R.E.M.
LIVE AT THE BBC
Concord/Universal (VÖ: 10.4.)
Indie-Rock: Neuauflage der Box mit den gesammelten Aufnahmen aus dem Archiv der BBC. Beginnend mit einem Mitschnitt der späteren Superstars als nervöse College-Band. Und einem Sänger, der das Mikro meidet.
Da ist zum einen eine der größten Bühnen, die man als Band bespielen kann: Glastonbury, Pyramid Stage, Headliner-Slot. Es ist das Jahr 1999, R.E.M. haben gerade ihren Drummer Bill Berry verloren. Auf UP, dem ersten Album ohne ihn, übernimmt größtenteils ein schüchtern eingestelltes Elektronikschlagzeug die Rhythmusarbeit. Als es dann aber darum geht, die neuen Songs sowie Höhepunkte des Katalogs in Glastonbury auf die Bühne zu bringen, bittet die Band ihren Live-Schlagzeuger Joey Waronker, wirklich alles zu geben: R.E.M. waren eine große, laute, gewaltige Rockband.
Da ist zum anderen die St. James’s Church im Westend von London, gelegen zwischen dem Gewimmel am Piccadilly Circus und dem Luxushotel The Ritz. Dort spielen R.E.M. im Jahr 2004 ein einziges Konzert, vor wenigen Hundert geladenen Gästen. Und obwohl die Band diesen Gig mit dem gleichen Song beginnt wie die Show in Glastonbury, dem so fabelhaften wie unterschätzten „So Fast, So Numb“ von NEW ADVENTURES IN HI-FI, entwickelt sich der Abend in eine andere Richtung. Haben es R.E.M. in Glastonbury auf Weite angelegt, verengen sie in der Kirche den Raum, was ihnen bei „E-Bow The Letter“ und „Leaving New York“ besonders gut gelingt.
Was für ein Segen
Was beide Shows gemeinsam haben: Die BBC hat sie aufgenommen. Was für ein Segen. Die gesammelten Mitschnitte aus dem Archiv des Senders erschienen erstmals 2017. Die Box mit acht CDs und einer DVD war schnell vergriffen, nun legt Concord das Set noch einmal neu auf. Verfügbar ist die Musik auch bei den Streamingdiensten, doch geht dort die Individualität der Aufnahmen in der Masse verloren. Die CD-Variante garantiert erstens Übersichtlichkeit, zweitens einen besseren Klang, drittens das zusätzliche Videomaterial, zu dem auch die BBC-Doku „Accelerating Backwards“ zählt, die im Netz nicht zu finden ist.
Die ältesten Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1984. R.E.M. sind mit ihrem zweiten Album RECKONING in Europa unterwegs, in einem Club in Nottingham, weit weg von London. Die BBC ist dennoch vor Ort und versucht das Beste, diese nervöse Jingle-Jangle-Collegeband adäquat aufs Band zu bekommen. Bei der Gitarre von Peter Buck gelingt das exzellent, die Balance aus Drums und Vocals dagegen ist durchaus ein Problem, was vor allem an Michael Stipes Art des Gesangs liegt: Er versteht sich damals nicht als Leadsänger, sondern als Silben- und Melodiengeber, das Mikro meidet er eher. Der Mitschnitt ist dennoch ein tolles Dokument, weil er beweist, wie stark die künstlerische Vision der Band bereits damals war – und wie unfassbar schön der Song „So. Central Rain (I’m Sorry)“ ist.
Atemberaubend gut
Sieben Jahre später sind R.E.M. bereits eine grundlegend andere Gruppe. Für BBC 1 spielt sie in der Reihe „Sessions Into The Night“, es ist die Phase, in der R.E.M. ihre Songs entkleiden, zu hören auch beim „MTV Unplugged“-Mitschnitt aus dieser Zeit. Die Versionen der fantastischen B-Seite „Fretless“ sowie des Fanfavoriten „Half The World Away“ vom kommerziellen Durchbruchsalbum OUT OF TIME sind atemberaubend gut. Wie schnell sich die Gruppe in den Neunzigerjahren entwickelt, zeigt der BBC-Mitschnitt einer Show in Milton Keynes im Jahr 1995: Die Band hat sich gerade mit MONSTER als Alternative-Gitarrenband noch einmal neu erfunden, der Gig ist laut und verzerrt. R.E.M. meiden die Eleganz von AUTOMATIC FOR THE PEOPLE, „Drive“ wird als Rocksong umgedeutet. Von den Live-Mitschnitten des OUT OF TIME-Highlights „Country Feedback“ hat diese Version die intensivste Gitarre – noch übertrumpft von „Let Me In“, dem Moment, als R.E.M. ihre Balladenkunst im Stil von Shoegaze-Nerds wie Flying Saucer Attack oder My Bloody Valentine arrangierten.
Ende der Neunzigerjahre sind R.E.M. dann endlich auch bei John Peel zu Gast. Dass der legendäre DJ die Band nicht schon früher zu sich eingeladen hatte, mag belegen, dass er nicht der größte Fan unter der Sonne war. Zumal er R.E.M. 1998 auch nicht im BBC-Studio exklusive Aufnahmen machen ließ, sondern lieber eine intime Session anregte. Die Band kümmerte es nicht, vor allem die wuchtige Version der Patti-Smith-Hommage „Walk Unafraid“ sticht heraus.
Da die jeweiligen Mitschnitte in der Regel nicht kuratiert wurden, gibt es die großen R.E.M.-Songs „Man On The Moon“ (achtmal) und „Losing My Religion“ (sechsmal) sehr häufig zu hören. Wobei das Lied über den Mann auf dem Mond bei der nächtlichen „Drivetime“-Session der BBC aus dem Jahr 2003 besonders schön klingt, nämlich wie eine vergessene Powerpop-Ballade im Stil von Big Star.
Diese Review erscheint im Musikexpress 4/2026.





