Unkle

Psyence Fiction

Reduzieren wir die Entwicklung der Popmusik der letzten zehn Jahre auf einen zentralen Strang. Erst wurde durch Elektronik das Bandkonzept immer weiter aufgelöst, wurden aus Quartetten Duos und schließlich Bedroom-Produzenten, bis die Menschen bemerkten, daß eigenbrödlerisches Balkenverschieben am PC-Bildschirm auf lange Sicht Haltungsschäden und elektronische Einsamkeit mit sich bringt. Etwas Wärme braucht der Mensch. Also schwärmen immer mehr Sample-Künstler aus ihren Kellern und sammeln Stimmen und Instrumente, um sich in Pop und Moll beizustehen. Außerdem liest sich die Addition großer Namen prima auf einem kleinen Extra-Sticker auf dem CD-Cover. In dieser Linie setzen Unkle hier und jetzt eine neue Bestmarke. Was Kenner der Szene nicht überraschen dürfte. Denn James Lavelle, der Motor dieses zeitgemäßen Projekts, ist schließlich nicht irgendein Executive, sondern Cründer von Mo’Wax, dem Hipster-Label dieses Jahrzehnts und sein musikalischer Direktor Josh „DJ Shadow“ Davis nicht irgendein Knopfdreher, sondern der weltweit am meisten verehrte Instrumental-HipHop-Künstler. Gemeinsam wollen die beiden Geschichte schreiben. Also gab Lavelle ein Signal und alles, was im musikalisch korrekten Mainstream Rang und Namen hat, kam und gab sein Bestes: Richard Ashcroft (The Verve) klagt über einer Streicher-Oper, Thom Yorke (Radiohead) brilliert in großer Melancholie, Mike D (Beastie Boys) bellt einen kurzen Terror-Rap, selbst das scheue Genie Mark Hollis (ex-Talk Talk) tröpfelt ein paar zarte Pianosprenksel. Zu diesem Who Is Who des Pop präsentiert Spürnase Lavelle noch neues Talent wie den als Prodigy-Nachfolger gehandelten Bad Boy Drowning mit ungefiltertem Gitarrenhardcore, und die große Soul-Stimme von Alice Temple. Die Streicher wurden meisterlich arrangiert von Will Malone, der dies auch schon auf dem ersten Massive Attack-Album getan hat. Komposition und Beat-Arbeit stammen von DJ Shadow. Das liest sich nicht nur opulent, es klingt auch so. Diese Platte gleicht einer ausufernden musikalischen Achterbahnfahrt, bei der das Pathos von Richard Ashcrofts zentralem achtminütigen Epos „Lonely Souls“ sofort durch ein ironisches Hörspiel gebrochen wird, gefolgt von verzerrten Gitarrenriffs auf „Nursery Rhyme“, gefolgt von ätherischinstrumentaler Schönheit, gefolgt von… Anders gesagt: PSYENCE FICTION funktioniert wie ein epischer Video-Clip. Da gibt es wunderschöne Farben und Stimmungen, große Gesten und große Gefühle, die aber letzten Endes, durch zuviele Handlungsstränge und Charaktere, auf wenig mehr als Oberfläche reduziert werden, bestens illustriert natürlich durch das aufwendigste Verpackungs- und Marketingbrimborium, das das Designer-Label Mo’Wax jemals realisiert hat. Da darf schonmal tief durchgeatmet werden. Aber nicht, daß wir uns jetzt falsch verstehen: Diese Platte ist alles andere als schlecht. Sie mußte mal gemacht werden. Und muß auch mal gehört werden. Alles weitere wird sich herausstellen.