Highlight: 13 Acts, die wir auch nach ihrem Mainstream-Durchbruch gut finden

Arcade Fire Hackney Empire, London


 Heutzutage finden Konzerte nicht mehr nur in der jeweiligen Halle statt. Über Twitter teilt das web-affine Publikum sämtliche musikalischen Veranstaltungen in Echtzeit mit allen, die statt einer Karte einen Internetzugang haben. So auch an diesem Mittwoch, einem warmen Sommertag in Ostlondon, an dem Arcade Fire für einen Abend zu ihren britischen Fans zurückkehren und neue Songs vorstellen. In der Schlange draußen werden Leute interviewt, deren Kommentare („Ich bin so aufgeregt!“) noch während des Konzerts online erscheinen. Nebenbei spielen Arcade Fire aber auch „in echt“, mit Schweiß und Spucke – Anfassen und Mitklatschen erlaubt und sogar gefordert. „Don’t sit down!“ befiehlt Win Butler den oberen Rängen, die sich nicht zweimal bitten lassen.

Den Anfang macht „Ready To Start“, einer von insgesamt acht neuen Songs. Geradlinig und eher unterschwellig als überschwänglich, mit übersichtlichem Arrangement und prominentem Bass, passt er in das neue Klangbild der Band. „Modern Man“ tänzelt linkisch aber eingängig zwischen 4/4- und 9/8-Takt und vermeidet den befreienden „Drop“, der so viele Arcade-Fire-Hymnen auszeichnet. Die unbedingte Musikalität dieser Gruppe blubbert während des gesamten Sets unter der Oberfläche und bricht besonders bei den FUNERAL-Hits hervor wie Eiter aus einem reifen Pickel – nur noch befriedigender. Bei „Laika“ dreschen die Multi-Instrumentalisten William Butler und Richard Perry auf alles ein, was nicht gerade aus Glas ist, und „No Cars Go“ schürt die quasi-religiöse Glut, die seit den ersten Noten im Publikum glimmt und das 110 Jahre alte, erst kürzlich vorm Abriss gerettete Theater auf alarmierende Temperaturen erhitzt.

Nach einer fiebrig-funkigen Version von „Haiti“, während der Frontfrau Regine Chassagne wie eine zum Leben erwachte Puppe tanzt, lässt Win seine Gitarre erschöpft zu Boden fallen – kein Wunder, denn er ist heute Abend mit vollem Körpereinsatz dabei, wirft sich ins Publikum und lässt nach einem Wahnsinns-Doppelpack von „Power Out“ und „Rebellion“ seine Gitarre wie ein Beil durch die Luft sausen, nur um sie im letzten Moment aufzufangen. „Roccoco“, ein weiterer Song vom neuen Album THE SUBURBS, ist ein befremdliches Stück Art-Rock, dessen Gesangsharmonien und giftige Phrasen an die Pixies erinnern; „Month Of May“ eine lärmige, von Blitzlichtgewitter untermalte Punk-’n’-Roll-Watsch’n. Arcade Fire paaren visuelle Reize, theatralisches Teamwork und spektakuläre Melodik mit einem Zusammengehörigkeitsgefühl, dem sich zu entziehen nur ein Zyniker versuchen würde. Twitter, logisch, kriegt sich nicht mehr ein – und die Grenzen dieses Netzwerks werden deutlich: Wie kann man in 140 Zeichen adäquat beschreiben, WIE gut dieses Konzert war? Andererseits würden 5000 Zeichen vermutlich auch nicht ausreichen. Dieser Text umfasst knapp 3000 Zeichen.

Kooperation

www.arcadefire.com


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