Popkolumne, Folge 152

Wenn Doro Pesch plötzlich abspült: 10 Storys, die neben Interviews geschahen

von
Linus Volkmann
Linus Volkmann

Das Interview nach der Pandemie (Sven Väth)

Die Begegnung mit Sven Väth fungiert als aktueller Aufhänger für meinen Text – und das geht so:

Ich stelle ein Aufnahmegerät zwischen mich und meinen Interviewpartner (in Wahrheit sind es drei Geräte, wozu ist man schließlich Kontrollfreak?) und bin zufrieden, als alle rot leuchtend zu erkennen geben, dass sie laufen. Dennoch fühlt sich alles gerade so ungewohnt an. Ich brauche einen Moment, um es zu realisieren … Wow, das ist ja mein erstes Face-to-Face-Interview seit so langer Zeit. Danke für nichts, Corona.

Sven Väth berichtet mir darin unter anderem, dass er ein Early Adopter hinsichtlich des Virus war. Als es richtig abging, saß er im Flieger heim nach Frankfurt von Valencia – alle hätten darin gehustet, da war’s ihm schon klar. Zuhause die Freundin angesteckt und den ersten Lockdown tatsächlich krank und ohne Geschmackssinn verlebt. Die erzwungene Auszeit nutzte er später allerdings für sein erstes Artist-Album seit fast 20 Jahren. CATHARSIS heißt es – und so sitzen wir hier zusammen in der Präsidenten-Suite (!) der Villa Kennedy in Frankfurt. Am Ende bin ich von soviel zurückgekehrter Gegenständlichkeit meines Jobs dermaßen angefixt, dass ich um ein gemeinsames Selfie bitte. Als Journo ist das enorm peinlich, aber irgendwie fühlte es sich doch auch angemessen an nach zwei Jahren Zoom-Calls.

Journo-Selfie mit Sven Väth – wer ist wer?

Das Interview an der Spüle (Doro Pesch)

Während des Interviews mit der kleinen Metal-Queen aus dem Ruhrpott, also mit Uns Doro (vergleiche: Uns Uwe) gab es etwas zu essen. Wir sind nämlich im Studio des legendären Fotografen Rainer Holz, der dort auch eine Küche mit drin hat. Wie überaus praktisch. Als wir gehen wollen, fehlt Doro. Ist die jetzt abgehauen, oder was? Bestimmt weil ich so doof gefragt habe. Ach nee, da an der Spüle steht sie ja, ich glaube, die Absätze ihrer Stiefel sind 20 Zentimeter hoch, das wäre sogar für Kiss a touch too much, aber Moment… was macht sie denn bloß?
Doro Pesch spült die Teller des Essens. What the fuck? Na, das sei doch selbstverständlich, wir hätten doch auch gekocht und das bisschen Abwasch mache ihr gar nichts aus.

Nur mit Mühe ist es uns möglich, der Ikone alle Lappen zu entwinden. Bei aller Liebe zu sauberem Geschirr und wohlerzogenen Gästen: Niemand, von dem du ein Interview bekommst, darf danach abspülen. Eine Frage der Ehre.

Am Herd mit einer Legende, Doro Pesch Mitte der Nuller Jahre in Köln, Originalfoto: Rainer Holz

Das Interview neben dem Klo (Schnipo Schranke)

Auch schon wieder eine Premiere: Ich habe den langjährigen Job als Redakteur bei einem Musikmagazin hingeschmissen und mich selbstständig gemacht – „aus Gründen“, wie ich hier mal vieldeutig einwerfen möchte. Endlich nur noch wirklich interessante Leute interviewen und nicht immer warten müssen, bis einen Plattenfirmen in ihren Promo-Plan einbauen und das Marketing sein Okay gibt.

Nein, das erste Interview der neuen Zeitrechnung soll mit Schnipo Schranke sein, deren Song „Pisse“ auf einem seltsamen Sampler und für mich der Hit des Jahres 2014 ist. Die Ambitionen sind groß, der Talk soll nämlich gefilmt werden. YouTube als neue Spielwiese. Wir reisen mit bemerkenswert unterlegener Technik nach Hamburg dafür und filmen die beiden Musikerinnen vor der offenen Toilettentür des berüchtigten Stockfleckenhotels Pazifik. Die Klo-Atmo passt zum Hit „Pisse“, das haben wir uns zumindest damals so ausgedacht. Naja. Ich schneide den Kram selbst, wie und womit, das ist mir heute gar nicht mehr wirklich klar. Doch trotz der deutlichen DIY-Anmutung werden wir mit unserem Clip weit mehr Klicks einfahren als die hochoffiziösen Musikredaktionen öffentlich-rechtlicher Plattformen. Was vor allem daran liegt, dass wir lang vor ihnen damit rauskommen, weil wir auf kein Go irgendeines festangestellten Sesselzombies gewartet hatten. Dieser Clip bestärkt mich in der Überzeugung, dass neben der Auswahl der befragten Person immer auch wichtig ist, WANN man ein Interview macht.

Ach so, ein markiger Claim hilft natürlich auch bei der Verbreitung. Für Interview-Überschriften nutze zumindest ich immer ein Zitat aus dem Gespräch. Und Gänsefüßchen müssen natürlich sein – damit jeder sofort erkennt, hier wird schön was weggelabert. „Ich mag es, wenn Fritzi stinkt“, ist bis heute das meistgeklickte Videointerview, das durch meine Hände ging.

Das letzte Interview vor der Pandemie (Slime vs. Akne Kid Joe)

Hätte ich gewusst, dass kurz danach Corona reinkracht und alle Face-to-Face-Interviews auf lange Zeit verunmöglichen würde, hätte ich dieses letzte Prä-Pandemie-Date noch mehr gewertschätzt als ohnehin schon. Der von mir moderierte Talk zwischen Akne Kid Joe und Slime lebt dabei vor allem vom Clash of Generations, lest ihn hier nach.

Spürbar war dereinst in Essen auch die gereizte Stimmung zwischen Sänger Dirk „Dicken“ Jora und der Band beziehungsweise dem Außen allgemein. Während Corona trennte man sich dann – und das nicht gerade besonders herzlich. Ein strahlkräftiges linkes Projekt wie Slime im Eimer … zum Schluss ging es, so hört man, natürlich vor allem um Geld. Bitter, klar.

Mittlerweile haben Slime einen neuen Sänger und klingen gar nicht mal so schlecht.  Mir aber bleibt vor allem in Erinnerung, dass ich mir von Slime-Gitarrist Elf seinen Besuch bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär“ detailreich nacherzählen ließ und Akne Kid Joe zum Flippern überredete. Journalistische Distanz sieht anders aus, hey, aber das soll mir Rudolf Augstein gefälligst selbst sagen, wenn er sich traut.

Interviewreise mit Klassenfahrt-Feel: Linus Volkmann mit Sarah und Matthias (Akne Kid Joe) vor dem Backdrop von Slime

Das Interview mit der bezahlten Reise (Suede)

„Wahnsinn, ich liebe Suede!“, sage ich dem Redakteur am Telefon und versuche mich fieberhaft zu erinnern, wie noch mal deren eine Hit heißt, den ich zuletzt gerade noch in der Nachtschiene bei VIVA gesehen hatte. Genau, „Beautiful Ones“, der klang okay – aber auch wenn er das nicht getan hätte: Ich wollte unbedingt das Angebot des Magazin-Typen in der Leitung annehmen, jene Britpop-Band zu interviewen. Ich war seinerzeit neu an der Uni, neu in der Stadt Köln und noch neuer jetzt auch freier Autor beim Intro-Magazin. Der Talk mit Suede verhieß dabei Folgendes: Ich würde nach London fliegen – auf Kosten der Plattenfirma. Im Alltag konnte ich zwar kaum die Telefonrechnung und Miete zahlen – aber wer auf Spesen fliegt, hat es ja wohl geschafft.

Das denke ich damals zumindest ernsthaft.

Das dazugehörige Setting der Trips hieß „Fly-in / Fly-out“, was nur bedeutet, man bekommt kein Hotelzimmer und ist von morgens bis abends unterwegs für eine halbe Stunde Gespräch. Zu meiner Entschuldigung: In den Neunziger Jahren lebten wir noch in unberührter Natur, CO2-Fußabdruck war in jedem Fall kein Thema.
Dass ich mir die Musik und Biographie von Suede (vor dem Internet wohlgemerkt) draufgeschafft hatte, erweist sich vor Ort beim Gespräch ziemlich überflüssig: Sänger und Britpop-Lichtgestalt Brett Anderson sitzliegt in einem nährenden Couch-Ensemble der Plattenfirma und nuschelt Unverständliches. Spricht er im Schlaf oder schläft er beim Sprechen?, frage ich mich und bin dankbar, dass der anwesende Bandkollege mitunter das Gemurmel für mich noch mal zu paraphrasieren scheint. Dann ist der Spuk vorbei und es geht wieder zurück zum Flughafen Heathrow. Trotz des nichtigen Gesprächs und des aufwendigen Herumirrens von Schleuse zu Schleuse bin ich an diesem langen Tag bester Laune.

Das erste Interview (Dominique Nass)

Wann hat das mit den Interviews eigentlich angefangen? In einem Fanzine aus dem Kaff, in dem ich aufwachse (Hanau), findet sich ein Gespräch mit der deutschen Tante von Mark Arm (Sänger der amerikanischen Grunge-Band Mudhoney). Dieses Um-die-Ecke-Gedachte gefällt mir sofort. Sowas will ich auch machen! Noch zu Schulzeiten interviewe ich so für mein eigenes handkopiertes Heftchen („Fotolovestory“) die Freundin des Sängers einer Band aus den umliegenden Dörfern.

Das Ergebnis strotzt vor Fehlern, ist komplett distanzlos und angestrengt lustig. Mit anderen Worten, ich hatte schon damals meinen Stil gefunden. Nein, viel eher lese ich heute darin das Phänomen, dass solche Talks oft weit mehr über den Interviewer erzählen denn über den Interviewten…

So sah das damals aus: Von innen …
… und von außen

Das unverständliche Interview (Travis)

Es ist das erste Interview, für das ich bezahlt werden soll. Eine neue Rockband namens Travis sei auf Interviewtour in Deutschland (sowas gibt es heute gar nicht mehr) und mache auch Station in Köln. „Örgs, Rock“, denke ich. Aber auch: „Geil, Geld!“

Ich schreibe mir Fragen für jenen Act zusammen und werde bei der Plattenfirmen-Dependance mit Sänger Fran Healy bekannt gemacht. Als er die Antwort auf meine erste Frage gibt, werde ich nervös, oder streng genommen NOCH nervöser. Denn: Ich verstehe kein Wort. Ist das Englisch, was der da spricht? Komme ich aus der Nummer noch irgendwie raus? Zweimal nein. Fran Healy spricht schottisch, das scheint weit mehr zu sein als bloß eine originelle Varianz zu dem Schulenglisch, auf das ich mich stütze. Ich kann keine einzige Anschlussfrage stellen zu seinen Aussagen, da ich nie mehr als einzelne Worte aufschnappe. Ich nicke einfach und wirke vermutlich wie eine debile Winkekatze. Abliefern werde ich dem Magazin später einen sogenannten „Fließtext“ – ohne einen einzigen O-Ton. Die Mundart-Rocker Travis werden später dann sogar für ein, zwei Alben Fame, ich habe allerdings jede Option ausgeschlagen, noch einmal mit Fran Healy zu sprechen. Auch gegen Geld ist mir das eine Nummer zu hoch.

Das Interview leider nur mit dem Drummer (Jacques Palminger)

Die Erinnerung an jenes Gespräch hat diesen Text hier ziemlich befeuert: Ein Interview bloß mit dem Schlagzeuger der Band Dackelblut? Na gut, wenn’s nichts Besseres gibt, dann besuche ich halt jenen Drummer in Hamburg. Es wird über ein Jahrzehnt dauern, bis mir bewusst wird: Ich saß damals bei Jacques Palminger an dessen Wohnzimmertisch – der unter seinem bürgerlichen Namen Heiner Ebber zwei Alben lang oder so bei der Band von Jens Rachut spielte.

Die ganze Story dazu hier.

Das Interview mit dem blauen Daumen (Bob Mould)

Das „Kristall“ ist ein Art-Hotel in Köln, in dem große Plattenfirmen wie die EMI (Rest in Peace) gern ihre Künstler*innen für die hiesigen Medienfuzzis Hof halten lassen. Kurz bevor ich heute dahin aufbreche, klemme ich mir in meinem Zimmer im Studi-Wohnheim den Daumen in der Tür. Es tut höllisch weh, er wird blau, aber das hindert mich nicht, meiner Pflicht nachzukommen: Die Menschen wollen doch sicher mein Interview mit Bob Mould (ehemals Hüsker Dü) lesen, die kann ich nicht hängen lassen!

Darüber hinaus tuschelt man, Mould sei schwul, was in den damals heterohermetischen Gitarren-Neunzigern noch eine ziemliche Story war. Da muss ich mehr zu erfahren. Vor Ort ist Bob Mould dann erstmal bestürzt über meinen zermatschten Daumen, er bereitet mir kalte Handtuchwickel. Was für ein guter Mann! Hinsichtlich des Themas sexueller Orientierung indes erzählt er, wie sehr er seine Familie, Frau und Kinder in den Staaten gerade vermisst. Was für ein verdammter Lügner! Das indes denke ich damals noch nicht. Schließlich herrscht noch die Prä-Internet-Ära und ich glaube dem verschmitzten Mann, der mich so freundlich pflegt, jedes Wort.

Das letzte Interview (Beastie Boys)

Das Interview mit den Beastie Boys ist eigentlich schon fertig. Ich habe es zusammen mit meinem Kollegen Thomas Venker geführt, jetzt noch bisschen Abschiedsgeplänkel „Thanks, that was so interesting!“, oder was man da sonst immer so vor sich hinfloskelt. Doch Thomas erzählt irgendwas von gutem Wein, was die Band hellhörig werden lässt. Und plötzlich steht eine Essenseinladung in Rainer Holz‘ Fotostudio mit Küche, in der schon Doro Pesch spülte, im Raum. Die Megastars sagen zu. Ich kann es nicht fassen. Ist dieses Weingelaber meines Arbeitsehemanns doch tatsächlich mal zu etwas gut. Ein paar Stunden später sind wir dann erneut überrascht, dass die drei auch wirklich auftauchen.

Es wird ein toller Abend, zumindest wenn nicht gerade über Wein geredet wird. Auffällig ist allerdings, dass Adam Yauch nichts trinkt. Er habe etwas in seinem Mund, das untersucht werden muss, wenn sie wieder zurück sind in den USA. Sicher nichts Ernstes, aber er würde dennoch auf den Wein verzichten.

Nur eine Woche später verkündet die Band in einem Video-Statement, dass das Album verschoben werden muss. Adam Yauch müsse sich einer Krebstherapie unterziehen. Sie hoffen aber, dass bald alles nachgeholt werden könne.

Leider ist dem nicht so. Adam Yauch stirbt am 04. Mai 2012 an dieser Geschichte. Rest in power.

Prost! Warum Adam Yauch an diesem Abend mit Linus Volkmann keinen Wein trank? „Ich hab da was im Mund, bestimmt nichts Wildes“. Der Rest ist ein trauriges Stück Popgeschichte.

 

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P.S.: Hier noch eine Plattenkritik

Die Manfreds / Uschis Haarmoden – „Split-Album“

Der geriatrische Lover Deutsch-Punk enttäuscht zuletzt ja nur noch. Wie an einer Perlenschnur voll Kot schieben sich die schlimmsten Ausprägungen an einem vorbei. Für besonders beschissen halte ich das freudlose Social-Media-Game des Kassierer-Sängers Wolfgang „Wölfi“ Wendland. Besessen davon, dass die wahren Gegner einer besseren Welt Fridays For Future und Gendern seien, sehe ich den einstigen Nackt-Performer und Punker-Freigeist als reaktionären Opa, der höchstens noch beweist, wie flüchtig Coolness ist.

Dass man Deutschpunk auch jenseits der Jugend noch mit Leben füllen kann, scheint ein ferner Traum. Dachte ich zumindest, bis ich die Manfreds entdeckte. Ein Songwriting zwischen Kinderlied, Die Ärzte früher und dem ersten Wasserglas Sekt am Abend – und trotz aller authentischen Stumpfheitsgesten ist diese Band irgendwie so auffällig wach. Ihre Ode ans prekäre Musikmachen, „Die ärmste Band der Welt“, ist immer noch einer der nachhaltigsten Ohrwürmer der freien Welt – dagegen wirkt selbst Long-Covid wie ein Fingerschnipsen. Aber auch die anderen sieben Stücke sind streng genommen alles Hits. Sicherlich hat die Musik von Die Manfreds immer eine Handvoll Konfetti im Maul, sind ja Rheinländer, aber man muss ja auch nicht zu jeder Musik weinen können wie zu Joy Division. Und um den Bogen zu kriegen zu eingetrockneten Altpunks, sei hier noch auf den Song zum Bonner Kiez der Band hingewiesen. Darauf singen sie – völlig ohne dass es ironisch wäre oder dann sie an anderer Stelle Schulterklopfen einsammeln wollten – das hier: „Altstadt Boys und Alstadt Girls und Altstadt Divers!“ Statt sich über Sprachveränderung zu beklagen, umarmen die Manfreds all jene, die sonst in der binären Welt immer rausgefallen sind, wenn es von der Bühne mal wieder „nur die Männer! Und jetzt nur die Frauen!“ schallte. Punk endlich mal wieder als Musik für alle, die nicht ins Raster passen. Das alles ist dabei so catchy und casual gelöst. Einfach die schönste, modernste, lustigste Deutschpunk-Platte der Woche. Mindestens!

P.S.: Als Bonus liegt noch eine zweite CD bei, auf der sich zehn Jahre alte Stücke von Uschis Haarmoden finden – der verblichenen Band des Sängers (Der Käpt’n).

Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.

Rainer Holz
ME

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