Spezial-Abo
Highlight: 30 Jahre Mauerfall: Diese Songs hätte es ohne die Wiedervereinigung so nicht gegeben

Album der Woche

Beginner Advanced Chemistry


Vertigo/Universal

Von „Ahnma“, der ersten Beginner-Single seit 2004, blieb zunächst viel hängen: die gekläffte Hook des Sandsack-artigen Gzuz, der Refrain des wandlungsunfähigen Gentleman, die bedrohlichen Bläser, die für die bunte Band untypische „Pass mal auf, Alter!“-Ästhetik des schwarz-weißen Videos, das Wiedersehen mit der Mongo Clikke und anderen Deutschrap-Legenden im Finale des Clips. Und die Beginner selbst? Zu Gast auf ihrem eigenen Comeback? Eizi Eiz und Denyo füllen je nur eine Strophe. Doch die haben’s in sich. „Jeder, den du kennst, kennt eine meiner Lines“, rappt Eißfeldt und selten war eine Behauptung im deutschen HipHop so unumstößlich. Denyo gibt den „Jens-Peters“, die „einen auf Endgegner“ machen, geschmackvoll eins mit. Schlägt sie mit seinen, nicht mit ihren eigenen Waffen, droht nicht an, sie zum Zusehen zu zwingen, wenn er ihre Familie auslöscht oder so. Während sich also die Euphorie breiter als zwei Türsteher darüber macht, wie deutscher Rap auf Fotzen-und-Waffen-Vokabular verzichten kann, ohne dabei so zahnlos und familienfreundlich wie Jerry Seinfeld im Vergleich zu Louis CK dazustehen, bohrt sich DJ Mads Beat tief ins Speichersystem des Gehirns.

Interview mit Beginner: „Und darauf kommt der Wumms von heute!“

Wenn Zeitlosigkeit eine wichtige Qualität für jedwede Popmusik darstellt, dann gilt das besonders für Comeback-Songs, deren Ziel es sein muss, die Wartezeit entweder vergessen zu machen oder als lohnend erscheinen zu lassen. Siehe: „Machine Gun“ von Portishead, siehe „Love Spreads“ von den Stone Roses und siehe jetzt auch „Ahnma“. Eine grandiose Rückkehr, die nur am Anfang des neuen, vierten Albums seiner Schöpfer stehen kann. Kurz eingeleitet wird sie von Torch selbst, dessen Band Advanced Chemistry Namenspate stand für den Titel der Platte.

Von der erwarten wir nach den beiden Featurings jetzt aber erst mal: mehr Beginner. Und die bekommen wir auch. Gleich im nächsten Track, „Es war einmal …“, erinnern sie an ihren Aufstieg und verorten jüngere Hörer. Strategisch wichtiger Track. Danach kann’s ins Hier und Jetzt gehen. Der Spagat von der Vergangenheit in die Gegenwart gelingt schmerzfrei: „Schelle“ verbindet so geschickt Reggae mit Trap, dass der Neonow-Einfluss erst beim Analysieren auffällt. Man feiert in „Rambo No5“ („Wir sind im Haus, du bist daheim, wir gehen aus und du gehst ein“), danach folgt der melancholische „Kater“ („Denn so voll wie ich war, so leer bin ich jetzt“).

In „So schön“ huldigen sie der Damenwelt, die im Deutschrap ja gern zur Inspirationsquelle für stark behaarte Beleidigungen degradiert wird. „Thomas Anders“ ist bester Beginner-Humor in der Tradition von „Morgen Freeman“. Mehr als fünf Jahre Arbeit hat die Band in die Platte investiert, das hört man ihr dank zahlloser guter Ideen genauso an wie man es ihr aufgrund ihrer mühelos wirkenden Natur nicht anhört. So macht man das!


ÄHNLICHE KRITIKEN

Kinderzimmer Productions :: Todesverachtung To Go

Als wären sie nie weg gewesen: Das Ulmer HipHop-Duo der ersten Stunde präsentiert sich auf seinem Comeback so assoziationsmächtig und...


ÄHNLICHE ARTIKEL

30 Jahre Mauerfall: Diese Songs hätte es ohne die Wiedervereinigung so nicht gegeben

Vor 30 Jahren fiel die Berliner Mauer, Deutschland ist seit 29 Jahren wiedervereint. Was sagt die Popmusik dazu, und was hat sie in diesen Jahren zu sagen gehabt? Eine Auswahl von sehr unterschiedlichen Stücken, die sich mit dem Leben hier beschäftigen, mit den Eigenarten und Problemen dieses Landes — und mit seinen Extremen.

Bonez MC verspottet Opfer häuslicher Gewalt

In verschiedenen Social-Media-Posts imitierte Bonez MC die Ex-Freundin seines Crew-Kollegen Gzuz, gegen den diese zuletzt schwere Vorwürfe erhoben hatte.

Die 20 besten Momente aus 21 Jahren „Splash!“-Festival

Zum Jubiläum des Splash!-Festivals wagten wir einen ganz besonderen Rückblick. 20 Jahre, 20 Schlüsselmomente. Specter Berlin und Curse schwelgen in Erinnerungen, David Bortot und Jan Wehn erklären die Geschichte des Festivals.


Besser schlafen: Diese Gadgets sorgen für erholsame Nächte
Weiterlesen