Pet Shop Boys zaubern in Berlin ein Requiem für Freunde des Hauses
Neil Tennant und Chris Lowe stöbern in der gut sortierten Raritätenkiste. So war die Berlin-Show am 13. Juli.
Ein so noch nie erlebtes Konzert-Wochenende in Berlin hat im Huxley’s an der Kreuzberger Magistrale Hasenheide sein Ende genommen: Nachdem Die Toten Hosen im Olympiastadion (11. Juli) gastierten und dreimal hintereinander The Cure in der Freilichtschüssel Wuhlheide im fernen Osten der Hauptstadt auftraten, übernahmen es die Pet Shop Boys, diesen Live-Marathon zu krönen.
Auch das durch eine Liveband verstärkte Duo Neil Tennant und Chris Lowe hatte bereits Open Air in der Waldbühne (11. Juli) gespielt. Danach folgten noch zwei Auftritte im Format „Obskur“ vor jeweils etwa 1.800 PSB-Spezialisten.
Das Dandy-Konzept
Es gab Albumtitel, B-Seiten und lange vernachlässigte Perlen ihres vier Jahrzehnte umfassenden Oeuvres. Ein leicht melancholisches Dandy-Konzept, das sich ohne eilfertige Erwartungen entfalten durfte. Es wurde gegessen, was auf den Tisch kommt. Schließlich herrschte statt Multifunktions-Arena-Atmosphäre eine familiäre Stimmung.
Viele Besucher waren eingefleischte Fans, die etliche Textzeilen mitsingen konnten und sich über Songs freuten, die seit Jahrzehnten nicht oder noch nie in heimischen Musiktempeln zu hören gewesen waren. Die Bühne blieb typisch Pet Shop Boys: reduziert, stilvoll und von präzisen Lichtlinien illuminiert.
Getuschelt wurde besonders über Drummer Max Brunos, nach Aussagen von Ultra-Kennern der erste Langhaarige in der langen PSB-Historie. Gemeinsam mit Clare Uchima (Keyboard/Gesang) und Simon Tellier (Gitarre/Percussion) gelang es dem Quintett, bei ihrer Raritäten-Revue ein tightes Club-Gefühl zu erzeugen.
„Not Greatest Hits Live“
Um eventuelle Missverständnisse gleich auszuschließen, skizzierte Tennant zu Beginn den Parcours. Mit einigen Worten auf Deutsch gab er sich zudem als Teilzeit-Berliner zu erkennen. Heute keine „Greatest Hits Live“, sondern die „Not Greatest Hits Live“. Der gewohnt trockene Humor wurde amüsiert aufgenommen. Man war in vertrauter Runde.
Den beiden gehört seit einigen Jahren eine Wohnung in der Ex-Mauerstadt, auch in der örtlichen Galerien-Szene sind sie zuweilen anzutreffen. Musik-Tüftler Lowe liebt es zudem, unerkannt in Schultheiß-Bier-Eckkneipen in den westlichen Bezirken zu sitzen und sich am teutonischen Schlager-Liedgut zu erfreuen.
Im ersten Drittel wurde weniger getanzt als aufmerksam zugehört, zumal die lange Getränketheke auf Geheiß des Maestros den Ausschank einstellen musste. Ein „Bierfenster“ im Rückraum des 1.800er-Venues konnte jedoch heimlich für Promille-Abhilfe sorgen.
Mit jedem weiteren Song löste sich die Konzentration in Happy-Go-Lucky-Begeisterung auf. Diejenigen, die bereits in der Waldbühne dabei waren, wussten zu berichten, dass draußen große LED-Flächen und die Open-Air-Weite dominierten. Hier stellten die „West-End-Girls“-Veteranen ihre Club-Kompetenz zur Schau.
Zwischen Stoizismus und Energie
Neil Tennant im überweiten, weißen Mantel blieb der zurückhaltende Frontmann, der er seit Jahrzehnten ist. Weitgehend regungslos stand der 72-Jährige hinter dem Mikro. Seine Stimme dagegen hat erstaunlich wenig von ihrer Klarheit verloren. Noch immer legt sie sich mit dieser leicht melancholischen Selbstverständlichkeit über die elektronischen Arrangements.
Gerade der Kontrast zwischen seiner stoischen Präsenz und der deutlich jüngeren, energiegeladenen Begleitband verlieh dem Abend seinen besonderen Reiz. Chris Lowe blieb wie gewohnt der wortkarge Gegenpol hinter seinen Keyboards, musikalisch präzise und ohne jede Showgeste.
Erstaunlich war vor allem, dass die selten gespielten Songs nie wie bloßes Bonusmaterial wirkten. Vielmehr entwickelte die Setlist eine eigene Dramaturgie und machte deutlich, wie tief und vielseitig der Katalog der Pet Shop Boys tatsächlich ist.
Grabräuber und ein Livedebüt
Zu den Höhepunkten gehörte das überraschende Mash-up von „One in a Million“ mit Culture Beats Ibiza-Kracher „Mr. Vain“, das den gesamten Saal in Bewegung brachte. „Requiem in Denim and Leopardskin“ brachte die weihevollsten Passagen. Für einen weiteren besonderen Moment sorgte das Livedebüt von „The Resurrectionist“.
Vor dem Song erzählte Tennant die makabre Geschichte der historischen „Resurrectionists“, jener Grabräuber, die im Großbritannien des 18. und 19. Jahrhunderts Leichen an medizinische Fakultäten verkauften.
Spätestens hier wurde deutlich, dass der Konzerttitel „Obskur“ durchaus wörtlich zu verstehen war. Und konsequenterweise endete der Zyklus nicht mit einem Hit von Welt, sondern mit einem offenbar noch unveröffentlichten Track.






