Phil Spector: Fallstudie


Am 3. Februar wurde Phil Spector in Hollywood unter Mordverdacht verhaftet - das traurige Ende einer Pop-Karriere voller Triumphe, Tragödien und Paranoia.

Es hätte eine Szene aus einem Billy-Wilder-Film sein können: Ehemaliger Starproduzent lockt hübsche, aber erfolglose Hollywood-Blondine in sein entlegenes Schloss – und schießt ihr dort, im marmorgefliesten Foyer, ins Gesicht. Zeitgleich mit den ersten Sonnenstrahlen, die auf die Palmen vor dem Anwesen fallen, treffen Polizisten ein, überwältigen den tobenden Produzenten mit Elektroschockern und führen ihn ab. Aber es war kein Film. Es war der 3. Februar 2003, Montagmorgen sechs Uhr, und die Szene war – für Hollywood-Verhältnisse – nur mittelmäßig besetzt. Die Akteure hießen Lana Clarkson,40, eine Schauspielerin, deren größter Erfolg („Barbarian Queen„) gute 15 Jahre zurücklag. Und Phil Spector, 63, der es als Schauspieler lediglich zu Nebenrollen als Koksdealer in „Easy Rider“ und als Hippie in einer Episode von „Bezaubernde Jeannie“ gebracht hatte. Aber Spector hatte andere Talente: Er war der größte Rockproduzent aller Zeiten.

Was genau sich in den frühen Morgenstunden in Alhambra, diesem „Spießer-Vorort von LA., in dem es keinen Flecken gibt, an den man sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr trauen sollte“ (O-Ton Phil Spector), abgespielt hat, ist der Öffentlichkeit bislang unbekannt. Spector ist gegen eine Million Dollar Kaution auf freiem Fuß und abgetaucht. Sein Anwalt Robert Shapiro (verteidigte auch schon O.J. Simpson) schweigt. Am 3. März sollte es zu einer ersten Anhörung vor Gericht kommen. Nur die Zeit vor der Tat ist dokumentiert. Gegen 0.30 Uhr besuchte Spector mit einer Bekannten sein Lieblingslokal in West-Hollywood, Dan Tana’s, bekannt für seine Steaks, die hübschen, rotweißkarierten Tischdecken und die hohe Promidichte. Spector verließ Dan Tana’s eine gute Stunde später. Die Rechnung, 55,18 Dollar, peppte er mit einem 500-Dollar-Tip auf – nichts Ungewöhnliches für ihn. Ungewöhnlich aber seine Bestellung: zwei Daiquiris – eine Menge Schnaps für einen, der seit drei Jahren als trocken galt. Gegen zwei Uhr tauchte Spector im House of Blues am Sunset Boulevard auf. Ex-Judas-Priest-Frontmann Rob Halford hatte dort am Abend gespielt. Spector ging gleich nach oben, in den Foundation Room, die VIP-Section des House of Blues. Er bestellte einen weiteren Rum und redete mit Lana Clarkson, die dort seit zwei Wochen als Hostess jobbte. Keiner weiß genau, ob die beiden sich schon kannten. Freunde von Spector sagen nein; Spector habe zu dem Zeitpunkt außer gelegentlichen Treffen mit Nancy Sinatra – keine Frauen gedatet. Eine Freundin von Clarkson behauptet später, das Treffen sei vereinbart gewesen. Dafür spricht, dass Clarkson nach Ende ihrer Schicht, um 2.30 Uhr, zu Spector und seinem Chauffeur in den schwarzen S430er Mercedes stieg, Fahrziel Alhambra, Osten, Sonnenaufgang und Tod. Doch das ahnt Clarkson natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht. Sie sei eh „etwas naiv“ gewesen und härte „gerne berühmte Menschen getroffen“, ohne sich dabei bewusst zu sein, dass auch berühmte Menschen dunkle Seiten haben können. Und Phil Spector hatte viele dunkle Seiten.

Geboren im Dezember 1940 in der Bronx, begegnete Phil dem Tod schon mit acht Jahren – sein Vater brachte sich um. Seine cholerische Mutter, Schwester Shirley, die zeitlebens mit psychischen Problemen kämpfte, und er zogen daraufhin nach Hollywood. Dort landete der 17-jährige Phil, ein ordentlicher Pianist und Gitarrist, mit seiner Band „The Teddy Bears“ den ersten Hit: „To Know Him Is To Love Him“, ein Satz, der so auf dem Grabstein seines Vaters stand. Kaum etwas hasste Spector mehr als Leute, die ihm erzählten, wie er zu musizieren hatte. Folgerichtig konzentrierte er sich fortan auf das Komponieren und Produzieren. Ende 1961 hatte er gut und gerne 20 Hits zu verantworten (siehe Kasten). Mit 21 war Spector doppelter Dollarmillionär, ein Ende seiner Karriere war nicht in Sicht.

Spectors Markenzeichen: „The Wall of Sound“, seine ganz persönliche Produktionstechnik. Die beschrieb der Autor Tom Wolfe 1965 in dem Zeitschriftenartikel „The First Tycoon of Teen“ folgendermaßen: „Er nahm einen guten Song und dazu eine gute Gruppe, und dann peitschte er alles in den Himmel hinauf in eine gewaltige Quasi-Symphonie, bombastisch aufgeblasen zu wagnerianischen Proportionen. Ersetzte drei Flügel ein, fünf Schlagzeuge, ganze Bataillone von Streichern, Schlagzeuge und Bässe unten drunter wie speiende Vulkane. Tamburine zu Hunderten. Und er blickte aus seiner Box hinunter und schleuderte Blitze. Fügte Lärm auf Lärm, Explosion auf Explosion. Bis es nicht mehr der Song war, der zählte, und nicht mehr die Stimmen… nur noch der Sound, der Schwung, die Energie. Gewaltige Triebkraft… alles zerhämmernd, durch nichts in der Welt aufzuhalten.“ Paradebeispiele für diesen Sound: der Millionenseller „You’ve Lost That Lovin‘ Feeling“ von den Righteous Brothers im Jahre 1965. Aber etwas fing an, diese „gewaltige Triebkraft“ aufzuhalten: der Geschmack der Zeit. Spectors Sound galt plötzlich als „überholt“. Er war zwar noch jung, galt aber trotzdem schon als Mann von gestern. Hip und modern waren jetzt andere, allen voran die Beatles.

Noch 1966 machte er seine beste, typischste Platte, River Deep Mountain High, mit 22.00O Dollar Produktionskosten enorm teuer – und in den USA enorm erfolglos.

Angewidert und frustriert ob des Misserfolges tauchte Spector ab. Und böse Geschichten über ihn erstmals auf. Laut Ronnie Bennett, Leadsängerin der Ronettes und Spectors damalige Ehefrau, war es in dieser Zeit, dass ihr Mann sich vom „bloßen Genie“ in das „wahnsinnige Genie“ verwandelte, das sie tagelang im Haus gefangen hielt, sie nur noch anschrie und damit drohte, einen Killer auf sie anzusetzen, falls sie ihn verlassen sollte. 1970 warf Allen Klein Spector einen Knochen zu: Er sollte dem Beatles-Album LET IT BE den letzten Schliff geben. Doch seine bombastische Version der McCartney-Ballade „The Long And Winding Road“ führte zu Verstimmungen und letztendlich gar mit zur Auflösung der Band. Phil produzierte später noch für John Lennon und George Harrison, aber 1974, nachdem er bei Aufnahmen zu Lennons Rock’n‘ Roll-Album in die Decke geschossen hatte, kam es auch hier zum Bruch. Lennon nahm den Vorfall zwar mit Humor und hängte einen Bilderrahmen um das Loch. Zusammenarbeiten aber sollten Spector und „der Bruder, den ich nie hatte“ (Spector über Lennon), danach nie mehr.

Gut zweieinhalb Jahrzehnte lang hörte man kaum etwas von ihm. Und wenn, dann nichts Gutes. Er lebte vollkommen abgeschirmt, umgeben von Bodyguards und Stacheldraht, in einer Villa in Beverly Hills. Täglich schaute er seinen Lieblingsfilm, Orson Welles‘ „Citizen Kane“, trug Revolver passend zur Garderobe und soll diese des Öfteren gezückt haben. Bei Aufnahmen mit Leonard Cohen, mit Stevie Wonder und mit den Ramones, deren Album End Of The Century er 1980 produzierte. Dee Dee Ramone erinnerte sich: „Er war nicht der freundlichste Charakter. Er trug ständig Knarren, ein paar Tage hielt er mich in seinem Haus gefangen. Ich habe noch nie so einen getroffen und will nie mehr so einen treffen. „Einzig den Stevie-Wonder-Vorfall dementierte Spector: „Ich soll eine Knarre auf ihn gerichtet haben?“, fragte er. „Wie willer das denn gesehen haben?“

1989 erschien Spector kurz im Rampenlicht:

zu seiner Aufnahme in die Rock And Roll Hall Of Fame. Begleitet von drei bewaffneten Bodyguards hielt er eine wirre und irre Rede, bis Veranstalter Bill Graham ihm den Saft abdrehte. Dann stolperte er die Stufen vom Podest herunter in die Arme eines seiner kräftigen Helfer. Erst Mitte letzten Jahres gab es wieder so etwas wie Hoffnung in Spectors Leben. Seine Tochter Nicole, 20, hatte ihn mit der britischen Band Starsailor zusammengebracht. Spector sollte ihr nächstes Album produzieren. Auch eine Zusammenarbeit mit Coldplay und The Vines war im Gespräch. Doch die Starsailor-Sessions in den Londoner Abbey-Road-Studios verliefen wenig erfolgreich. James Walsh, Leadsänger von Starsailor, erzählte dem NME: „Zwei Welten kollidierten. Er hatte so lange nichts mehr gemacht. Er lernte eine Menge von uns darüber, wie Studios heute funktionieren.“ Am Ende blieb gerade mal ein Song fürs neue Starsailor-Album übrig. Zurück in den USA, knappe vier Wochen vor dem unglücklichen Tag im Februar, gab Spector dem Journalisten Mick Brown ein Interview. Offen grübelte er, ob die Verwandtschaft seiner Eltern (sie waren Cousin und Cousine ersten Grades) ihn genetisch belasten könnte, und gestand: „Ich nehme Medikamente gegen Schizophrenie. Ich bin nicht schizophren, aber ich habe eine bipolare Persönlichkeit. Ich habe Dämonen, die in mir kämpfen.“

Viele seiner Freunde ahnten zu diesem Zeitpunkt bereits, dass der inzwischen 62-Jährige wieder kurz davor war, in die Dunkelheit abzugleiten. Und noch etwas beunruhigte seine Freunde: Kurz zuvor hatte Spector seinen letzten Bodyguard entlassen. Die Sorge war begründet: Am 3. Februar war keiner da, der ihn, Lana Clarkson oder sonst irgendjemanden vor den Dämonen hätte beschützen können. Noch vor zwei Jahren trugen sich Tom Cruise und Regisseur Cameron Crowe („Almost Famous“) mit dem Gedanken, einen Film über Phil Spectors Leben zu drehen, verwarfen die Idee jedoch, nachdem sie kein passendes Ende finden konnten. Nun gibt es eins. Und egal ob es kaltblütiger Mord oder ein tragischer Unfall war: Ein Happy End ist es nicht.