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Album der Woche

Moses Sumney Græ


Jagjaguwar/Cargo (VÖ: 15.5.)

von

Moses Sumney trägt eine Sauerstoffmaske, die seinen Mund und seine Nase bedeckt, seine Worte fallen langsam in den Song: „When I’m weary / and so worn out / ooh, when my mind’s clouded / and filled with doubt“. Im nächsten Moment nimmt er die Maske ab und die Stimme beginnt zu schweben. „That’s when I feel / the most alive / masochistic kisses / Are how I thrive“. Damit beginnt eine Bilderfolge, die von der Flucht aus einer menschenleeren Krankenstätte erzählt, sie endet in den Zuckungen des befreiten Körpers, den Launen des Seins, denen der Künstler im Superfalsett so atemberaubend Gestalt verleiht. „Twerking on top of an ambulance. We love to see it“, jubelt eine Followerin auf YouTube.

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Als das Video zu „Cut Me“ Anfang April erschien, hatten wir uns schon daran gewöhnt, Bilder mit der Coronabrille zu betrachten – die Diskussionen um Abstandsgebote und Freiheitsbeschränkungen beraubten bis dahin gängige kulturelle Zuweisungen ihrer vermeintlichen Unschuld. Inwieweit hat das Virus den Umgang der Kunst mit Emotion, mit Glück und Leiden infiziert? Erst einmal: Das Video zu „Cut Me“ ist vor der Zeit entstanden, in der Corona öffentlich wahrgenommen wurde, der Song bezieht seine große Kraft aus einer Zerbrechlichkeit, die von ganz innen berichten mag und doch so weit nach draußen greift, in die Natur, die wir gerade so anders erleben und in die Natur der Gedanken.

Moses Sumney – Cut Me [Official Video] auf YouTube ansehen

GRÆ heißt das dazugehörige Album, Teil eins steht seit 21. Februar auf Spotify & Co., Teil zwei und der komplette physische Longplayer erscheinen am 15. Mai. Im Rahmen dieser – auch aufmerksamkeits­ökonomisch bestimmten – Dramaturgie gelingt dem amerikanischen Sänger und Songwriter eine Expedition in Klangzonen, die sich Definitionen entziehen und im selben Moment die Existenz des Schwerdefinierbaren feiern. Eine Flucht aus der reinen musikalischen Lehre.

Sumney verwandelt sich in einen flatterigen Pop-Sinfoniker

Grau ist nichts so richtig, weder hell, noch dunkel, eine Farbe sowieso nicht. Grau ist eher wolkig besetzt, auch ein Ton der Neutralität. Der Künstler, der seit dem Album AROMANTICISM nur noch auf den Ritterschlag zum neuen Star der black music wartete, tritt hier aus dem eher engen Erwartungshorizont heraus, der ihm und musikalisch Verwandten zugewiesen wird. Sumney verwandelt sich in einen flatterigen Pop-Sinfoniker, der den grauen Himmel per Zauberstab in jedem Moment, in jedem der 20 Songs in full colour setzt.

Die Entfernung aus den Farben korrespondiert mit der Flucht aus den Stereotypen. Im Video zu „Virile“ tanzt Sumney zwischen den Fleischklumpen in einem Schlachthof, seine Reflexionen gelten überkommenen Bildern von Männlichkeit, die Stimme schießt in Extreme, die Musik: ein Hybride aus Hymne, Ambient und zerstörerischen Pop-Melodien. Arena-Rock vielleicht noch? Ist Geschlecht oder Hautfarbe so relevant, muss ich meiner Identität, meiner Musik einen Namen geben? „I fell in love with the in-between / Coloring in the margins“ – so bilanziert der Sänger seine Jugend in „Neither/Nor“. Auf „Polly“ nimmt er gleich zwei Liebespositionen ein, die eine schließt mit der Frage, ob er nur noch jemandes „friday dick“ sei. Superschmusiges Lied, by the way.

Moses Sumney – Virile [Official Video] auf YouTube ansehen

Der besondere Charme dieser Songs beruht auch auf den musi­kalischen Eingemeindungen, die Sumney u.a. in Zusammenarbeit mit Daniel Lopatin (Oneohtrix Point Never) vorgenommen hat, der Sänger kann sich in R’n’B, Art Rock und Jazz verlustieren, die Gitarre zur Ballade spielen, mit den Streicher­ensembles tänzeln und den Maschinen beim Heulen lauschen.

Ein sehr kurzes und seltsames Stück Selbstermächtigung

Wenn wir GRÆ eines Tages in die Jahrzehntbestenlisten aufnehmen, werden wir uns auch an epochale Werke der Vergangenheit erinnern. An Stevie Wonders SONGS IN THE KEY OF LIFE oder Prince’ SIGN O’ THE TIMES – von Sumney weitergedacht bis an die Ränder des Pop. Genauer: in Richtung eines „also also also and and and“ (auch das ist ein Songtitel). Die Erzählstimme, die eben noch im Sound zu versiegen schien, verstellt, verwandelt sich. Es beginnt ein Alien Talk, begleitet von so etwas wie einem Tröpfeln und Keyboards, die Saxofone sein könnten, oder umgekehrt. Ein sehr kurzes und seltsames Stück Selbstermächtigung. „I insist upon my right to be multiple“, sagt die Stimme.


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