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Nick Cave & Warren Ellis CARNAGE


AWAL (25.02.2021)

von

Nick Caves Plan war, mit den Bad Seeds die größten Arenen seiner Karriere zu bereisen. Wie wäre das geworden? Hätte er seine Inszenierungen übertrieben, inklusive Jumping-the-Shark-Effekt, also der Entzauberung des Sängers als Hohepriester-to-go? Es kam die Pandemie. Cave nahm die Klavierkonzert-Andacht IDIOT PRAYER auf: Intimität statt Massenekstase.

Nick Cave und Warren Ellis

Nun folgt CARNAGE, das erste Studio-und-Song-Album des Duos Nick Cave und Warren Ellis. Es handelt sich tatsächlich um eine Art Bad-Seeds-Platte ohne die anderen: kein Bass, keine Drums. Cave singt und spielt Klavier, Ellis organisiert den Rest: Geige, Loops, Gitarren, Elektronik – auch Beats. Das Album beginnt mit einem pumpenden Wumms, der nahelegt, CARNAGE könnte zum Electronica-Abenteuer werden. Zur Ruhe kommt das Album erst in der zweiten Hälfte. Im ersten Stück „Hand Of God“ widmet sich Nick Cave mit biblischen Versen der Katastrophe, die uns umgibt, lähmt und tötet. Er war schon immer ein Dichter der Apokalypse, seine Metapher von der Hand Gottes, die wie ein Hammer vom Himmel auf uns niederschlägt, zeigt Wirkung: Electro-Goth von einem, der vom Glauben abfällt.

„Old Time“ ist im Kern ein TripHop-Stück, Cave findet sich im Swimming Pool eines Motels wieder, zitiert Jimmy Webbs „By The Time I Went To Phoenix“, das er vor vielen Jahren auf dem Album KICKING AGAINST THE PRICKS gecovert hatte. Warren Ellis entwickelt zu diesen Worten ein brillantes Arrangement: Es tut sich wahnsinnig viel, kleine Effekte, große Streicher, irrer Krach.

„Carnage“ wird seinen Platz im Kanon der ganz großen Nick-Cave-Songs finden

Erster Ruhepol ist das Titelstück: „Carnage“ bedeutet Gemetzel, das Lied dagegen ist milde, wunderschön, intim – todtraurig, weil es davon handelt, wie sich das Gefühl des Verlusts im Gedächtnis verankert, „like a raincloud circling over the head“. „Carnage“ wird seinen Platz im Kanon der ganz großen Nick-Cave-Songs finden.

Interessant ist der Fan-Service, den Nick Cave auf CARNAGE bietet: „White Elephant“ startet wie eine dieser elektronischen Depri-Beichten von Arab Strap, wandelt sich am Ende in einen Gospel, der auf THE GOOD SON verweist. Bei „Shattered Ground“ zitiert Nick Cave den manischen Talking-Blues von „Tupelo“. Die zwei magischen Momente von CARNAGE spielen jedoch im Hier und Jetzt: Beim Spazierganglied „Lavender Fields“ erinnert sich Nick Cave an jemanden, der ihn fragte, wie es ihm gehe. Tja. Im Finale „Balcony Man“ wird sich der Sänger der Schönheit von Leben und Liebe bewusst: „This morning is amazing and so are you.“ Liest sich kitschig, klingt gigantisch.

CARNAGE startet mit der Apokalypse und endet also damit, die Balkontür aufzumachen, den neuen Tag zu begrüßen. Nick Cave, der Lockdown-Storyteller. Plus Warren Ellis, dem begnadet guten Mitstreiter.

CARNAGE von Nick Cave & Warren Ellis erscheint am 24. Februar 2021 digital bei Goliath Records Ltd (via AWAL Recordings LTD). LP und CD erscheinene am 28. Mai 2021.

CARNAGE von Nick Cave & Warren Ellis – die Tracklist:

1. Hand of God                                 
2. Old Time                                              
3. Carnage                                      
4. White Elephant                                     
5. Albuquerque                                        
6. Lavender Fields                                    
7. Shattered Ground                         
8. Balcony Man 

„CARNAGE“ im Stream hören:

Joel Ryan

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