Spider

Der Mensch als ewiger Gefangener der Realität, in die er von der Welt gezwungen wird, auch wenn er nach Erneuerung und Evolution drängt. Das ist das Hauptthema des Kanadiers David Cronenberg: Was sich in dem wie eine Wunde klaffenden Raum zwischen Anspruch und Wirklichkeit abspielt, ist für ihn stets der Stoff, aus dem beklemmende, verstörende und intelligente Filme entstehen. Insofern ist spioer ein lupenreiner Cronenberg, mit einem Helden, der den verwundbaren Hauptfiguren aUS DIE FLIEGE. RABIO. DIE UNZERTRENNLICHEN oder crash ungemein nahe steht. Gleichzeitig fällt dieses Psychogramm einer geistigen Krankheit auch völlig aus der Rolle. Hier verschmelzen nämlich Körper nicht mit Maschinen, bahnen sich nicht Parasiten den Weg aus vergänglichem Fleisch, wie sonst bei Cronenbergs Visionen üblich: Hier spielt sich der Horror ausschließlich im Kopf selbst ab, was den Film zwar nicht zugänglicher, aber doch nahbarer und, ja, wärmer macht. Radikal, kompromisslos, streng und unendlich erfindungsreich erzählt der Regisseur von einem schizophrenen Mann, der die Puzzlestücke seines durch ein Kindheitstrauma zerborstenen Lebens zusammenzusetzen versucht. Dass spider zwei Jahre nach seiner Premiere in Cannes doch noch in Deutschland in die Kinos kommt, grenzt an ein Wunder, das ähnlich groß ist wie der Film selbst, in dem sich Ralph Fiennes in einer schier unfassbaren Performance als stetig brabbelnder, nahezu katatonischer Dennis „Spider“ Cleg durch diverse Realitätsebenen kämpft, die sich wie Spinnennetze vor ihm ausbreiten. Cronenberg verzichtet komplett auf einen konventionellen Handlungsbogen, macht dafür aber die hoffnungslos verschachtelte Innenwelt der Titelfigur auf beinahe schmerzhafte Weise sichtund spürbar. Indem er in der Wahl der filmischen Mittel so reduziert wie nur möglich bleibt, zwingt er zur direkten Auseinandersetzung mit seiner Figur, durch deren Augen wir den Film von Anfang bis Ende sehen. „Exterminieren Sie sämtliche rationalen Gedanken“, hieß es in Cronenbergs naked lunch. Guter Vorschlag. Anders wird man nicht damit zurecht kommen, dass hier nichts real ist, aber alles wahr.