Highlight: Die 50 besten Songs des Jahres 2017

Damon Albarn Everyday Robots


Parlophone/Warner

Schlaff sitzt der Künstler auf dem Hocker. Das Cover zeigt ihn als müden Mann. Ausgelaugt vom modernen Leben in Gestalt von Smartphones und LED-Bildschirmen. Alles zwitschert, alles flackert – da hält Damon Albarn lieber inne und denkt sich in „Hollow Ponds“ zurück in den trockenen Sommer 1976, als der acht Jahre alte Junge aus dem Osten Londons zum ersten Mal am eigenen Leib spürte, dass Überhitzung ermattet und die Natur erschlaffen lässt.

Darum geht es im Kern auf EVERYDAY ROBOTS, um die Momente, wenn sich das Leben ausklinkt und die Seele Gelegenheit erhält, kurz abzugleichen: Ziel und Weg – passt das noch? Der Körper ist in solchen Augenblicken arbeitslos, deshalb sieht Damon Albarn auf dem Cover seines ersten Albums unter eigenem Namen aus wie Commander Data ohne Hauptplatine.

Es ist eine introvertierte Platte geworden – bis auf eine Ausnahme: „Mr. Tembo“ ist ein verschlufft-fröhliches Lied über einen Babyelefanten, halb Manu Chao, halb Blumfelds „Der Apfelmann“. Man wird das Album nicht wegen dieses Songs in Erinnerung behalten. Eher schon wegen „Lonely Press Play“, bei dem sich Damon Albarn als einsamer Wolf in Szene setzt, dem im Angesicht der Tristesse nichts anderes übrig bleibt, als eine technische Vorrichtung zu starten. Vielleicht einen Plattenspieler. Vielleicht aber auch ein wesentlich sinnloseres Gerät.

Die Musik dazu steckt voller Paradoxien: ein trauriger Groove, akustische Elektronik, Weltmusik aus einem verlassenen Wohnzimmer. Albarn bot Lied-Architekturen dieser Art schon bei den unschlagbaren Gorillaz-Balladen, auf der grandiosen Platte mit The Good, The Bad & The Queen sowie zuletzt den Popstücken seines feingeistigen Projekts DR DEE. Nun hat er diese Kunst weiter verfeinert. „You And Me“ schleicht sich um denkbar uneinsichtige Kurven, um immer wieder ein neues Panorama zu offenbaren.

Wenn Radiohead Momente purer Schönheit erschaffen, sind sie ähnlich gut; nur dass diese den Soulmoment ab 4:30 Minuten niemals so elegant hinbekommen hätten. Interessant: Während es sich Radiohead in einer fein illustrierten Kunst-Parallelwelt bequem machen und Noel Gallagher weiter Nonsens-Lovesongs schreibt, hat Damon Albarn Freude an einer alternativen Form des Bildungsbürgertums gewonnen. Er kritisiert die Medien (schönste Zeile: „It’s hard to be a lover when the TV’s on“), singt über John Coltrane, sampelt Zitate vom Psychedelic-Psychologen Timothy Leary und Lord Buckley, dem Lieblingskomiker der Beatnik-Jahre.

Das ist alles sehr schlau, doch in den schönsten Momenten liegt die Seele blank: „The History Of A Cheating Heart“ klingt wie ein uraltes, tausendfach gesungenes Trostlied für alle, die betrogen wurden. Von Ironie keine Spur: Anders als Jarvis Cocker braucht Damon Albarn keine Distanz. Vielleicht ist es so: Albarn hat die Welt bereist, Freundschaften geknüpft, Kooperationen initiiert. Er entdeckte dabei ein paar universale Dinge: dass Liebe weh tut. Dass die von Menschen geschaffene Technik die Menschen überfordert. Und dass am Ende das Wetter gewinnt.

Er mag auf dem Cover schlaff auf dem Hocker sitzen, aber der Geist ist wach und weise. Ein Bruder im Geiste in dieser Hinsicht ist der Kreativitätsquerdenker Brian Eno, der – weil wie Albarn im Westen Londons zu Hause – beim letzten Stück „Heavy Seas Of Love“ mitsingen darf. Es ist eine Gospel-Nummer, fast wie damals „Tender“. Zu schön, wenn das eine Brücke zu einer neuen Blur-Platte wäre.


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