Popkolumne, Folge 145

Offener Brief an Bushido / Schwanz ab: Linus Volkmanns Popwoche im Überblick

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

Kennt ihr das? Manche Dokus über schreckliche Leute oder fiese Verbrecher möchte man sich nicht so gern anschauen. Gar nicht mal, weil man denkt, die Story könnte einen jetzt langweilen, sondern weil man fürchtet, durch eine gute Film-Erzählung so reingesogen zu werden, dass man sich mit der furchtbaren Person am Ende doch noch identifiziert. Man ist ja einfach so beeinflussbar.

Oder zumindest ich. Ich will natürlich nicht für euch sprechen. Aber mir geht es wirklich so: Wenn jemand (vermeintlich) von seinem Herzen spricht, dann ist es bei mir schnell soweit, dass ich mit feuchten Augen jedem noch so üblen Schurken, jeder noch so verschlagenen Schurkin doch wieder eine Chance zu geben bereit bin. Unmöglich, ich weiß! Zum Glück arbeite ich nicht bei Gericht.

So hatte ich arge Zweifel, ob ich mir eine Bushido-Doku geben sollte. Immerhin eine, die ihn zwei Jahre begleitet hat, und ganz nah dran war, als er seine Bande zu dem Abou-Chaker-Clan löste – und die ganze Nummer mit Polizeischutz und dem Prozess losging.

Bushido halte ich für einen der schlechtesten Menschen im Showgeschäft. Ungerade wie eine Zypresse sowie tief durchdrungen von internalisierter Homophobie, Misogynie und was sonst noch so eine unangenehme Figur ausmacht. In den Nuller Jahren schickte ihn sein damaliges Label Universal mal in die Redaktion des Intro-Magazins, für das ich in jener Zeit arbeitete. Er sollte wohl ein wenig für sich werben abseits seiner Straßenrap-Erzählung, damit auch die Medien und nicht nur der männliche Schulhof bei ihm anbiss. Überzeugend kam das allerdings nicht rüber. Ich erinnere mich an unser Gespräch eher so in der Richtung: Er habe nichts gegen Schwule, aber …

Bushido halt. Doch was, wenn ich nach der Doku auch für diesen Mann Verständnis aufbringen muss? Schreckliche Vorstellung.

Doch: Danke Bushido! Die sechs Folgen „Unzensiert – Bushido’s Wahrheit“ (auf Amazon Prime) haben es geschafft, dass die Abneigung nicht nur erhalten blieb, sondern weiter wuchs. Das ging mir nicht mal bei Charles Manson so, möchte ich erwähnen. Also auch schon wieder ein Superlativ, dass sich der Rapper an seinen Bettpfosten ritzen kann.

Bushido jedenfalls ließ sich über zwei Jahre von der Kamera begleiten, er möchte sich, das wird schnell deutlich, nach all den Dekaden Bad-Boy-Gebelle anders präsentieren. Ich habe ihm dabei zugeschaut.

25 Dinge, die ich gelernt habe von der Bushido-Doku

01. Der Hatecrime-Powerseller mit Trademark-Bart besitzt einen ebenso unerschöpflichen wie unerträglichen Fundus an Oberhemden mit Logo-Aufdruck.

02. Das Lieblings-Eis von Bushido ist Vienetta von Langnese.

03. „Ich feier das nicht, Alter!“ lautet der Kommentar des kontroversen Platin-Artists, als es in der Doku zum Skilaufen kommt und er damit umgehend wieder aufhören möchte.

04. Das „Alter“ ist dabei übrigens adressiert an seine Frau.

05. Dass seine jüngere Frau vermutlich (Statistik) länger leben wird, ist für den Exil-Bonner Straßenrapper okay: „Ich gönn ihr das!“

06. Apropos Bonn, apropos Straßenrap und struggle: Bushido ist übrigens der Sohn eines tunesischen Diplomaten.

07. Doch diese krasse Zeit liegt hinter ihm: Bushido 2.0 schämt sich heute nicht, auch mal zu weinen.

08. Und mit „mal“, so erleben wir in dieser Doku, ist „enorm oft“ gemeint.

09. Doch keine Sorge, dem schwierigen Bambi-Preisträger tut nicht plötzlich sein aggressives Verhalten gegenüber Anderen leid, nein, Bushidos Tränen gelten grundsätzlich immer bloß ihm selbst.

10. Nur verständlich! Laut eigenen Aussagen verdienten andere mit seinem Werk ein Vermögen – und dann… dann kam noch die Steuer! So behandeln also Deutsch-Rap und MC Vater Staat ihre Helden?

11. Auch den Beginn der Amour fou zwischen Bushido und seinem ehemaligem „Manager“ Arafat Abou-Chaker bekommen wir in der Doku offenbart: Bushido wollte einen Vertrag mit dem Label Aggro Berlin nicht mehr erfüllen, suchte sich Hilfe „auf der Straße“. Die Abou-Chakers „schalteten sich ein“, die Plattenfirma gab Bushido postwendend frei.

12. Trotz seiner neuen Clan-Clique: Der oft missverstandene Hass-Poet tut sich schwer mit Freundschaften – umso schöner, dass an seinem 40. Geburtstag sechzig Gäste zugegen sind, auf die er „sich verlassen kann“, unter anderem Nummer-1-Rapper Capital Bra.

13. Doch auweia! Nur wenige Wochen nach dem spießigen Fest wendet Capital Bra sich bereits von Paukerschreck Bushido ab. Na, da hängt der Haussegen im Problembezirk Kleinmachnow natürlich schief!

14. „Polizei ist jetzt dein Team“ verlautbart von Capital Bra, einem seiner unzähligen Ex-„Freunde“ wurde zum bis heute nachhallenden Slogan für den vor Gericht aussagenden Bushido der Nach-Abou-Chaker-Zeit.

15. Apropos Polizei … Jene Exekutivkräfte, auch das beweist die Doku, sind nicht nachtragend. Zeilen aus der integrationspreisträchtigen Bushido-Feder wie „Fick die Polizei, LKA, BKA“ kommen jedenfalls nicht zur Sprache, als er sich in deren Obhut begibt.

16. Und noch mal apropos Abou-Chaker: Der legendäre Kinofilm „Zeiten ändern Dich“, der auf weiten Strecken die Bromance der beiden unzertrennlichen Freunde Arafat (gespielt von Moritz Bleibtreu) und seinem Bushido (gespielt von Bushido) beleuchtet, kommt nicht zur Sprache. So wie Bushido heute allerdings über seinen Arafat spricht, scheint der „Bernd Eichinger Knaller“ („Wild & Hund“) aber auch bloß absoluten Bullshit als Wahrheit zu verkaufen. Doch ehrlich gesagt, wer das damals nicht schon geahnt hat, ist selbst wohl eher Bordstein als Skyline…

17. Auch kein Thema in der Bushido-Doku: Kay One, eines der vielen Opfer von unserem Wortakrobaten. Jener löste sich ebenfalls von Abou-Chaker. Damals war Bushido allerdings noch nicht so weit und trat nach in Form eines Songs, in dem er den echten Namen Kay Ones benutzte und einen Kay-One-Darsteller im dazugehörigen Video verprügeln, erniedrigen und beerdigen ließ. Kay One musste Berlin verlassen. Worte des Bedauerns? In dieser Neu-Inszenierung der Marke Bushido hier sucht man sie vergebens. Dabei ist die Sache mit Kay One wirklich unerträglich nieder – und macht mehr als vieles andere deutlich, wie skrupellos Bushido vorzugehen bereit ist: „Leben und Tod des Kenneth Glöckler“.

18. In dem Song finden sich übrigens die vielsagenden Zeilen:
„Ich bin angeblich Sklave der Familie Abou Chaker /
Schäm dich, Arafat war sowas wie dein Vater /
Du hast dank uns gelebt so wie ein König in Berlin / 
Ein Vermögen hier verdient, plötzlich hör ich, dass du fliehst“

19. Genau so wie die Sätze:  „Früher war es ‚Fick die Polizei‘ … Heute sind es LKA-Beamte und Security“. Mit den Worten verhöhnt Bushido jemand, der den Absprung weg vom Clan vollzogen hat. Als ihm wenige Jahre darauf solche Punchlines natürlich seitens anderer Rapper begegnen werden – auch davon erzählt die Doku – zeigt er sich überaus dünnhäutig.

20. Ein ähnliches Abrechnungs-Video schmiss er – nun selbst mit Polizei im Rücken – im Jahre 2018 Abou-Chaker hinterher. Dieser wird darin als „Mephisto“ ausgerufen. Lediglich für sich selbst hat Bushido wie immer sehr positive Worte übrig, wenn er darin über sich in der dritten Person sagt: „Man wird von ihm erzählen, Er war ein guter Junge / Mit Wut in seiner Lunge und dem Herzen auf der Zunge“.

21. Bei allem Comedy-Appeal der ganzen Fehde, an dieser Stelle ist die Story von Bushido einfach schon längst nicht mehr lustig. Genauso wenig wie es die vielen Bushido-Adepten in den Kommentaren unter jenem „Mephisto“-Video sind, die sich den Weg eines Opportunisten mit Empathie-Mangel auf einmal als betont ehrenhaft und alternativlos verkaufen lassen.

22. Aber genug vom Ernst: Bushido, das ist so viel mehr als nur diese Diskussion um Verrat und rissige Omnipotenz. Unserem Erfolgs-Rapper ist es in „Unzensiert – Bushido’s Wahrheit“ sehr wichtig durchblicken zu lassen, dass er Sex hatte auf der Toilette bei der Bambi-Verleihung.

23. Mit seiner eigenen Frau wohlgemerkt.

24. Ehefrau Anna-Maria (Trivia: Die Schwester von Sarah Connor) wünscht sich übrigens mehrfach, ihr Mann solle öfter Anzug und nicht immer Trainingsklamotten tragen.

25. Da man seit der Doku weiß, dass nur sie dich aus der toxischen Beziehung mit Abou-Chaker gestemmt hat, hier der ernstgemeinte Rat: Bushido, tu ihr den Gefallen!

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PENIS TRULLALA

Passend zum Thema Deutschrap hier noch zwei Film-Empfehlungen auf Netflix, bei denen losgelöste Penisse für großen Aufruhr sorgen.

01. „Game Over, Man“

Seit „Verrückt nach Mary“ gehört es zum guten beziehungsweise schrägen Ton amerikanischer Comedy-Filme, immer mindestens eine besonders haarsträubende Szene unter der Gürtellinie zu zeigen. Eingeklemmte Hoden, Sperma als Styling-Gel oder am besten irgendwas, das das archaische „Pippi-Kacka“-Zentrum im Hirn der Zuschauer*innen triggert… explodierende Toiletten oder so.

„Game Over, Man“ (2018) reizt diesen Humor zwischen „hilarious!“ und ohnmächtiger Fremdscham besonders weit aus: Steve-O von „Jackass“ wird bei einem Cameo-Auftritt erschossen, es gibt ein öffentliches Riming (Mund-zu-Anus) und einen abgeschnittenen Penis, der später als Waffe dient.

Tja, wurden einst Komödien auch gern als Kulisse verwendet, um nackte Frauen zu zeigen (von „Unterm Dirndl wird gejodelt“ bis „American Pie“), dreht sich der Humor mittlerweile weit mehr ums Glied allgemein. In „Game Over, Man“ sieht man wirklich einige davon – unter den unmöglichsten Umständen.

Wenn Loriot wüsste, wohin sich die Filmkomödie der Jetztzeit gemorpht hat, er würde in seinen Mops beißen. Da man selbst aber sukzessive an diese Bad-Taste-Eskalation gewöhnt wurde, muss ich den Film leider auch noch empfehlen!? Sorry, aber isso. Eine überdrehte Buddy-Komödie zwischen „Stirb langsam“ und „Drei Männer und ein Penis“ – und dabei meist unterhaltsam as fuck.

02. „The Package“

Dieselbe Produktionsfirma, derselbe Humor – aber mittlerweile völlig entblättert, entgrenzt und ohne das ganze Drumherum einer Non-Penis-Story. Viel mehr campen ein paar Jugendliche im beschaulichen kanadischen Nirgendwo, einer verliert sein Glied, nun muss es bis zur Transplantations-Deadline ins richtige Krankenhaus gebracht werden. Doch der Weg dahin ist steinig…

Keine zehn Pferde würde mich dazu bringen, mit so einem peinlichen Drehbuch bei Netflix vorstellig zu werden. Doch auch hier sind erneut die Figuren irgendwie so überraschend und so wenig stereotyp und so muss ich selbst diesem Road-Movie mit Glied in der Kühlbox eine Empfehlung aussprechen. Ja, ja, ich merke es ja selbst! Kein Wunder, dass ich es nie zur Zeitschrift „Cinema“ geschafft habe. Aber trotzdem: Viel Spaß.

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POPKULTUR-GESCHENKE-ECKE

Völlig losgelöst von Bushido und Glied hier noch zwei sehr schöne Präsente-Tipps für euch Christmas-Füchschen!

01. Socken von Fritzi Ernst

Schon von Schnipo Schranke besaß ich als Anhänger deren ausgefallenes Merch. Und zwar in Form eines pinken Eighties-Visor, oder wie diese Schirmmütze ohne Dach halt heißt. Nun ist Fritzi Ernsts Solo-Album erschienen, aber Live-Shows zu sehen in Zeiten von Corona bleibt schwierig, also habe ich mir sicherheitshalber die Fritzi-Ernst-Fan-Socken gleich im Netz gekauft. Vermutlich hat die talentierte Künstlerin diese nicht selbst geknüpft, aber egal. Man sieht einfach klasse damit aus. Ach so, und drauf steht „Keine Termine“ nach dem Albumtitel der Platte. Kostete mich iwie 16 Euro.

02. Der „Daily Pop News“-Kalender

365 Ereignisse der Popwelt, jeden Tag eines. Zusammengestellt von dem Musikjournalisten Ingo Scheel. Auf fluffigem (euphemistisch sage ich mal:) Bibel- und meine allerdings eher Toilettenpapier geht es um Jahrestage, die so kombiniert noch nirgends zusammengedrechselt wurden: Elton John in der Sowjetunion (20.Mai 1979), der Start von „Ronnys Pop-Show“ (14.Juni 1982) oder ein Fahrradunfall von Bono Vox (16.November 2014). Dazu bekommt man immer ein bisschen Hintergrund-Info. Ich kenne auf Anhieb eine Person, der ich sowas schenken würde: mir! Zum Glück hab ich’s jetzt ja schon. Kostet 24,80 Euro.

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

ME

Bully Herbig erinnert sich daran, wie er von Mirco Nontschews Tod erfuhr
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