Twin Shadow Confess


4AD/Beggars/Indigo VÖ: 6.07.

Warum wollen wir ihm nicht glauben? Wenn George Lewis Jr. behauptet, dass die Popmusik der 80er keinen besonderen Einfluss auf ihn ausübe. Weil wir Ohren haben. Außerdem nennen wir einen großen Schatz an Erinnerungen an diese Ära unser Eigen. Und so vergleichen wir, weil Popnerds immer vergleichen müssen. Und sodann müssten wir Lewis Jr. eigentlich der Lüge überführen. Aber was ist, wenn er nicht hört und nicht sieht, was so eindeutig erscheint? Es ist durchaus denkbar, dass ihm die Nähe seiner Musik zu ihren Vorbildern gar nicht bewusst ist, weil sie den Künstler als Kind geprägt haben, suggestiv und umso nachhaltiger. Und dies passt natürlich bestens dazu: Der grundsätzliche sensible, melancholische Eindruck, den dieser Künstler auf uns macht, das Schwelgerische und Traumverhangene seiner Kompositionen, die Wahl seiner Songtopics (Liebe und der damit einhergehende Kummer) haben ihn ja von Anfang an ins Schubfach der „Romantiker“ verfrachtet. Einer wie er, der spürt sein Leben lang seinen frühsten Sehnsüchten nach und merkt es nicht einmal. Was man eben alles so hineininterpretiert in ein paar mollene Popsongs, einen Sound, der zwar nicht die leiernde, kartoffelsuppige Ausgeburt des Chill-Wave-Wahnsinns darstellt, aber auch nie eindeutig wird. Und was man alles so hineininterpretiert in diese dunklen Augen, mit denen er uns vom Cover seines Debütalbums halbtransparent durchs Gestrüpp anschaute wie Robert Smith von The Cures Disintegration und jetzt, hier, dieser Blick wieder, aus der Pose des nachdenklichen Rebellen heraus.

Confess ist der betont knackigere Nachfolger des 2010er-Debüts Forget, einer Platte, die die Liveband Twin Shadow allerdings ungeahnt energetisch und raurockig zur Aufführung gebracht hatte. Aus dem Sounddesign und den Arrangements von Confess brüllen einen die Verweise und Anspielungen nur so an: George trägt nächtens Sonnenbrille, wie es ihm Corey Hart (und nicht etwa Andrew Eldritch von den Sisters Of Mercy) empfohlen hat. Er reist den Cars nach „ Heartbeat City“ hinterher und schaut bei Don Henleys „Boys Of Summer“ vorbei, er schrubbt über George Michaels „Faith“-Gitarre (tanzt aber nicht dazu), er weiß von Pat Benatar, dass die Liebe ein Schlachtfeld ist. Er gleitet dahin, das haben ihm die Pet Shop Boys beigebracht. Und er genehmigt sich ein Donnern, wo auch Kate Bush sich ein paar Tribal-Drums zu genehmigen wusste.

Es soll allerdings nicht der Eindruck erweckt werden, Twin Shadow hätten mit Confess eine 80s-Greatest-Kicks-Compilation auf eigene Rechnung zusammengestellt. Weder ist der Weg von Forget zu Confess tatsächlich so lang, wie man anhand der oben genannten Peaks vermuten könnte. Die beiden Alben verbindet weitaus mehr als sie trennt – vor allem diese behutsam in Wehmut gedippten Melodien und Georges Stimme, die nicht mehr extra da hinein gedippt werden muss. Twin Shadows Platz in den 80ern wäre auch nicht an der Spitze der Charts gewesen – abgesehen vielleicht von der Vorabsingle „Five Seconds“, der durchaus Rasanz unterstellt werden darf. Twin Shadow ist eher der Geheimtipp. Er kommt von der letzten Highschool-Bank, aus dem Schlussdrittel des Soundtracks zu „Flashdance“ oder „The Breakfast Club“. Von dort, wo keiner mehr etwas erwartet. Er spielte diese eine Nummer, zu der keinem Radiomoderator mehr Titel oder Interpret einfallen, nach der sich einige Menschen jedoch verzehren, bis sie Jahre später auf einem wiedergefundenen Mixtape darauf stoßen.

Sprechen wir über gute Popmusik der 80er, sprechen wir nicht selten über Songs, die sich trotz ihrer Produktion durchzusetzen wussten. Wer wollte bei diesen Songs dann aber tatsächlich auf die Synthiefanfaren, dünnen Drumcomputer-Claps und ewigen Funk-Gitarren verzichten? Confess könnte davon noch einiges mehr vertragen und würde doch nicht kippen. Es ist ein Album aus dem Jahr 2012, einer Zeit, in der Pop längst alles kann und darf. Dem Pop ist darüber allerdings auch ein wenig langweilig geworden. Romantische Lieder können aber auch 2012 immer noch helfen, diese Langeweile zu zerstreuen. Twin Shadow singt und spielt solche Lieder. Und die Menschen träumen dazu. Key Tracks: „Five Seconds“, „Golden Light“, „The One“


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