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Nirvana In Utero


1993

von

DieTatsache, daß Kurt Cobain und sein Bassist Chris Novoselic ihr Geld mal als Creedence Clearwater Revival-Imitation gemacht haben, war kein Zufall. Cobains Gesang auf Nirvonas neuem Album IN UTERO erinnert in Momenten an die einsam grandiosen Aufschreie John Fogertys, der auch immense Schwierigkeiten hatte, sein exaltiertes Stimm-Organ zu zügeln. Cobain ist eine Generation jünger: Er zügelt nichts, nie. So als hätte NEVERMIND nicht den hysterischen Nirvana-Wahn über den ganzen Globus ausgelöst, „brülliert“ Cobain mit zähnefletschender Unerbittlichkeit, quer durch, bösartige Songs eines Werkes, das zu keiner Sekunde Kompromisse irgendwelcher Art eingeht. Im Vorfeld der Veröffentlichung gab es haufenweise Gerüchte, Nirvanas Label Geffen Records wäre stinksauer, weil die Band ein völlig „untypisches“ Album abgeliefert hätte. Doch das zweite Mojor-Werk Nirvanas straft die Spötter lauthals Lügen. Bis auf ein paar eher peinliche Repliken an NEVERMIND, will heißen, die Wiederholung des „Teen Spirit“- Riffs in Reinkultur, ist IN UTERO die glühende Klaustrophobie pur, manische Variationen im immer gleichen Koordinatensystem, die asketische Beschränkung auf die Urkombination von Gitarre/ Stimme, ein betäubendes Environment aus Wut ,Schweiß und Träumen. Die elementare, vitale Sehnsucht nach verlorener Harmonie bricht sich archetypisch Bahn in Cobains eruptiven Gesangskasakaden, während des zweiten Songs „Scentless Apprentice“, wo sich sein Stimme unerbittlich treibend wie eine Schlagbohrmaschine in unheimliche Gemäuer schraubt, an folternden Starkstrom angeschlossen, der Worte wie Funken schleudert. Wie immer ist der Gesang tricklos präsent: ohne Hall, nackt, denn Nirvana verschwenden zu keiner Sekunde einen Gedanken an klangtechnische Vielfalt. Besessen und konsequent füllen sie ihren engen Raum aus, und wenn bei kecken Quasi-Balladen wie „Rape Me“ zwischenzeitlich die Kerze statt des Flammenwerfers brennt, ist das nur die Vorhölle, bevor Kurt Cobain in Fleischwolf-Songs wie „Milk It“ die vermeintliche Sanftheit mit einem Urschrei foltert. Schwierig, in einer so brutralen Atmosphäre noch prallen Charme unterzubringen. Doch auch das gelingt. „Frances Farmer Will Have Her Revenge In Seattle“ — ein Songtitel, der fast keinen Text mehr benötigt. „Dumb“ — präzise Selbstironie, — und wer zum grantigen Schluß in „All Apologies“ alle gewollt banalen Wortspiele in einen Beatles-Sound der Maharishi-Phase kleidet, hat wahrhaftig Durchblick. Die Gebärmutter (Uterus) ist bekanntlich ein muskulöses Organ, das Leben schützt und vorantreibt. Eine Enge, die am Anfang jeder Explosion steht.


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