Masha Qrella Woanders


Staatsakt/Bertus (VÖ: 19.2.)

von

Eigentlich ganz schön passend, dass Masha Qrella den Schriftsteller Thomas Brasch den „David Bowie der deutschen Lyrik“ nennt. Nicht einmal so arg wegen Brasch selbst, geboren 1945 im Exil seiner Eltern in England, später Politikersohn, Schriftsteller und Dissident in der DDR, kurz darauf Erfolgsschriftsteller und Regisseur in der BRD, schließlich bis zu seinem Tod 2001 stiller Beobachter des vereinigten Deutschland.

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Eher doch wegen Qrella, die mit WOANDERS eine der wichtigsten Auseinandersetzungen mit Identität im deutschsprachigen Pop veröffentlicht. Hier als ein spätes Öffnen, das einem Prozess des Erkundens folgt: der eigenen Herkunft aus der DDR und was der Umgang damit, also das Chamäleon-Werden im und außerhalb des Pop, mit Masha Qrella, die natürlich auch erst seit Post-Wende Zeiten so heißt, gemacht hat.

Eine Zwischenperspektive jenseits des westdeutsch- dominanten Blickwinkels

WOANDERS versucht eine Zwischenperspektive einzunehmen, jenseits des westdeutschdominanten Blickwinkels, ohne klar als eine „ostdeutsche“ benannt zu sein – es ist eher ein Beobachten von außen, das auch davon unabhängig gelesen werden kann. Bei Brasch fand Qrella Worte, die sie bis dato nicht hatte, und verwandelte seine Lyrik in subtile Pophits.

Thomas Brasch ist Teil einer ostdeutschen Künstlerfamilie, Sohn des späteren Stellvertretenden Kulturminister der DDR und einer Journalistin, Bruder des Schriftstellers Peter und des Schauspielers Klaus Brasch – und der Journalistin und Autorin Marion Brasch. Ihr Roman „Ab jetzt ist Ruhe“ über ihre Familie war Qrellas erste Begegnung mit der Figur Thomas Brasch, der zunächst ein Theaterprojekt folgte, nun das Album.

Die Musik ist dabei ganz Qrella: fast nostalgische Berliner Jahrtausendwende-Golden-Age-Indietronica. Damals formierte sie die stets im Doppel benannten prägenden Bands Mina und Contriva, die für das Berlin der Rave-Hochzeiten einen ähnlichen Zugang zu Rock fanden wie parallel das Label Thrill Jockey für Chicago mit seiner Jazz-Szene. Am Anfang steht Postrock hier wie da für eine wortlose Entschwanzung, die neue Sprachen zuließ und neue Rollen abseits des Gitarrenhelden. Die richtige Musik also für eine wie Qrella, die rasch woanders wahrgenommen wurde, außerhalb des Deutschlands der alten und neuen Bundesländer.

WOANDERS ist auf vielen Ebenen magisch

Heute schielt ihre Musik bisweilen in Richtung eines kalten Electro-Wave – etwa in der Single „Geister“, in der Braschs Zeilen „Ich kann nicht tanzen / Ich warte nur / In einem Saal aus Stille“ zugleich Trip-Tief wie Post-Wende-Tristesse bedeuten könnten, oder nimmt die Form trauriger Postrock-Chansons an, wie im wunderschönen „Blaudunkel“: „Ins Blaue und ins Dunkle / Geht alles Lächeln einst / Ins Dunkel und ins Blau / Wenn du heut Worte weinst.“

Das Titelstück ist schmerzlich tongue-in-cheeky, die alte Sehnsucht: „Wenn man woanders wär / Vielleicht an der Küste / Oder vielleicht nebenan / Woanders / Wenn man an einer Post stehen könnte / Oder am Meer / Im Schnee vielleicht.“  Dirk von Lowtzow, Andreas Spechtl und Qrellas Wegbegleiter von Tarwater machen auch mit, die ihrerseits vor einigen Jahren unter dem Projektnamen Krohn Jestram Lippok ostdeutsche Lyriker vertonten, Chris Imler ist fester Teil der Band.

WOANDERS ist auf vielen Ebenen magisch, lediglich: mit gut 70 Minuten Intensität ein wenig zu lang geraten. Kann trotzdem gut sein, dass es hier schon die merkwürdigste Pop-Transzendenz, den dicksten Kloß im Hals gibt, den dieses Jahr kennenlernen wird. Wenn man woanders wär? Vielleicht lieber hier drin.

„WOANDERS“ im Stream hören:


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