Album der Woche

The Chemical Brothers Dig Your Own Hole (25th Anniversary Edition)


Universal (VÖ: 29.7.)

von

Die große Befreiung des Rock’n’Roll vom Gitarrenzwang und Bandkorsett, welche die von The Prodigy und den Chemical Brothers angeführte Big-Beat-Bewegung vor auch schon wieder 25 Jahren angestrebt hat, ist – wie wir spätestens seit den Strokes wissen – eher ausgeblieben. Aber für dieses eine Jahr 1997, als im Abstand von nur drei Monaten zuerst DIG YOUR OWN HOLE und dann THE FAT OF THE LAND erschienen, schienen die Konventionen des 20. Jahrhunderts wirklich überwunden.

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Und deren letzte große Vertreter unterstützten dies sogar: Im wildesten Stück der Chemical Brothers, dem auf einem geloopten Beat des Beatles-Stücks „Tomorrow Never Knows“ aufgebauten „Setting Sun“, sang der damals als Dad-Rocker gescholtene Noel Gallagher. Er verwendete dafür ein unveröffentlichtes Oasis-Demo namens „Comin’ On Strong“, 2015 sollte er die vollendete Fassung des Songs als „Lock All The Doors“ veröffentlichen. Crispian Mills von den damals unvorstellbar angesagten Psychedelic-Revivalisten Kula Shaker lieh „Narayan“ von The Prodigy seine Stimme. Lieferten diese die massenfreundliche Big-Mäc-Variante der neuen Sounds, servierten Tom Rowlands und Ed Simons raffinierte Fusion-Küche mit Zutaten aus dem New York der frühen Achtzigerjahre, dem Swinging London und fernen Dimensionen, die man am besten durch das Portal Indien erreicht.

Aus heutiger Sicht unglaublich, dass das damals Nr.-1-Hits waren

Zu den klassischen elf Stücken – von den eröffnenden „Block Rockin’ Beats“ über den besten Sonntagmorgenkater-Blues „Where Do I Begin“ (wie herrlich hier die Langzeitpartnerin der Brothers, Beth Orton, über einen leiernden Gitarrenloop die aus Rowlands Herzen kommenden Zeilen singt: „Sunday morning I’m waking up / Can’t even focus on a coffee cup / Don’t even know whose bed I’m in / Where do I start / Where do I begin“) bis zur Rennfahrt durchs Unterbewusstsein „The Private Psychedelic Reel“ mit Co-Pilot Jonathan Donahue von Mercury Rev – gesellen sich in der Jubiläumsedition fünf bisher unveröffentlichte Tracks und Alternative-Takes. Von denen zeigt vor allem das punkige Demo von „Elektrobank“, wie nah die Gebrüder dem Rock standen, den sie hier gleichermaßen andächtig wie rücksichtslos auf Vordermann brachten.

Wobei man im Kontext der Gebrüder in der Regel eigentlich von Vorderfrau sprechen müsste: Statt der eigenen Gesichter zieren meist junge Damen die Artworks und Videoclips des Duos. Das mag man an Sexismus grenzenden ästhetischen Argumenten festmachen, allerdings könnte man sich auch nur schwerlich ein geeigneteres Bild auf dem Cover von „Setting Sun“ vorstellen als das der vor Lebensfreude berstenden 70s-Dame, die man hier auch im Begleitbooklet findet.

Die Chemical Brothers sollten noch für ein weiteres Album, SURRENDER (1999) mit ihrem wohl bekanntesten Banger „Hey Boy Hey Girl“, tonangebend sein und fünf Jahre darauf mit „Galvanize“ (feat. Q-Tip) einen überraschenden Crossover-Hit in den Top Ten Europas landen. Ihre letzten sechs Alben dienten allerdings, obwohl sich darunter kein einziges, nicht mindestens gutes Werk befand, vor allem dazu, weiterhin in den Medien stattzufinden und mit aktuellem Material auf Tour gehen zu können. Nach wie vor headlinen sie mühelos große Festivals, aber – wie das eben so ist – die meisten Hände gehen in die Höhe, wenn es heißt „Back with another one of those block’ rockin’ beats!“. Aus heutiger Sicht unglaublich, dass das damals Nr.-1-Hits waren: „Setting Sun“ stieß den Radio-Evergreen „Breakfast At Tiffany’s“ von Deep Blue Something im UK vom Thron, „Block Rockin’ Beats“ fünf Monate später sogar eine Doppel-A-Seite der allmächtigen Spice Girls: „Mama“/„Who Do You Think You Are“.

„Smile! You’re Massive“

Das erste Album der Brothers EXIT PLANET DUST – so benannt, da sie damals ihren ursprünglichen Namen The Dust Brothers, aus Verehrung des gleichnamigen US-Produzentenduos zunächst einfach schamlos adaptiert, dann aber eben doch abgelegt hatten – verkaufte sich in den USA aus dem Stand und annähernd ohne Promotion 100.000 Mal. Heute steht das Werk in fast einer Million US-Haushalten.

DIG YOUR OWN HOLE – benannt nach einem Graffito an einer Wand vor der Studiotür der Gebrüder im Geiste –, erreichte Platz 14 in den USA, für „Block Rockin’ Beats“ gab es dann sogar einen Grammy. In Großbritannien war die Platte eine von bis heute sechs, die in den heimischen Charts auf Rang 1 debütierten. Mit der Zeile „Smile! You’re Massive“ betitelte das britische Musikmagazin „Select“ damals ihre erste Titelgeschichte über die Chemical Brothers. Eine aufregende Zeit des Sturms und des Drangs, die sich zwar nicht wiederholen, mit dieser Jubeledition nun aber noch einmal augenreibend und verwundert im Ohr pulend nacherleben lässt.


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