Bruce Springsteen Letter To You


Sony (VÖ: 23.11.)

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Seit 2016 hat der selbst erklärte Workaholic Bruce Springsteen eine Autobiografie veröffentlicht („Born To Run“, Platz 1 der „Spiegel“ Bestsellerliste), eine Welttournee bestritten (die „The River Tour“, die von Anfang 2016 bis 2017 dauerte), eine restlos ausverkaufte, 236 Shows andauernde Broadway-Residenz gespielt, ein tolles Soloalbum (WESTERN STARS (2019)) veröffentlicht – und nun ein neues Album mit seinen soul brothers and sisters von der E Street Band aufgezeichnet und in eine geschundene Welt entsandt.

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LETTER TO YOU wurde in nur fünf Tagen eingespielt und besteht aus neun komplett neuen sowie drei älteren Songs. Die Schwächen des Albums sind dieselben, die den Großteil des Springsteen-Spätwerks plagen: verschlepptes, mäanderndes Tempo, luftdicht komprimierte, auf „modern rock“ gepegelte Produktion, und eine Handvoll davon, was in Konzertgeher-Kreisen als „Bierhol-Songs“ bezeichnet wird.

Klingt mal wie Interpol, mal wie Slowdive, mal wie Sonic Youth

In diese Kategorie fällt interessanterweise ein Song, der im Jahr 1972 entstand – als Springsteen den Plattenlabels als der neue Dylan/Van Morrison angepriesen wurde – und seitdem in diversen Versionen bei Sammler*innen kursiert: „Janey Needs A Shooter“, das hier klanglich zwar schön stampfend um die Ecke kommt, aber a) mit fast sieben Minuten viel zu lang ist und b) seit den 70ern textlich offenbar nicht mehr aufgefrischt wurde: „He investigates her and silently baits her sighs. He probes with his fingers, but knows her heart only through his stethoscope“ – paging Dr. Fremdscham!

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Besser: der sonnige, simple Pop von „The Power Of Prayer“, das perfekt auf das unterschätzte MAGIC (2007) gepasst hätte; oder „Song For Orphans“, das ebenfalls Anfang der 70er geschrieben wurde und das hier als Full-Band-Feuerzeugschwenker mit Mundharmonika, schallenden Drums und einem 1a sitzenden Refrain auf Tape gebannt wurde.

Ein Springsteen-Konzert mit E Street Band, in einem vollen Stadion, hat eine transzendierende Wirkung

Mit „Last Man Standing“ findet sich auf LETTER… außerdem der erste Song, der Springsteens Live-Persona als Rock’n’Roll-Priester/Schamane verhandelt: „You kick in the band and side-by-side. You take the crowd on their mystery ride“. Aber Bruce wäre nicht Bruce, wenn er nicht denen gedenken würde, die wir verloren haben: „You count the names of the missing as you count off time“, singt er in der nächsten Strophe, und erinnert damit an den Saxofonisten und „Secretary of the Brotherhood“ Clarence Clemons (1942-2011), an den Organisten Danny Federici (1950-2008), an alle aus der E Street Family, die nicht mehr unter den Lebenden weilen.

Bruce Springsteen – Ghosts (Lyric Video) auf YouTube ansehen

Noch emotional verheerender wird es im Albumcloser „I’ll See You In My Dreams“, dem „Bobby Jean“ dieser Platte: „When all our summers have come to an end. I’ll see you in my dreams“. Ein Springsteen-Konzert mit E Street Band, in einem vollen Stadion, hat eine transzendierende Wirkung, und es ist wahnsinnig traurig, dass es komplett ungewiss ist, wann wir uns wieder in diesem kommunalen Rausch verlieren können. Wenn es dann so weit ist, finden sich auf LETTER TO YOU mehrere Songs, die bei der Zusammenstellung der Setlists Berücksichtigung finden sollten. Und das will bei einem neuen Album eines so verdienten Songwriters wie Bruce Springsteen etwas heißen.

„LETTER TO YOU“ im Stream hören:

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