Album der Woche

Schnipo Schranke

Rare

Buback/Indigo

Die aufregendste Band Hamburgs macht jetzt Indie-Pop mit traurigen Feelings – und trotzdem darf, nein, sollte man dabei kichern.

Multitasking wird ja manchmal überbewertet. Netflix gucken, dabei mit der einen Hand ein schönes Stück totes Tier in der Pfanne wenden und mit der anderen tindern: Macht doch alle elf Minuten jemand. Aber können Sie da draußen eigentlich gleichzeitig kiffen und kacken? Probieren Sie das ruhig mal aus. Senden Sie uns im Anschluss einen handgeschriebenen Leserbrief mit ihren Eindrücken und schauen Sie, ob sie sich mit denen von Schnipo Schranke decken, die ihre in „Haschproleten“ schildern: „Die Mischung auf den Knien, der Arsch im Chlor, kommt’s mir schon ohne dran zu ziehen wie im Schwimmbad vor“.

Klingt im ersten Moment ganz funny, doch der Besuch im Schwimmbad ist ja nicht immer jedermanns Sache. Kiffen übrigens auch nicht. Kacken, da sind wir uns sicher alle einig, das muss dann doch jeder ab und an, ob er will oder nicht. Kacken ist im Prinzip so natürlich, wie Traurigsein. Oder bedrückt, oder nachdenklich. Die beiden Schnipos Daniela Reis und Fritzi Ernst sind das auch manchmal, und das verhandeln sie auf ihrem zweiten Album RARE.

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Die Herangehensweise ist diesmal aber eine andere als bei ihrem Debüt SATT, gerade erst im September 2015 veröffentlicht, das für seine enorme Direktheit viel zitiert und hoch gelobt wurde. Dass SATT so gravierend klingt, liegt vor allem an den erstaunlich simplen Songstrukturen, die sich mit überdurchschnittlich pointierten, klugen Texten paaren: Das knallt, schonungslos. Die neue Platte funktioniert anders. Die Texte sind immer noch pointiert und klug, die Stücke in ihrer Konsistenz aber vielschichtiger.

Das Klavier, der Synthesizer, die Drums haben mehr zu tun und sind nicht mehr nur bloßer Nebenschauplatz. So entsteht Dramaturgie, und Schnipo Schranke wissen damit zu spielen. Das machen sie sogar so gut, dass ein Song wie „Herr Schulz“ – würden darin keine harten Pimmel und Taschenbongs Erwähnung finden – so mitreißend inszeniert ist wie ein Stück aus einem Disney-Film.

Die Klavierakkorde tanzen, Fritzi mimt den epochalen Einpersonenchor, die Flötenmelodie braust auf, und man sieht vor dem inneren Auge schon vergnügt und vertrauensselig die kleinen Vögelchen auf dem Fensterbrett von Cinderella zirpen, während sich im Hintergrund bedrohlich der Himmel zusammenzieht. Herr Schulz ist nämlich tot. To-hot! Bei so viel Pop-Spektakel geht aber, und das ist die hohe Kunst von Schnipo Schranke, der Witz nicht verloren. Man darf ruhig ein bisschen giggeln, auch wenn einer stirbt. Oder die Liebe unerfüllt bleibt. Oder Familienmitglieder die eigene Jugend versaut haben. Oft ist es nun mal genau so wie Dani es in „Stars“ besingt: „Mein Real Life ist immer filmreif.“