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Tara Nome Doyle Alchemy


Martin Hossbach/Kompakt (VÖ: 24.1.)

Als Kate Bush 2011 ihr Comeback- und Konzept­album 50 WORDS FOR SNOW veröffentlichte, mussten Publikum wie Kritik erst einmal schlucken. Sich auf die radikale Ruhe und das Understatement einlassen, das gerade keine neue HeldInnengeschichte zu produzieren in der Lage war, die die 1958 geborene Sängerin und Komponistin in ihrem Fach ja abonniert zu haben schien. Bush kontemplierte über die Liebe und deren Vergänglichkeit, über den Tod ganz allgemein, sie meditierte über den Spuk des Winters und die Nacht, die sie mit einem (natürlich schmelzenden) Schneemann verbrachte.

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Über Teufel und Tod

Bei Tara Nome Doyle ist der Winter in den Klang der Songs längst eingeschrieben, in einer klirrenden Distanz, einem Zusammengezogensein, das sich aus der Kälte speisen könnte. Manchmal kommt ein Lied hier einer stillen Lawine gleich. Über Teufel und Tod macht die 22-jährige Berlinerin sich auch ihre Gedanken und fragt gleich im Eröffnungsstück „Heathens“, ob wir nicht hoffnungslose Heiden sind, den Glauben an das, was war, hat sie schon aufgegeben. Man wird Verbindungen von Kate Bushs Winterreise zum Debütalbum Tara Nome Doyles ziehen können, ohne die Sängerin jetzt gleich in das Kindchen-Schema „Kate mit der Märchenstimme“ quetschen zu wollen.

ALCHEMY steht erst einmal für eine Musik zur Zeit, weil das Album sich so weit aus dieser Zeit lehnt und die vielen unguten Gefühle, die zentralen Fragen des Menschseins nicht in den engen Bahnen politisch-gesellschaftlicher Verwerfungen thematisiert. Weil es da langgeht, wo andere nicht hinschauen. Zwei Songs behandeln die vier Entwicklungsphasen aus der vormodernen Naturphilosophie, die anderen philosophieren über die menschliche Natur. Die versponnenen Lieder Doyles variieren zwischen quecksilbrigen Artpoperkundungen und den introspektiven Momenten, die sie in Gegenwart von Piano und akustischer Gitarre oder einem ja, glockenklaren Bass findet. Wenn ihre Stimme dann hier und da hochfährt, kommt Doyle der Kate mit den Schnee­flocken nah.

Wo Schwere leicht und Leichtigkeit mit schwerer Melancholie verbunden ist

Einmal ersucht die Sängerin den Vater, den guten Herrn, ihr doch den Kopf zu halten, er sei so schwer geworden und schmerze die ganze Zeit. Bei Doyle aber ist Schwere leicht und Leichtigkeit mit schwerer Melancholie verbunden. Wollten wir Tara Nome Doyle festhalten, würde uns das nicht gelingen, die Sängerin ist ein Flatterwesen, das in den Zuständen des Seins keinen Halt findet. Wenn die satten Elektrobeats in „Neon Woods“ auf dem Song zu lasten beginnen, schießt ihre Stimme einfach übers Ziel ins Nichts und ein Synthesizer übernimmt den hellen Gesang.

Man wird für Tara Nome Doyle den Begriff der Chansonnière wieder ausgraben dürfen, weil sie so bedrohlich mit der Stimme zu spielen, so eigenartig zu phrasieren weiß. Die Stimme, die sich den Weg durch Räume bahnt, die immer die Natur draußen erahnen lassen, feindlich, unverständlich. Musik vor Publikum darzubieten kostet Doyle wohl immer noch Überwindung, mit 16 habe sie das Zimmer nicht verlassen können und Kanye West gehört, heute meditiert sie.

Der Akt des Sich-Stellens ist auch in diesen Aufnahmen zu spüren. Er macht etwas mit den Liedern. Etwa, wenn die Sängerin das Kreisen um die Wahrheit mit einer Stimme beschreibt, die einem zur Verfügung steht, wenn die Worte schon (oder noch) fehlen („Mercury“). Das sind die Stellen, für die man ALCHEMY ganz nebenbei auch lieben kann. Max Rieger (Die Nerven) war für das Arrangement von „Neon Woods“ zuständig, David Specht (Isolation Berlin) hat das ganze Album  produziert.


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