit stählernen Muskeln und verzweifelter Miene. Grauenhaft. Und doch ist es einem sicherlich schon widerfahren, wie man sich dabei ertappt, George Michaels „Careless Whisper“ mitzusummen, bei „ Freedom ’90“ scheinbar fremdbestimmt mitzuwippen und die Unterarmhaare, die sich einem bei „You Have Been Loved“ aufstellen, glattzustreichen. Vielleicht hat man auch schon mal „für die Freundin“ zwei Konzertkarten für Robbie Williams gekauft und es nicht als Aufopferung begriffen, mitzugehen. Womöglich lag man sich auch schon zu „Never Forget“ von Take That versoffen, verschwitzt und ganz bestimmt nicht verschämt mit alten Freunden und Feinden aus dem Abi-Jahrgang in den Armen. Unter Umständen hat man den letzten Musikexpress auch nicht gleich brutal von dessen Justin-Timberlake-Titelbild befreit und dieses enttäuscht zu Altpapier downgegradet. Will sagen: Manchmal befindet sich Gutes auch im Bösen. Und manchmal, eigentlich sehr oft, lohnt es, sich seine Vorurteile und das, worauf man sie projiziert, genauer anzusehen: zum Beispiel die britische Casting-Band One Direction – oder 1D, wie der Kenner sagt, zu dem man guten Gewissens werden kann.

Denn Harry Styles, Niall Horan, Zayn Malik, Liam Payne und Louis Tomlinson machen ganz vieles nicht, was man an anderen Boybands so abscheulich findet: Sie tanzen nicht nach Choreografie, sondern entweder gar nicht oder so, wie sie es auch nachts übermütig und unbeholfen im Club tun würden. Im Video zur aktuellen Single „Best Song Ever“, in dem ihnen ein Image-Make-over angeraten wird, lehnen sie alles ab, was man von handelsüblichen Vertretern ihres Genres erwartet. Dazu gehört vor allem: die Haltung. One Direction sind keine blitzsauberen Schwiegermutterträume wie die völlig unpassend benannten Backstreet Boys oder die unsäglich biederen Westlife, sondern benehmen sich einfach wie Jungs ihres Alters, nämlich auch mal daneben. Und sie verheimlichen es nicht. Sie reden offen darüber, wer von ihnen am widerlichsten furzt (Niall), wessen Füße am strengsten riechen (Louis’) und geben der BBC ein Interview in einer Toilette, die sie nicht empört verlassen, als sie der Moderator fragt, wer von ihnen schon mal über einem Spiegel gekauert habe zwecks anatomischer Studien für das eigene Auge unsichtbarer Körperstellen. Das ist es, was diese Band, oder nennen wir es ruhig „dieses Produkt“, verkörpert: Spaß! Die lachen! Die grunzen dabei sogar. Statt mit ausgefeilten Tanzmanövern in anonymen CGI-Welten zu protzen, toben One Direction in ihren Videos am britischen Strand (man hätte sich, wenn schon Strand, auch für die Karibik entscheiden können, aber nein, man filmt authentisch im kühlen Pullisommer) herum und zeigen, wie locker man auch als hormongeplagter Teenager das Leben nehmen kann und wie wichtig Dummheiten besonders in diesen Jahren sind. Vergleiche etwa: frühe Beach Boys, The Monkees, ja sogar Supergrass.



Was wurde eigentlich aus… Echt?
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