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Pearl Jam Let’s Play Two (CD und DVD)

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2016 war für Pearl Jam und die Chicago Cubs ein ganz besonderes Jahr: Die Rockband gab gleich zwei ausverkaufte Konzerte im Wrigley-Field-Stadion und damit an dem historischen Ort, an dem ihr in Chicago geborener Sänger Eddie Vedder schon als Kind Baseballspiele seiner Lieblingsmannschaft verfolgte. Im gleichen Jahr gewannen die Cubs das erste Mal seit 108 Jahren die World Series. Zumindest das konnten Pearl Jam und ihr Regisseur Danny Clinch nicht ahnen, als sie im August 2016 ihren jüngsten Dokumentarfilm „Let’s Play Two“ drehten. Dessen Geschichte hilft dieser glückliche Zufall freilich ungemein.

Man sollte meinen, dass eine so routinierte Touring Band – so auch der Name ihrer Live-DVD aus dem Jahr 2000 – wie die 1990 in Seattle gegründeten Pearl Jam sich nach zehn Studioalben und über 1100 Konzerten durch nichts aus der Ruhe bringen lässt. Zwei Shows, die für ihren Sänger ein derartiges Heimspiel markieren, spielen aber auch sie nicht alle Tage. Ehrensache und eine Frage von Professionalität, dass sie auch diese Abende souverän absolvieren würden – und eine Gelegenheit, Rockstars in milder Demut zu zeigen.

Danny Clinch hat nach „Immagine In Cornice“ seinen zweiten hervorragenden Film über Pearl Jam gedreht: „Let’s Play Two“ fängt die Emotionen seiner Protagonisten so detailgenau ein, dass der Film auch für Zuschauer, die weder Pearl-Jam- noch Cubs-Fans sind, mindestens interessant sein müsste: Wie der im Vergleich zu Eddie Vedder riesengroße Ex-Basketballer und -Wrestler Dennis Rodman plötzlich auf der Bühne steht und „Black, Red, Yellow“ mit seiner Lieblingsband singt. Wie der an ALS erkrankte Ex-Footballer Steve Gleason im Rollstuhl auf die Bühne fährt, durch seinen Sprachcomputer Pearl Jams Textzeile „How we choose to feel, is how we are“ aus seinem Lieblingssong „Inside Job“ frei zitiert, um den Hinweis „Personally, I feel fucking awesome“ ergänzt, und selbst Gitarrist Mike McCready, der mit Baseball und Chicago weniger anfangen kann als Edelfan Vedder, Tränen verdrückt. Wie Cubs-Legende Ernie Banks, in der Stadt durch eine Statue geehrt, bei Pearl Jams erster Wrigley-Field-Show 2013 auf die Bühne tritt und man durch den Off-Kommentar erfährt, dass er anderthalb Jahre später starb. Wie Cubs-Manager Joe Maddon mit Regisseur Clinch nicht über Baseball oder Pearl Jam, sondern bloß über Clinchs Zusammenarbeit mit Bruce Springsteen sprechen wollte. Wie der junge Vedder kurz vor Veröffentlichung des Pearl-Jam-Debüts TEN 1991 am Wrigley Field vorbei schlendert, ein paar Meter weiter im Metro Club ein Konzert gab und damals nur träumen konnte, selbst in diesem Stadion aufzutreten (Vedders Ansage: „Wir haben bloß knapp über 20 Jahre für zwei Blocks gebraucht!“). All das sind Momente, für die Pearl Jam sich so dankbar zeigen wie ihre Gegenüber auch.

Zu kurz kommen in „Let’s Play Two“ hinter Vedder und den Cubs lediglich die weiteren Bandmitglieder, und Pearl Jams Stellenwert für Chicago und die Rockwelt hätte durch weitere Kommentatoren nachdrücklicher unterstrichen werden können: Mit beispielsweise Billy Corgan, Jack White, Jeff Tweedy, Mavis Staples oder Matt Skiba hätte die Stadt ausreichend weitere bekannte Musiker zu bieten, die in anderen Filmen über Pearl Jam nicht zu Wort kommen würden. Aber diese Lücke machen Menschen wett, die sonst vor gar keine Kameras treten: Beth Murphy zum Beispiel, die die Cubs-Kneipe „Murphy’s Bleachers“ seit dem Tod ihres Mannes alleine schmeißt und Pearl Jam zwischen den beiden Konzerten für Proben auf ihrem Bardach begrüßen durfte. Der Mann, der Tage vor Türöffnung vorm Wrigley Field campiert, von seinem verstorbenen Vater erzählt und später von Vedder persönlich gegrüßt wird. Oder all die anderen Die-Hard-Fans, die Pearl Jam den Ruf der neuen Grateful Dead einbrachten.

Für all die Menschen, die tatsächlich Fans von Pearl Jam, den Chicago Cubs oder gar beiden sind, ist der Musik- und Sportfilm „Let’s Play Two“ sowieso Pflichtprogramm: DVD und CD fangen in 17 Songs (und fünf Bonus-Videos) aus beiden Abenden eine Band auf der anhaltenden Höhe ihres (Live-)Schaffens ein, der Film dokumentiert darüberhinaus den Weg hin zu einem Ereignis, das außer Robert Zemeckis in „Zurück in die Zukunft“ wohl keiner für jemals möglich hielt: Die ewigen Loser der Chicago Cubs gewannen am 2. November die World Series 2016 in einem entscheidenen siebten Spiel. Für die Cubs und ihre Fans gilt offenbar das Gleiche wie für Pearl Jam: Leidenschaft zahlt sich am Ende doch noch aus.

Pearl Jams „Let’s Play Two“ ist am 17. November erschienen, der Soundtrack zum Film am 29. September.

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