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The Charlatans Modern Nature


BMG Rights/Rough Trade

von

Dass es die noch gibt! 1996 starb ihr Keyboarder Rob Collins bei einem Autounfall, der Mann, der den Orgelwirbel im nachhaltigsten Hit der Band, „The Only One I Know“ von 1990, gespielt hat – und der 1992 verknackt wurde, weil er bei einem Raubüberfall das Fluchtauto gesteuert hatte. Die Band erholte sich, da erhielt Drummer Jon Brookes, der diese schönen ravigen Synkopenbeats spielen konnte, 2010 die Diagnose Gehirntumor. Drei Jahre später starb auch er. The Charlatans gründeten eine Stiftung – und machten weiter.

MODERN NATURE ist das erste Album ohne Brookes, und wie beliebt diese Band unter Kollegen ist, zeigt, dass illustre Schlagzeuger aushalfen: Peter Salisbury von The Verve, Stephen Morris von New Order. Aber Obacht, dieses Album braucht kein Mitleid. Chef und Sänger Tim Burgess hatte schon mit seinen tollen Soloalben I BELIEVE und OH NO I LOVE YOU  gezeigt, wie intakt sein Gespür für makellosen Pop zwischen Jingle-Jangle,  softer Electronica und Soul ist. Auf  MODERN NATURE fügt der 47-Jährige mit der wasserstoffblonden Topf-Frisur der Bandhistorie gleich ein halbes Dutzend echter Highlights hinzu: Die Vorabsingle „Talking In Tones“, die erst schleicht und dann jubiliert, die Britpop-Delikatesse „Emilie“, das elegante „Come Home Baby“, dessen Refrainteil daran erinnert, dass besonnene britische Bands wie die 2011 verschiedenen Bluetones einige Monate lang die besten Popsongs der Welt schreiben konnten.

Brillant ist das zwölfte Studioalbum der Band bis ins Detail: Die Streicher hat der Geschmackspurist Sean O’Hagan von den High Llamas arrangiert, die Bläser „Big“ Jim Paterson von Dexys, und die Sängerinnen im Hintergrund haben sich die Charlatans bei Kate Bush ausgeliehen. So künstlerisch ambitioniert wie MODERN NATURE war britischer Pop schon lange nicht mehr.


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