Madonna – Confessions II: Gloriose Rückkehr auf den Tanzboden

Madonnas bouncy-Disco-Pop leistet sich mal wieder Abstecher in Regionen abseits normierter Wege. Alles wird gut, wenn uns nur ja die Nacht mit ihren Clubs bleibt.

Wie es war

Als „Confessions On A Dance Floor“ 2005 erschien, konnte Madonna dann doch wieder mit einer ihrer berühmt-berüchtigten Transformationen verblüffen. Die damals 47-Jährige zeigte sich in Shape, zelebrierte einen persönlichen Disco-Rückblick. „Hung Up“ knallte nicht nur mit dem erbettelten ABBA-Sample von „Gimme! Gimme! Gimme!“ rein, sondern auch mit einem Video zum Track, das bei mir – ich gestehe es – Stress und Vergeblichkeitsgefühle erzeugte. Ich, damals und heute genau zehn Jahre jünger als Madonna, war weit weg von ihrer Beweglichkeit und Drahtigkeit, im Gegensatz zu ihr nicht in der Form meines Lebens und von einer Erschöpftheit gezeichnet, die ich mir nur durch Mutterschaft, Beziehungsprobleme und die Wahl eines öden Dayjobs erklären konnte. Ey, was soll denn das jetzt, dachte ich, als ich sah, wie sich die Künstlerin in Leggings, Tanzröckchen und Heels gewandet an der Ballettstange warmmachte, um gleich darauf in eine Choreo einzusteigen, die – wie ich aus einem früheren Leben wusste – gar nicht ohne war. Das Gesicht straff, das Haar glänzend, schien Madonna über ihre eigenen Jahrzehnte hinwegzuschweben. Age is just a number. Klar, ich, wir alle wussten damals schon: Hier hatte jemand hart an sich geschuftet, hatte sich an sich selbst abgearbeitet und präsentierte uns nun das Ergebnis von Bemühungen. Von nix kommt nix. Als das Schnupperschnäuzchen, das sie ja nun mal immer schon war und ist, hatte sie den Puls der Zeit erfühlt und sich – französische Elektromusik war gerade en vogue – Zoot Womans Stuart Price, auch bekannt als Les Rythmes Digitales, als Produzenten gekrallt. Er produzierte auch das neue Album.

Ich fand die Platte fabelhaft. Auch das noch. Die beiden Hammertracks „I Love New York“ und „Get Together“ schmücken bis heute jede meiner Party-Playlists. Und sie funktionieren! Immer noch! Interessanterweise blickte Madonna mit „Confessions On A Dance Floor“ schon damals auf ihre prekäre Anfangszeit in New York zurück, als sie mit wenigen Dollars in der Tasche Nacktmodell und Backgroundtänzerin sein musste, um sich über Wasser halten zu können. Dann ging es allerdings steil bergauf. Unter der Discokugel wurde diese Aufstiegsgeschichte in glitzernden Sätzen erzählt, und das sehr amerikanische Du-kannst-es-schaffen-wenn-du-nur-willst wurde gleich noch mitbespielt. Naja, Madonna halt. Danach kamen – pardon – eher schlechte Alben zustande und auch schlechte Looks. Tiefpunkt: ihr Auftritt beim ESC 2019. Mit Augenklappe. Man fragte sich: Was ist denn da jetzt schiefgegangen bei dem ganzen Geschnippele? Und – ich will es nicht verhehlen – man hoffte, sie möge nun ein wenig die Zügel lockern und in eine entspanntere Lebensphase eintreten. Ich jedenfalls fremdschämte mich ein wenig und versuchte, das Moment der Verzweiflung, das sich mir via Fernsehübertragung ihres Auftritts mitteilte, schnell zu vergessen.

Alters ist eine Frechheit

Doch Pustekuchen. Es wurde weitergemacht. Mittlerweile hatte sich denn auch die allgemeine Sicht auf Selbstoptimierung, Botox, Liftings und strenge Anti-Aging-Routinen verändert. Schnell gehörte all das schon zum guten Ton, hatte – so wurde allerorten postuliert – überhaupt nichts Antifeministisches mehr an sich, im Gegenteil. Jede und jeder so, wie er mag und wie es das Portemonnaie erlaubt. Der blanke Taler, der half, all die Spuren des Lebens aus dem Antlitz der Künstlerin zu tilgen, saß offenbar sehr locker. Ich und Freundinnen diskutierten über Wahn und Wahnwitz all dieser Manöver und waren uns uneinig. Am Ende überwog dann halt die Neugier. Denn: Noch nie zuvor hatte sich eine Popkünstlerin so gegen das Vergessen und das Vor-sich-hin-Modern gesträubt. Ein Ende als Knitterdiva in Las Vegas? Undenkbar für Ciccone. Und was man Madonna eben auch wirklich zugutehalten muss: Sie hat nie aufgehört, sich mit nachfolgenden Künstlergenerationen, ihren Styles und Codes zu beschäftigen. Auch das hält frisch – besonders den Geist. Kein mütterlicher Blick, sondern ein freundschaftlicher trug dazu bei, dass Kooperationen zustande kommen konnten, die sie auf der Höhe der Zeit verorteten. Für wie unverschämt sie die Endlichkeit des menschlichen Lebens immer schon hielt, verhandelte Madonna in der Folge in Clubs, durch Affären und junge Lover, durch geschicktes Schweigen in den Phasen, in denen Taylor übernommen hatte. Aber jetzt. Jetzt weiß sie, wie sie wieder voll reingehen kann. Vor der Veröffentlichung des neuen Albums „Confessions II“ schickte sie einen 14-minütigen Film in die Welt, der zeigt, mit wem man so rumhängen sollte, wenn man dabei sein will und nicht nur vorhanden.

Der Film

Auf dem diesjährigen Tribeca Film Festival feierte er Premiere und wartete mit prominenten Gesichtern auf. Da der groß angekündigte Dokumentarfilm über Ciccones Leben wohl vorerst auf Eis liegt, transportierte diese „cinematic experience“ zumindest schon mal, was Madonna unter einem Rückblick auf ihr Schaffen versteht. Eine Art Fiebertraum nämlich, der sich – sechs Tracks des kommenden Albums featurend – an einem Leben im Club, an Ideen und Erreichtem entlanghangelt. Gedreht wurde das Ganze von David Toro und Solomon Chase, die sich u. a. über die analen Laser-Shows einer Empress Stah hermachten und ein Leben in schnellen Schnitten vorführen. Es treten u. a. auf: Benedict Cumberbatch, Kate Moss, Arca und Honey Dijon. Auch Julia Garner, die eigentlich in einer geplanten Filmbiografie Madonna verkörpern sollte, und Sabrina Carpenter. Verweise, Handreichungen, Rückgriffe auf Geleistetes, Abgearbeitetes. Ist das noch Musikvideo oder schon reine Filmkunst? So ganz scheint sich Madonna noch nicht entscheiden zu können, denn Marketing ist ja – das ist bekannt – immer noch ihre zweite Vorname. Davon zeugt auch ihre aktuelle Zusammenarbeit mit TikTok. Dieser filmische Rückwärtstraum ist ein fiebernder. All das soll bitte nie aufhören. Allem soll bittebittebitte immer wieder Neues hinzugefügt werden. Madonna will noch mitspielen. Klappt das? Lässt man sie? Zumindest auf der Paris Fashion Week neulich schien es so. Dort saß sie in der Front Row der YSL-Show neben Charli XCX, was beide für ein provokatives Zigarettenpäuschen nutzten und ausstrahlten, dass sie sehr genau wussten: Das hier ist ein ikonischer Generationenmoment. Später ging es dann noch in den Club, wo sich beide um die Turntables herumtummelten, wobei Madonna die Moves Charlis irgendwie kopierte und sichtbar wurde, dass es einen Unterschied zwischen dem Haareherumwirbeln einer 33-Jährigen gibt und dem einer fast 68-Jährigen. Und ja, auch ein vor Kurzem absolvierter Auftritt Madonnas zu Promozwecken in New York zeigte ihren unbedingten Wunsch nach jugendlicher Beweglichkeit im Babydoll mit Stulpen, erfüllte ihn ihr aber nicht so ganz. Was ja egal sein könnte, hätte sie für die nächsten Jahre einen Plan B. Mal sehen, wie sie das in Zukunft handhabt.

Zurück auf den Tanzboden

Nun also „Confessions II“. Ging es auf „Confessions on a Dance Floor“ noch um Körper, geht es nun, auf „Confessions II“, um das Durchhalten und Bezugnehmen. Auf 16 Tracks werden Zitatfeuerwerke gezündet. Und es dreht sich hier nicht nur um das erste Geständnisse-Album, sondern auch um die, die davor und danach kamen. Fast hat man das Gefühl, hier solle etwas zum Abschluss gebracht werden, etwas aus der Sicht der Erbauerin erzählt werden, damit sich Außenstehende nicht über das Werk hermachen und es womöglich zum Einsturz bringen können. Trotzdem hat das Konzept dieses Albums nichts Hermetisches an sich. Im Gegenteil. Es wird angedeutet, wieder entzogen, vieles im Unklaren gelassen und aufgearbeitet. Besonders die Beziehungen zur Stiefmutter und zur ersten Tochter Lourdes.

Aber der Reihe nach. „I Feel So Free“ kommt neblig und gespenstisch daher. Hier geistert jemand durch verlassene Räume auf der Suche nach dem Beat und der Bar. „Good For The Same“ ist etwas flügellahm, aber „One Step Away“ erweist sich als echter Knaller! „The dance floor is not just a place, it’s a threshold“, findet Madonna, und mit dieser Aussage hat sie ja wohl zu 100 % recht. Pulsierend, locker gesungen, das Ganze baut sich auf, Streicher, Klavier. Das beste Stück des Albums, finde ich. Es geht über in „Bring Your Love“, den Track mit Sabrina Carpenter. Auch toll. Tanzbar und aufputschend. „I got something I wanna talk about“, heißt es da. Und so kommt es dann auch. „Danceteria“ erzählt die Geschichte dieses legendären Gay-Disco-Clubs according to Madonna, die sich hier frühe Inspo holte und sich dort in durchtanzten Drogennächten so einiges abguckte und abhörte. Eine Ausgehnacht wird beschrieben. Das ist sehr schön und gar nicht sentimental. Es werden die wichtigen Artists der frühen 80er gefeatured und erwähnt: David Byrne und Lou Reed u. a. „Read My Lips“ nimmt musikalisch auf „La Isla Bonita“ Bezug, und „Everything“ zollt dem Anfang von „Vogue“ Tribut, um dann scheppernd und etwas wirr in die Jetztzeit zu führen. „Love Sensation“ ist ein smashiger Retro-Disco-Klassiker, „Love Without Words“ verweist auf „Ain’t Nobody (Loves Me Better)“ und wird von kugeligen Synth-Klängen catchy getragen. „Bizarre“ erinnert zu Beginn an „Get Together“, den ewigen Floorfiller, um dann eine raunende, etwas angestaubte Dancenummer zu werden. „School“ verwirrt mit ausfransenden, abgehackten Beats und einem Magendrücker-Bass, „Fragile“ leistet sich Jungle-Anleihen und verhandelt im Hintergrund den legendären Soundteppich der Band Air. „My Sins Are My Savior“ kommt düster, dräuend, orchestral daher, Stromae ist dabei, es wird teilweise Französisch gesungen, „Justify My Love“ klingt an. „Betrayal“ arbeitet mit einer Interpolation aus Erik Saties „Gnossienne No. 1“ und verhandelt Madonnas schwierige Beziehung zu ihrer Stiefmutter. „The Test“ bietet danach Ciccones Tochter Lourdes „Lola“ Leon Raum, zusammen mit ihrer Mutter in eine kleine familientherapeutische Sitzung einzusteigen. Und zum Schluss treten wir aus dem Club hinaus ins helle Tageslicht, um mit „L.E.S. Girl“ ein healthy Frühstück einzunehmen.

Relevanzcheck

Ein schönes, stringentes Album ist hier gelungen. Es funktioniert wie ein durchgehendes DJ-Set und hat eine ganz eigene Dramaturgie. Es ist gestrig und heutig zugleich, tut aber auch niemandem weh im Sinne von Überforderung durch Soundinnovation. Es ist sowohl Autobiografie als auch – und das nervt manchmal ein bisschen – Handreichung for a younger generation. Da wirkt es dann doch manchmal etwas großtantig. Allerdings: Diese Großtante ist das schwarze Schaf der Familie. Sie hat viel erlebt und viel zerstört. Sie hat Impulse gegeben und sich an Dinge rangehängt, die sie eigentlich nichts angehen. Und doch ist und bleibt sie die Coolste. Man will vielleicht nicht so werden wie sie, weiß aber, dass man es versuchen könnte, wenn man wollte. Weil sie es ja vorgemacht hat. Und weil so vieles geklappt hat in ihrem Leben. Sie gibt allen ambitionierten Frauen die Erlaubnis, guckt sie aber streng dabei an. Das hat etwas Einschüchterndes aber auch Tröstendes, Ermunterndes. Und vielleicht erbt man ja später mal eins der tollen Gucci-Stiefelpaare von ihr, die sie immer so gerne auf den Bühnen dieser Welt getragen hat.