Otto von Bismarck
HAUPTSTADT DER SCHMERZEN
Staatsakt/Bertus (VÖ: 30.1.)
Singer/Songwriterpop mit Schuss: Die Berliner Underground-Legende kommt seinem Innenleben auf die Spur.
Ottmar Seum alias Otto von Bismarck ist schon sehr lange unterwegs in dem, was wir Musikbusiness nennen. Erst war er Anfang der 80er-Jahre bei Grabhund tätig, dann gründete er zusammen mit Caspar Brötzmann The Bonkers und noch später war er Teil der legendären Space Cowboys. Ab 1998 ist er solo unterwegs, schrieb auch schon mal für andere Künstler:innen. Und nun.
Nach ZU VIELE ERINNERUNGEN (2022) erscheint HAUPTSTADT DER SCHMERZEN. Und, ja, der Titel ist Programm. Wir erfahren einiges zum Innenleben des Künstlers, der sich selbstironisch bis verspielt-kritisch mit seiner eigenen Person in den Wirrnissen unserer Zeit und einem Berlin auseinandersetzt, das ihm in Teilen merkwürdig fremd zu sein scheint. Im Titeltrack formuliert er das in Spokenword-Manier aus.
Konsumkritik („Alles ist billig“), Appelle für Angstfreiheit („Keiner stirbt mehr“) und Instrumentals („Chaconne No 2“, „Piano Suite No 1“) wechseln sich mit lebenspositiven Überlegungen zu Freundschaft und Liebe ab. Komponiert und produziert wurde das Album gemeinsam mit Daniel Nentwig von The Whitest Boy Alive, und hat durchaus auch etwas von der lässigen funky-smooth-jazzigen Entwurfsdichte dieser Band. Seum, Jahrgang 1959, denkt in jedem seiner Stücke irgendwie die alte BRD mit. Das macht Spaß und ist teilweise melancholisch eingefärbt. Ein sensibler, vielleicht auch verletzter Mittsechziger, der seine Innenwelt via Pop beschreibt? Warum nicht. Locker und flockig kommt er sich, und den Dingen, die ihn umgeben, auf die Spur.
Diese Review erscheint im Musikexpress 2/2026.



