Gespräch

Orla Gartland im Interview: „Phoebe Bridgers ist für mich gottgleich“

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Sie trägt ihr Herz auf der Zunge, fühlt den Groove in den Knochen und das Banger-Gespür kitzelt nur so in den Fingerspitzen. Mit dem Bleifuß auf dem Gaspedal cruised die irische Newcomerin Orla Gartland lässig auf der Überholspur des Indie-Pop-Highways – immer nur wenige Meter vom nächsten Breakthrough entfernt. Geboren in Dublin, begann Gartland bereits mit 14 Jahren ihre ersten Songs zu schreiben. Da sie damals nicht in den lokalen Ü18-Kneipen auftreten durfte, verfeinerte sie ihr Handwerk stattdessen online und wurde im Eiltempo zur YouTube-Sensation. Mit rund 750.000 monatlichen Spotify-Zuhörer*innen gelang der 25-jährigen Sängerin nun schließlich die Emanzipation vom YouTuber-Dasein. Nach der Veröffentlichung von „Pretending“ Ende 2020, lieferte Gartland jüngst mit „More Like You“ einen weiteren Vorgeschmack auf ihr kommendes Debütalbum, das noch dieses Jahr erscheinen soll. Jetzt legt Gartland nach und veröffentlicht das dazugehörige Musikvideo, für das sie nicht nur selbst Regie führte, sondern darüber hinaus auch ein paar ordentliche Moves aufs Parkett gelegt hat.

Über ihre Anfänge als Straßenmusikerin, ihren Plan B neben der Musik, sowie die Gründe für die männliche Dominanz im Musikproduktionsbusiness erzählt Orla Gartland nun im Interview. So Gartland: „Bei technischen Dingen gibt es immer dieses Argument, dass sie Männern besser liegen. Ich glaube, das stimmt überhaupt nicht.“

Außerdem berichtet die Sängerin von ihrem Fan-Girl-Moment mit Phoebe Bridgers, ihrer Liebe zu Laura Marling, dem Klischee, dass nur Leid und Schmerz glaubwürdige Kunst schaffe. On top verrät sie ihren ultimativen Produktions-Tipp und was ihr im Singer-Songwriter-Genre gewaltig gegen den Strich geht.

Die neuen Tracks folgen auf Gartlands erste, 2019 erschienene EP WHY AM I LIKE THIS? und der Nachfolger-EP FRECKLE SEASON, die im Februar 2020 veröffentlicht wurde.

musikexpress.de: Orla, in Deinen Songs reflektierst Du oft über Identität und darüber, „ein jemand“ zu werden. Wann wurde Dir klar, dass Du Musikerin werden willst?

Orla Gartland: Als ich aus der Schule kam, habe ich schon ein paar Jahre lang Musik gemacht und Songs geschrieben. Aber ich hatte nicht so viele Beispiele von Leuten in meinem Leben, die daraus eine Karriere gemacht haben. Da war jedoch eine Band, die ich von zu Hause kannte, Hudson Taylor, zwei irische Jungs. Sie waren meine ersten Musikerfreunde in Dublin und wir machten oft zusammen Straßenmusik. Sie haben mir beigebracht, wie man auftritt, wie man seine Stimme projiziert und wie man mit einem Publikum umgeht, und sie waren auch ein bisschen älter als ich, also war ich so etwas wie ihr Lehrling. Als ich dann die Schule verließ, sind sie nach London gezogen und da habe ich gesehen, dass es tatsächlich machbar ist. Sie waren einer der Hauptgründe, aus denen ich auch nach London gezogen bin.

Kommst Du aus einer musikalischen Familie?

Überhaupt nicht, aber meine Mutter ist im Chor, also wird sie immer traurig, wenn ich das sage (lacht). Mein Vater hat eine riesige Plattensammlung und er war immer sehr darauf bedacht, Musik auf ein Niveau zu heben, auf dem sie es verdient, geschätzt zu werden. Das hat wahrscheinlich seine Spuren hinterlassen. Und mein Dad ist dafür bekannt, dass er Banner zu sehr kleinen Shows mitbringt, seine eigenen T-Shirts kreiert und irischen Radio-DJs tweetet, bis sie ihn im Grunde blockieren. Er sieht sich definitiv als aktives Marketing-Mitglied des Teams …Und ich denke mir immer, „Oh mein Gott, du bist die beste PR, für die ich nie bezahlt habe“ (lacht).

Vom Musikerin-Sein abgesehen: Wenn Du noch einmal 17 wärst, was wäre Dein Traumjob?

Ich wollte damals schon Grafikdesignerin werden. Ich liebe es immer noch, meine eigenen Tourplakate zu entwerfen und großen Einfluss auf alle visuellen Aspekte meiner Karriere zu haben. Das wäre immer noch mein Plan B.

„Mir ist klar geworden, dass ich immer dann, wenn ich mich schlecht fühle, diesem ganzen Selbsthilfescheiß unterlegen bin.“

Lass uns über Deinen Song „More Like You“ reden. Worum geht es darin?

Es ist ein Song über die andere beste Freundin meiner besten Freundin. Sie ist eine Person, über die ich seit ein paar Jahren höre, dass sie im Grunde die beste Person überhaupt sein soll. Und ich wollte sie hassen, weil sie fast zu perfekt zu sein schien. Doch dann habe ich sie getroffen und dachte: „Eigentlich hasse ich dich gar nicht, ich finde dich sogar richtig toll“. Es geht darum, von jemandem besessen zu sein, den man gar nicht kennt, und die Person bis zu einem Punkt zu erheben, an dem man nur noch alle Ecken und Kanten abrundet. Als ob das Leben einfacher wäre, wenn wir einfach die Körper tauschen würden, ganz Freaky-Friday-Style.

Aber wenn Du Dir tatsächlich jemanden aussuchen könntest, mit wem würdest Du gerne für einen Tag Deinen Körper tauschen?

Ich würde gerne wissen, wie es ist, einen Tag lang ein Kerl zu sein. Würde ich die Welt anders wahrnehmen? Oder vielleicht jemand, der älter und weiser ist… wie Joni Mitchell. Sie malt vor sich hin und hängt rum und raucht Kette und kann da sitzen, wissend, dass sie die beste Karriere aller Zeiten hatte und von so vielen Leuten bewundert wird.

In „More Like You“ singst Du, nach „Pretending“, bereits zum zweiten Mal von der „woman on the internet“. Wen meinst Du damit?

Niemand bestimmtes, ich bin es nicht. Sie ist diese namenlose, gesichtslose, leicht fragwürdige, Rat gebende Persona. Mir ist klar geworden, dass ich immer dann, wenn ich mich schlecht fühle, diesem ganzen Selbsthilfescheiß unterlegen bin. Überall auf Youtube und TikTok werde ich mit Ratschlägen bombardiert wie man mehr Schlaf bekommt, wie man reinere Haut bekommt, wie man ein bewussterer Mensch wird und wenn ich in einem rationalen Zustand bin, denke ich „das ist Schwachsinn“, aber wenn ich mich schlecht fühle, denke ich „gib mir mehr, I love it“. Kennst Du die Serie „Fleabag“? Die Szene, in der sie mit dem Priester im Beichtstuhl sitzt, zusammenbricht und sagt: „Ich will einfach, dass mir jemand sagt, was ich mögen soll, was ich nicht mögen soll, was ich essen soll und was ich hassen soll“? In meiner Vorstellung ist die „woman on the internet“ diese Leitfigur, die wahrscheinlich nicht mein Bestes im Sinn hat, aber in dem Moment denke ich: „Sag mir einfach, was ich tun soll, mach es mir einfach.“

„Weil mein richtiger Name drauf steht, ist es so einfach zu glauben, dass mich die Leute schlichtweg als Person hassen.“

Im Song reflektierst Du auch darüber, wie es ist über andere Menschen hinauszuwachsen. Gibt es etwas, über das Du kürzlich hinausgewachsen bist?

Ich glaube, in den letzten paar Monaten habe ich endlich aufgehört mich mit anderen Künstlern zu vergleichen. Es ist immer so einfach zu sagen „vergleiche dich nicht“. Aber das ist mein Job. Alle meine Freunde machen das beruflich. Einige von uns sind unter Vertrag, andere nicht, einige sind groß, andere sind klein, und so habe ich es immer als sehr schwierig empfunden, nicht nach links und rechts zu schauen. Außerdem vergleichen Fans immer Künstler miteinander. Das fühlt sich viel persönlicher an, wenn dein eigener Name draufsteht, im Gegensatz zu deinem Bandnamen. Ich war immer eifersüchtig auf Soak. oder HAIM oder jeden, der einen anderen Namen hat, weil ich denke, dass es viel einfacher ist, es nicht so persönlich zu nehmen. Weil mein Name drauf steht, ist es so einfach zu glauben, dass mich die Leute schlichtweg als Person hassen. Doch nach so vielen Jahren bin ich endlich in der Lage, mein Selbst von dem Künstler-Sein zu distanzieren und habe gelernt, mich für meine Freunde zu freuen.

Jetzt erscheint Dein Musikvideo zu „More Like You“. In dem hast Du ein paar ziemlich anständige Grooves drauf. Hast Du vorher schon mal getanzt?

Nein, noch nie. Ich habe das Video mit meiner Freundin Greta gedreht, die ich schon seit Jahren kenne. Wenn jemand anderes vorgeschlagen hätte, ein Tanzvideo zu drehen, hätte ich nein gesagt. Aber dann hat sie es geschafft mich zu überreden und ihre Schwester hat es choreografiert. Da das andere Mädchen in dem Video eine professionelle Tänzerin ist, hatte ich das Gefühl, dass ich auf einem gewissen Niveau mithalten muss, aber es war letztendlich keine super schwierige Choreografie. Das letzte Stück ist im Grunde ein ziemlich extravaganter Handshake.

„Wenn ich an Singer-Songwriter denke, denke ich an Ed Sheeran, James Bay und es ist eigentlich nichts weiter als dieser Stil von wegen: Mädchen oder Typ mit Gitarre oder Klavier. Aber dann ist es irgendwie auch ein Genre geworden, das synonym ist mit all den Tropen, die quasi unterm Baum von Trennungen trällern. Ich hasse das.“

Du hast „More Like You“ zusammen mit Tommy King geschrieben, der für gewöhnlich auch mit HAIM und Vampire Weekend zusammenarbeitet. Hast Du schon mal HAIM oder Vampire Weekend getroffen?

Ja, er ist HAIMS Musical Director. Er spielt auch Keyboard in ihrer Live-Band. Ich habe ihn mit HAIM in London live gesehen, bevor ich ihn dann kennengelernt habe. Ich kenne sie selbst aber überhaupt nicht. Nur eine Person von ihnen entfernt gewesen zu sein, war einfach (flüstert) „oh mein Gott“.

Warst du schonmal richtig starstruck?

Auf jeden Fall. Ich habe Phoebe Bridgers backstage bei einer Show von Better Oblivion Community Center im Shepherds Bush in London gesehen. Ein Freund hatte mich reingeschleust und es gab dieses Level-Playing-Field, wenn ich ihr mal „Hi“ sagen und mich einfach vorstellen wollte, wäre es ok gewesen, ich wäre nicht zu fanhaft rübergekommen. Ich habe mich die ganze Zeit hochgeputscht und ich hatte diesen Moment, in dem ich schon auf halbem Weg war, aber am Ende dachte ich „nein, ich kann das nicht bringen“. Ich weiß durch Freunde, die mit ihr arbeiten, dass sie völlig normal ist, aber manchmal sollte man seine Helden einfach nicht treffen. Phoebe Bridgers ist für mich einfach gottgleich, für das, was sie geschaffen hat. Alles, was sie tut, hat diesen Humor, der mir so gut gefällt. Der Grund, warum ich so besessen von ihr bin, ist, dass sie eine der ersten Menschen war, die ich als Singer-Songwriterin gesehen habe – was ich nebenbei bemerkt für einen schrecklichen Begriff halte.

Warum?

Wenn ich an Singer-Songwriter denke, denke ich an Ed Sheeran, James Bay, an Mädchen oder Jungen mit Gitarre oder Klavier. Aber dann ist es irgendwie auch ein Genre von Leuten geworden, die unterm Baum von Trennungen trällern. Ich hasse das. Ich fand Phoebe so aufregend, als ich ihr erstes Album hörte, weil ich merkte: Oh mein Gott, man kann das machen und es muss nicht kitschig sein!  Es kann cool, ehrlich und echt sein und auch grungy, obwohl die Klanglandschaft wirklich schön ist.

„Macht mich das nun zu einer weniger guten Künstlerin, dass ich nicht diese Teufelsfrau bin? Ich möchte Dinge machen, die poppig und peppig sind, aber auch gefühlvolle Dinge. Macht mich das weniger glaubwürdig?“

In Deiner vorherigen Single „Pretending“ sagst Du: „All of my heroes are way more sad than me“. Glaubst Du an das Klischee, dass man unglücklich sein muss, um Kunst zu machen?

Ich glaube nicht daran, aber das ist definitiv etwas, das ich immer wieder gehört habe. Ich habe eine Freundin, die auch Künstlerin ist und Songwriting-Sessions mit wirklich angesehenen, erfolgreichen Songwritern macht. Sie erzählte mir wie oft sie in eine neue Session ging, erzählte, dass sie in einer achtjährigen Beziehung sei und sofort eine Bemerkung kam von wegen „na, du wirst die besten Songs deines Lebens schreiben, wenn das auseinander geht“. Ich glaube nicht, dass wir uns um der Kunst willen selbst sabotieren sollten. Ich habe es selbst gesehen. Leute, die schlechte Situationen in ihrem Privatleben schaffen, nur damit sie Inspiration haben.

Wie trägt das zu Deinem Selbstverständnis bei?

Als ich jünger war, habe ich viel von Laura Marling gehört. Ich liebe sie. Ich erinnere mich, dass ich alle ihre frühen Songs hörte, die so in Moll, so gespenstisch und launisch waren, und ich erinnere mich, dass ich einen Moment hatte, in dem mir klar wurde: „Ich bin überhaupt nicht so“. Macht mich das nun zu einer weniger guten Künstlerin, dass ich nicht diese Teufelsfrau bin? Ich möchte Dinge machen, die poppig und peppig sind, aber auch gefühlvolle Dinge. Macht mich das weniger glaubwürdig?

„Es ist wirklich traurig, dass ich seit etwa fünf Jahren in London bin und eine Menge Sessions gemacht habe und mit weniger als fünf weiblichen Produzentinnen gearbeitet habe und wahrscheinlich mit mehr als 50 männlichen.“

Neben Deiner eigenen Musik, hast Du zuletzt ebenfalls den Song „Flourishing“ für Tom Rosenthal produziert. Musikproduktion ist immer noch ein ziemlich männerdominiertes Feld. Was hält Frauen davon ab, eine Karriere in der Musikproduktion zu starten?

Vorbilder! Es gibt keinen instinktiven Teil unserer Veranlagung, der uns schlechter oder weniger interessiert an Musikproduktion macht, wir haben nur weniger Beispiele, denen wir folgen können. Vieles davon ist ein Henne-Ei-Ding. Bei technischen Dingen gibt es immer dieses Argument, dass sie Männern besser liegen. Ich glaube, das stimmt überhaupt nicht. Ich habe vor ein paar Jahren an einem Musikproduktions-Camp nur für Frauen teilgenommen, und die Sessions waren nicht anders. Viele Musikerinnen sagten, dass sie sich wohler fühlen, wenn sie vor Leuten spielen und Ideen vorschlagen, weil sie sich nicht mehr doppelt beweisen mussten. Also ja, es war anders, aber auf eine großartige Weise.

Und außerhalb solcher Camps?

Es ist wirklich traurig, dass ich seit etwa fünf Jahren in London bin und eine Menge Sessions gemacht habe und mit weniger als fünf weiblichen Produzentinnen gearbeitet habe und wahrscheinlich mit mehr als 50 männlichen. Aber es ist auch aufregend, wenn man darüber nachdenkt, was wir freisetzen werden. Es gibt so viel Musik, die von weiblichen Köpfen gemacht wird, die wir noch gar nicht gehört haben.

Was ist dein ultimativer Produktions-Tipp?

Nicht alles in Reverb ertränken. Das ist immer so eine Art Sicherheitsnetz. Ich habe viele frühe Demos, in denen ich quasi in diese Art Höhlenraum singe. Ich denke es ist einer der am einfachsten zu verstehenden Effekte, wenn man anfängt. Aber meine Lieblingsmusik aus den vergangenen Jahren hatte meist wirklich trockene und dichte Vocals. Ich denke, alles, was Billie Eilish gemacht hat, ist ein großartiges Beispiel dafür.

„Ich steh auf kurze Alben. Ich finde Taylor Swifts Alben viel zu lang.“

Du arbeitest gerade an Deinem Debüt-Album. Welche anderen Alben haben Dir dabei als Referenz gedient?

Phoebe Bridgers‘ erstes Album STRANGER IN THE ALPS wird für mich immer eine große Rolle spielen. Erstaunliches Songwriting, erstaunlicher Humor, erstaunliche Klangkulisse. Das erste HAIM-Album. Es ist einfach so ein gekonnt abgerundetes Werk, das ich liebe. St.Vincents STRANGE MERCY war ein großartiges Album. Das frühe Regina Spector-Album BEGIN TO HOPE, auf das ich immer wieder zurück komme. Und dann ganz aktuell Samia…(Orla steht auf und kramt die Platte aus ihrer Vinyl-Sammlung)… und ihr Album das Ende des vergangenen Jahres erschienen ist. Den Großteil meiner Musik hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon fertig, aber ich denke, dass die Energie und der Spirit von Samias Album gegen Ende ziemlichen Einfluss hatte. Für die letzten paar Produktionssachen war es das perfekte Album.

Was ist der momentane Stand zwecks Album ?

Mit der nächsten Single werde ich das Album richtig ankündigen, inklusive Artwork und allem. Ich habe die Masteraufnahmen gestern abgeliefert. Es ist jetzt insgesamt ein Jahr her, seitdem ich angefangen habe, am Album zu schreiben. Und es werden elf Songs. Ich stehe auf kurze Alben. Ich finde Taylor Swifts Alben viel zu lang. Und das Vinyl wird genau in diesem Moment gepresst. Es war ein netter Fokus im Lockdown um nicht durchzudrehen und ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was ich jetzt mit mir anstellen soll!


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