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Ernst Molden/Der Nino aus Wien Unser Österreich


Monkey/Rough Trade 13.03.2015

Nein, Ernst Molden und Der Nino aus Wien wollen jetzt nicht auf den Austro-Hype aufspringen, weil es wegen Wanda und Bilderbuch gerade hip ist, Österreicher zu sein. Die beiden Liedermacher produzieren schon seit 2008 hochwertiges Liedgut im Wiener Dialekt. 2011 haben sie sich zum ersten Mal zusammengetan, um ein wunderbares Liebeslied („Blaue Augn, rode Hoa“) aufzunehmen. Seitdem treten sie immer wieder gemeinsam auf, spielen eigene Lieder und alte AustroPop-Hadern. Letztere haben sie nun auf Platte festgehalten: UNSER ÖSTERREICH.

Für jene, die bei diesem Titel hirnlosen Patriotismus à la Gabalier befürchten, schultert Molden auf dem Cover eine zerrissene rot-weiß-rote Fahne. Das Österreich, das er und sein 20 Jahre jüngerer Kompagnon, Nino Mandl, meinen, ist ein höchstpersönliches, abseitiges. Das zeigt auch die Auswahl der Lieder. Die meisten Originalinterpreten – darunter Wolfgang Ambros, Georg Danzer und Falco – kennt man, doch Molden und Mandl haben einige vergessene Schätze aus dem Oeuvre ihrer Landsmänner zu Tage gefördert: Danzers lässiges „Jo, da Foi wird imma Glora“ oder „Espresso“ von Ambros. Karg instrumentiert werden diese Lieder neu interpretiert. Ab und zu bläst Molden in die Harp, einmal schaut Walther Soyka mit seiner Knöpferlharmonika vorbei. Ansonsten hört man nur die beiden Sänger und ihre Gitarren.

Im Vordergrund stehen die Kompositionen und vor allem: die Texte. Schade, dass im Booklet keine Übersetzungen abgedruckt sind. So wird ungeschulten Ohren vieles verborgen bleiben: der schmierige Witz von Danzers „Vorstadtcasanova“. Die nüchterne Gelassenheit, mit der sich der todgeweihte Säufer aus „Tschik“ in sein Schicksal fügt. Die Romantik von „Und dann bin i ka Liliputaner mehr“, bei dem Mandl so sehr an den jungen André Heller erinnert, dass man sich fragt, ob er bei der Geburt nicht gar mit Leftboy vertauscht wurde. Die Beisl-Poesie der Ur-AustroPopper liegt den beiden Barden natürlich näher als Falcos Heroin chic.

Kooperation

„Ganz Wien“ muss Mandl erst aus dem Nachtclub zur Tankstelle zerren, wo Molden mit der Bluesgitarre drüberfährt. Dieselbe Behandlung erfährt das weniger bekannte „Nachtflug“ aus dem Jahr 1992. Plötzlich achtet man wieder auf Falcos Dekadenzdichtung, ohne die Maurice Ernst und Andreas Spechtl heute ganz anders texten würden: „Er bucht den Nachtflug einmal täglich, zur Sicherheit den Heimweg auch, Lichtjahre Luxus vergeblich, es bleibt beim harten Puls im Bauch.“ Wie konnten wir diesen Mann in den letzten Jahren seines kurzen Lebens bloß so gering schätzen? Und wieso schätzen bzw. kennen den sozialkritischen Liedermacher Sigi Maron – hier mit zwei Lieder vertreten – selbst in seiner Heimat nur so wenige? Solche Fragen wirft UNSER ÖSTERREICH auf. Mehr wollten Molden und Mandl nicht erreichen. Über einen zweiten Teil denken sie bereits nach. Angeblich wollen sie Stefanie Wergers „Sehnsucht nach Florenz“ mit dem Banjo zu covern. Wahrscheinlich würde ihnen sogar das gelingen.


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