Album der Woche

Drangsal Exit Strategy


Virgin/Universal (VÖ: 27.8.)

von

Spätestens, wenn sich Drangsal im Finale seiner dritten Platte, im Lied „Karussell“, lyrisch in ein ebensolches verwandelt, das sich, flankiert von 90s-Synthie-Bombast, so schnell dreht, dass es „nichts mehr am Boden hält“, wie Drangsal singt, dämmert es einem: 40 Minuten und elf Lieder lang waren wir ohnehin mit Max Gruber alias Drangsal auf einem Jahrmarkt unterwegs, einer Welt voller Zerrspiegel und Zuckerwatte, „Feuertaufen / Komasaufen“.

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Auch Platz zum Prügeln bleibt. Es ist dies kein Jahrmarkt der Eitelkeiten, sondern ein drangsalierter und somit drangsalierender Jahrmarkt der Selbstzweifel – mit druffen Momenten von Übermut, der rasch wieder in sich zusammenstürzt. EXIT STRATEGY sind in Gassenhauer gegossene Depressionen.

EXIT STRATEGY sind in Gassenhauer gegossene Depressionen

Das wird schon bei den beiden Songs „Escape Fantasy“ und „Exit Strategy“ klar, die so eng ineinander verzahnt sind, dass sie gewissermaßen gemeinsam den Opener des Albums bilden. Eine Gitarre donnert vor Drangsals Bekenntnis: „Ich tu mir selbst nicht gut / Uuh, Baby / Ich weiß doch gar nicht, wer ich bin“ – kurz bevor sich Streicher in den Song hineinfräsen. Falls das wirklich Schlager ist (wie gewiss einige behaupten werden), ist Drangsal der beschlagenste Schlagersänger des Landes – und damit der Welt.

Zur letzten Platte ZORES hat man ihn mit dem jungen Farin Urlaub verglichen; jetzt lässt uns Drangsal wissen, dass er „Urlaub von mir“ braucht. Als wäre es nicht schon gesellschaftlich relevant genug, wenn Ex-Macker und Ex-Marilyn-Manson-Jünger Drangsal so offen mit mentaler Gesundheit umgeht: Mit „Mädchen sind die schönsten Jungs“ singt der (inzwischen selbstbewusst bisexuelle) Max Gruber eine Mutmachhymne für (junge) Menschen jenseits der Cisgender-Norm, seien sie nun trans, inter oder auch nicht-binär. „Mädchen sind die schönsten / Jungs / Sind die schönsten Mädchen.“ Ex-Emo-Gothics sind die schönsten Schlagersänger. Der große Pöbler hat uns sein großes Poesiealbum aufgeblättert. Nennen wir es Pop.


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