Jahresrückblick

Die 50 besten Alben des Jahres 2021: Plätze 20-11

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Es ist wieder so weit: Jahresendzeit ist Listenzeit. Und auch wir haben es uns in schöner Tradition nicht nehmen lassen, im gedruckten Musikexpress 01/2022 das Popjahr 2021 Revue passieren lassen. Herzstück unseres großen, 43-seitigen Jahresrückblicks ist einmal mehr unsere Liste der „50 Platten des Jahres“. Eben diese Liste wollen wir Euch nun auch online nicht länger vorenthalten und veröffentlichen sie sukzessive – vielleicht mag ja jemand die „besinnlichen“ Tage (lies nicht: Lockdown) dafür nutzen, bisher nicht entdeckte, 2021 erschienene Musik nachzuhören. Hier, nach den Plätzen 50-41, 40-31 und 30-21, die Plätze 20-11, mit Danger Dan, Arlo Parks und Masha Qrella. Gönnt Euch!

P.S.: Und wenn Ihr anderer Meinung seid, teilt sie uns gerne mit – in unserem Pop Poll 2021 könnt Ihr nebenbei jede Menge Preise gewinnen.

20. Kanye West – DONDA (Good Music/Def Jam, VÖ: 29.08.)

Wer es schafft, den Künstler von seiner Kunst zu trennen, hört hier eines der besten und gleichzeitig ärgerlichsten HipHop-Alben des Jahres: Wäre DONDA quantitativ doch bloß weniger als eine „Work In Progress“-Ansammlung von 27 (!) Tracks geworden, hätte es mit Hits zwischen Gospel, Rap, Auto- Tune, Retro- und Introspektive wie „Jail“, „Jesus Lord“, „Come To Life“ und dem Weeknd-Feature „Hurricane“ Wests Opus magnum MY BEAUTIFUL DARK TWISTED FANTASY das Weihwasser reichen können. So erleben wir immerhin den fast zweistündigen Beweis, dass der mutmaßlich mental labile Narzisst West als Ausnahme-Produzent und -Komponist seinen kreativen Zenit noch längst nicht überschritten hat. (Fabian Soethof)

19. Dry Cleaning – NEW LONG LEG (4AD/Beggars/Indigo, VÖ: 02.04.)

Postpunk gibt sich gerne distanziert, doch an Distanz haben Dry Cleaning kein Interesse. Das beginnt mit den Vocals von Florence Shaw, diesen Erzählungen über Konsum, Beziehungen und Alltagsstress, vorgetragen mit einer Stimme, die dem Ohr sehr nahekommt und die von Details erzählt, die eine manchmal unbehagliche Intimität erzeugen. Die Band dahinter weiß sich zu zügeln: wenig Lärm, kaum Kanten, stattdessen eine flächige und fließende Untermalung der Worte. Distanziert ist das nicht – aber unfassbar cool: Ein Album, das auch als Lebenshilfe funktioniert: „Never talk about your ex, never slag them off / Because then they know, then they know.“ (André Boße)

18. Danger Dan – DAS IST ALLES VON DER KUNSTFREIHEIT GEDECKT (Antilopen Geldwäsche/Warner, VÖ: 26.03.)

Man mag über den Aufruf zur Gewalt im viral gegangenen Titeltrack streiten – nicht aber über die Qualität dieses „unerwarteten“ Klavieralbums: Das Antilopen-Gang-Mitglied versöhnt hier HipHop mit Klassik, ohne Gefahr zu laufen, mit einem Crossover-Sticker beleidigt zu werden. Stets on point und mit Pointe, stark in Kommentar, Reflexion und Storytelling und in jedem Song für eine Finte, eine Punchline und eine berührende Melodie gut. In eine Riege mit politischen Liedermachern wie Rio Reiser wird ihn der Kanon womöglich nicht aufnehmen. Aber schon damit, dass Danger Dan stellenweise wie ein Herbert Grönemeyer mit mehr Witz und Ohr an der Straße klingt, dürfte der 38-jährige Rapper vor ein paar Jahren noch selbst nicht gerechnet haben. (Fabian Soethof)

17. Tirzah – COLOURGRADE (Domino/Good To Go, VÖ: 01.10.)

Nicht nur, dass Tirzah eine der schönsten Stimmen Englands hat – sie ist auch die klügste Miss Bartleby, eine Königin der Arbeitsverweigerung. Wie schon auf ihrem hinreißenden Debüt DEVOTION tut Tirzah auf COLOURGRADE nie mehr, als sie muss, um die Spannung in ihren Songs zwischen Lo-Fi-R’n’B und entschleunigtem UK Garage zu halten. Und gerade deshalb hängt man ihr an den Lippen, wenn sie auf geradezu unerhörte Weise über Mutterschaft und Hingabe singt: roboterhaft verfremdet, umrauscht von Störgeräuschen, umflort von Soundscapes, die eher nach „fifty shades of grey“ als nach Colourgrading klingen. (Julia Lorenz)

16. Arlo Parks – COLLAPSED IN SUNBEAMS (PIAS/Transgressive/Rough Trade, VÖ: 29.01.)

Die Lieder auf dem Debütalbum von Arlo Parks schleichen sich an. Ein paar Gitarrentöne, Spoken Words. Dazu zarte Soundscapes. Später Beats, die immer auf der organischen Seite bleiben, kontemporäre R’n’B-Konstruktionen und Indietronics denken, aber auch am Acid Jazz und am Neosoul der 90er-Jahre andocken. Es ist ein warmer Sound, der im besten Sinne im Flow bleibt. Man kann den fließen lassen, aber auch in ihn eintauchen. Dann wird man entdecken, dass die Britin in ihren Songs Persönliches verhandelt, das Allgemeingültigkeit besitzt, von Mental-Health-Themen bis zu Geschlechterverhältnissen. (Jochen Overbeck)

15. Sophia Kennedy – MONSTERS (City Slang/Rough Trade, VÖ: 07.05.)

Was tut man, wenn die Welt in Flammen steht, wenn Blitze den blutroten Himmel erleuchten? Man geht spazieren im Park. Zumindest wenn es nach Sophia Kennedy geht, die in ihrem Song „Orange Tic Tac“ die Ambivalenz zwischen Untergangsangst und -lust besingt. Mit dem Zustand der Welt hat sich auch der Sound der Hamburgerin aus Baltimore verdunkelt. Aus tausend Quellen speist er sich noch immer: Zu finster dröhnendem, waberndem Electro-Pop und verbeulten Gitarrensounds fantasiert Kennedy über Tiere, die sich an ihrem toten Körper laben, und wahnsinnige Mütter. Selten klangen Untergangsfantasien toller. (Julia Lorenz)

14. Masha Qrella – WOANDERS (Staatsakt/Bertus, VÖ: 19.02.)

Es ist erstaunlich, was auf diesem Album zusammenkommt. Einmal die Sounds der Musikerin und Sängerin Masha Qrella, sie führen uns zurück in ein Berlin der 90er-Jahre und der Möglichkeiten. Dann die Texte des Schriftstellers und Dramatikers Thomas Brasch. Sie machen keine großen Worte, sind aber welche. Gemeinsam lässt Qrella ihre und Braschs DNA in einem Album münden, das eingangs erwähntes 90er- und Frühnuller-Berlin aufleben lässt, Labels wie Monika Enterprises oder Kitty-Yo winken. Aber Nostalgikerin ist sie nicht, gibt vielen der Songs eine sehr gegenwärtige Club-Atmosphäre mit, in der man auch ohne Wissen um Brasch versinken kann. (Jochen Overbeck)

13. Black Country, New Road – FOR THE FIRST TIME (Ninja Tune/Rough Trade, VÖ: 04.02.)

Sensation eins, der Sprechgesang von Isaac Wood. Ans Mikro rückte er, weil der Sänger der Vorgängerband wegen sexueller Belästigungen achtkantig aus der Gruppe flog. Was also tun, um es anders zu machen? Wood entwickelte seine Tremolo-Erzählungen über den Wahnsinn des studentischen Lebens, Salinger meets Mark E. Smith. Dazu spielt die Band, Sensation zwei, eine Postrock-Variante, die neben Jazz und Krach auch Klezmer draufhat und das Fieberhafte der Vocals durch Hang zum Chaos unterstützt. Musik am Abgrund. Pop zur Weltlage. (André Boße)

12. The Notwist – VERTIGO DAYS (Moor/Indigo, VÖ: 29.01.)

Das Album erschien während der härtesten Tage der Pandemie, die Menschen mussten früher nach Hause, die Kinder durften nicht in die Schule, alle kulturellen Orte hatten geschlossen: ein Winter, der sich anfühlte wie ein niemals enden wollender Volkstrauertag. In diese Stimmung hinein platzierten The Notwist ihre neuen Lieder: „Where You Find Me“, „Exit Strategy To Myself“ – Mottomusik für Ausflüchte aus dem Mist. Dazu das träumerische „Into Love“ gleich doppelt, die zweite Version als intimer Schunkler fürs Volksfest in der Isolation: VERTIGO DAYS, die analogste unter den Notwist-LPs, wirkte im Winter wie ein Wundermittel. (André Boße)

11. Nick Cave & Warren Ellis – CARNAGE (Goliath Records/Rough Trade, VÖ: 25.02.)

Dass die rot gefärbten Buchstaben AG auf dem Cover nur in Deutschland als mauer Witz über die Arbeitsgemeinschaft Nick Cave und Warren Ellis herhalten könnten, sei geschenkt – die beiden verbindet ohnehin seit Jahrzehnten nicht nur eine musikalische Freundschaft innerhalb ihrer Band. CARNAGE ist ihre erste gemeinsame Platte ohne den Rest der Bad Seeds, entstand im Lockdown, antizipiert Blues, TripHop, Gospel, Balladen und ist im Kern vor allen Dingen mehr als die ohnehin schon große Summe seiner Teile – des Songschreibers, Poeten, Dramatikers, Storytellers und Entertainers Cave und des Multiinstrumentalisten Ellis. (Fabian Soethof)


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