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Karkhana Al Azraqayn


Karlrecords (VÖ: 9.7.)

von

Man kann geteilter Meinung sein, ob es des Live-Albums tatsächlich bedarf. Ich finde sie kropf-unnötig. Ja, klar, Spontaneität der Bühnensituation und so weiter, aber jede einzelne Live-Platte tauschte ich im Zweifel ein gegen eine gut produzierte Studioversion. Aber Obacht! Ausnahmen sind natürlich Platten von Impro-Musiken wie Freejazz und Aufnahmen von Stücken, die das gewöhnliche Songformat eh sprengen, dazu gehören auch eher ritualistische Musiktraditionen aus Maghreb und dem Nahen Osten.

Also Musik, wie sie Gruppen wie The Dwarfs of East Agouza oder Orchestra Omar längst aus der Folklore geholt und tief in die Avantgarde gesetzt haben. Bei beiden Bands ist der in Alexandria geborene Oud-Spieler Sam Shalabi beteiligt, der mittlerweile fester Bestandteil der Musikszene von Montreal um das Constellation-Label ist. Hier trifft er unter dem Namen Karkhana mit weiteren Musikern aus den beiden Gruppen und ihrem Umfeld auf Protagonisten aus dem Freejazz, vom Peter Brötzmann Chicago Tentet und dem Johnny Kafta Anti-Vegetarian Orchestra.

Macht also alles Sinn, dieses Live-Album, anders geht es hier vermutlich gar nicht: AL AZRAQAYN sucht die Erlösung durch Überforderung und nimmt unterwegs schnell gefangen. Es beginnt harmlos, mit flirrenden Oud-Ornamenten, die sich bei diesen vier langen Improvisations-Suiten des Septetts auch ihren Raum nehmen dürfen, ehe neue Dissonanzen schwankende Harmonien hereintragen und irgendwo jemand das Tempo anzieht. Und irgendwo dahinter ist auch noch, scheint es, richtig viel Humor verborgen. Selbst wenn der Novelty-Faktor der ungehörten Fusion an Wirkung verlieren wird, diese fast neunzig Minuten Hochenergie bleiben bemerkenswert.


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