Album der Woche

Guns N’ Roses Use Your Illusion I + II


Universal (VÖ: 11.11.)

von

Eine Szene, welche die theatralische Tollheit der USE YOUR ILLUSION-Phase der kalifornischen Hardrock-Revivalisten gut zusammenfasst: Am Ende des epischen „Estranged“-Videos (Hubschrauber! Stretch-Limos! Ein im Meer solierender Slash!), im Dezember 1993 und somit 26 Monate nach Erscheinen des Doppelalbum-Doppelschlags als 9. (!) Single ausgekoppelt, hockt ein badebemantelter W. Axl Rose neben einem Delfin und grinst uns verschwörerisch an. Welche Antworten liegen diesem Mann vor? Vielleicht die auf unsere drängenden Fragen, weshalb die Hochzeitsfeier im „November Rain“-Clip so derart schiefging? Wieso einer der Gäste ausgerechnet in der mehrstöckigen Torte Schutz vor dem völlig unvorhergesehen einsetzenden Gewitter sucht? Und wie und ob der Pobacken-lose Delfin bitte neben Rose „sitzt“?

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Wie jeder Rockstar, der seinen Beruf versteht, nutzte Rose damals nicht nur die Kraft der Illusion seiner Allwissenheit, sondern auch die faszinierender Konfusion. Seine Rolle verstand er perfekt. In einer Zeit, in der sich die Popularität von kindisch verkleideten Gimmick-Wrestlern auch in der Rockmusik spiegelte, Bono den MacPhisto und The Fly gab, Genesis zu Stilikonen neoliberaler Geografielehrer avancierten und Kurt Cobain eine ganze Generation mit Flanellhemden uniformierte, war Rose der pompöse Provokateur. Eckt Kanye West heute mit „White Lives Matter“-Shirts an, waren es damals Roses mit Charles Manson und Jesus Christus bedruckte Hemden.

Die Diskografie der Band darf nach 1991 als abgeschlossen betrachtet werden

Vier Jahre nach einem der grandiosesten wie erfolgreichsten Debütalben der Geschichte, dem Rockradio-Klassiker im Strahl kotzenden 30-Millionenseller APPETITE FOR DESTRUCTION, sollte(n) USE YOUR ILLUSION Rose auf eine Stufe mit seinen Songwriting-Idolen stellen, neben Jagger/ Richards, neben Tyler/Perry neben Mercury, neben Taupin. Mit Songs wie „Don’t Cry“ und „Civil War“ erklomm er deren Anhöhen – 30 Songs gewähren ja auch so manche Gelegenheit dazu –, aber oft stürzte er im Siegestaumel ab. Gerade ILLUSION I dünnt zum Ende hin aus. „Bad Apples“, „Dead Horse“ und „Garden Of Eden“ stützten nicht nur die in jedweder Diskussion um Zweifachalben angeführte These, dass weniger mehr gewesen wäre, sondern ließen im Zusammenspiel mit dem 2008 zu Recht wenig beachteten CHINESE DEMOCRACY Fan-Träume von weiteren Alben platzen.

Die Diskografie der Band darf nach 1991 als abgeschlossen betrachtet werden. Diese Behauptung belegt auch das Bonusmaterial der Wiederveröffentlichung: Anders als auf der 2018er-Deluxe-Edition des Vorgängers finden sich unter den 63 bisher unveröffentlichten Stücken des insgesamt 97 Songs starken Re-Releases der Zwillingsalben USE YOUR ILLUSION I + II keine aufschlussreichen Demoversionen unvollendeter Meisterwerke oder verheißungsvolle Skizzen einer Schatzkarte der Zukunft. Stattdessen gibt es neben den remasterten Alben, einem 100-seitigen Buch und Memorabilia-Pipapo vor allem: ganz viel live, etwa das auf 27 Songs festgehaltene Konzert der Band am 25. Januar 1992 in Las Vegas.

Hier tummeln sich neben den üblichen Covers von „Knockin’ On Heaven’s Door“, „Live And Let Die“ und dem „Love Theme From ‚The Godfather‘“ eine fast instrumentale Fassung von „Wild Horses“ der Rolling Stones, sowie hier und da eingestreute Elemente von Jimi Hendrix’ „Voodoo Child (Slight Return)“, „Hotel California“ der Eagles, dem Queen-Albumtrack „Sail Away Sweet Sister“ und „Only Women Bleed“ von Alice Cooper, der auch auf der Studiofassung von „The Garden“ zu hören ist.

Rose sollte der Popkultur nie wieder so seinen Stempel draufknallen

Einigermaßen unpünktlich erschien das Boxset zum 30. Geburtstag nun mit einjähriger Verspätung – stand so immerhin in der Tradition von Roses damaligen Stagetimes. Vielleicht wollte man auch noch die Erfolgswelle des Sommer-Blockbusters „Thor: Love & Thunder“ abwarten, Regisseur Taika Waititi garnierte seinen Superhelden-Schinken gleich mit vier Songs der von ihm verehrten GN’R, pardon: GN’F’R, darunter im dramatischen Schlusskampf das Finale von „November Rain“ mit Slashs wohl elektrisierendster Gitarrenfigur – einem der, wenn nicht sogar dem Höhepunkt des gesamten Genres Hardrock, bestimmt aber der packendste Moment der ILLUSION-Alben.

Der seltsamste wiederum wartet am Ende von II: Das aus dem Rahmen fallende „My World“, das nicht nur verblüffend nahe an Björks späterem „Army Of Me“ poltert, sondern auch als eine Art Post-Credit-Scene Ausblick auf die Industrial-Sequels „Oh My God“ und „Shackler’s Revenge“ gab. Wie bei Arnold Schwarzenegger, dessen zweiter Filmauftritt als Cyborg in „Terminator 2“ die Leadsingle „You Could Be Mine“ hier begleitete, hieß es auch bei Rose: „I’ll be back“. For good. Nichts für ungut. Aber wie der T-800 sollte Rose der Popkultur nie wieder so seinen Stempel draufknallen.


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