„Reflektor“-Kolumne

Ruhe, Ruhe, kein Ringen: Jan Müllers Nachruf auf Musiker Kristof Schreuf

von
Jan Müller
Jan Müller

Im Sommer 1989 spielte ich mit meiner kurzlebigen Witz-Punkband K70 auf dem Buttstraßenfest. Es handelte sich um eine improvisierte Bühne in einer Baulücke neben dem Quartier der Band Die Goldenen Zitronen und ihrem Label Buback am Hamburger Hafen. Mittlerweile ist die Lücke selbstredend zugebaut. Neben meiner Dilettanten-Band traten die von mir heiß und innig geliebten Huah! auf – und eine Band, die ich zuvor noch nicht kannte: Kolossale Jugend.

Von den Texten verstand ich nur Satzfetzen. Bis ich begriff: Der Sänger singt ja tatsächlich nur Satzfetzen. „Bruch in allem pausenlos / Fetzen auf dem Tisch / Gehen, feindet, rührt, entstellt / Affentempo, schleppt sich fort / Gehen feindet rührt / Bessere Zeiten klingt gut“. Zum ersten Mal war ich mit der so vollkommen eigenen Poesie von Kristof Schreuf konfrontiert. Er war schmal, trug Hemd, Jackett und schulterlange Haare und ließ die Texte durch seinen Körper fahren.

Er war lustig, warm und vor allem begeisterungsfähig

Obwohl ich mich jugendkulturell noch in einer anderen Sektion befand, spürte ich: Das ist richtig cool und vermutlich viel spannender als all das, womit ich mich gerade beschäftigte. Kolossale Jugend mit Christoph Leich (später Schlagzeuger bei den Sternen), Klaus Meinhardt und Pascal Fuhlbrügge (Mitbegründer des Labels L’Age d’Or) gehörten zu den ersten, die die neue Musik machten, die mich kurze Zeit später mit Bands wie Blumfeld und Cpt. Kirk& so sehr begeistern wird.

Kolossale Jugend veröffentlichten nur zwei Alben: HEILE HEILE BOCHES (1989) und LEOPARD 2 (1990). Dann lösten sie sich auf. Im Zuge des Entstehens meiner Band Tocotronic lernte ich Kristof dann persönlich kennen. Er war lustig, warm und vor allem begeisterungsfähig. Seine Augen wach und in seinen Mundwinkeln stets ein leichtes Lächeln. Man merkte ihm an: Dieser Mensch erfreut sich an den Gedanken, die in seinem Kopf entstehen.

Unkompliziert war Kristof gewiss nicht, aber es war eben auch gerade dies, was seine Kunst prägte

Sein Charisma beeindruckte Arne, Dirk und mich. Und bald schon war die Vokabel verschreuft eine von vielen Wortneuschöpfungen in unserem gerade entstehenden Toco-Kosmos. 1995 fragten wir ihn an, unsere erste eigene Toco-Tour zu eröffnen. Er sagte erst zu und dann kurzfristig ab. Damals löste dies Unverständnis bei uns aus. Unkompliziert war Kristof gewiss nicht. Aber es war eben auch gerade dies, was seine Kunst prägte: Ebenso wie er in der Lage war, Begeisterung im eigenen Geist zu effizieren, gehörte auch das Überdenken und der Wiedereinsturz zu seinem Charakter.

Dafür nahm er auch lange Veröffentlichungspausen in Kauf. Was von ihm zu hören war, war aber immer beachtenswert; 1997 erschien die balladeske Coverversion des AC/DC-Klassikers „You Shook Me All Night Long“. Ich war beeindruckt. Das war lange bevor die französische Band Nouvelle Vague mit einer ähnlichen Idee Welterfolge erzielte. Er hat diesen Faden dann später weiter gesponnen und im Jahr 2010 das große Soloalbum BOURGEOIS WITH GUITAR veröffentlicht. Damals, 1997, erschien jedoch zunächst SCHATZITUDE, das Debütalbum seiner neuen Band Brüllen, das leider das einzige geblieben ist. Wenn ich es heute noch einmal höre, bin ich über Qualität und Tiefe dieser Band verblüfft.

Kristof hörte immer interessiert zu

1998 treffe ich Kristof am Morgen zufällig am Gleis der S-Bahn Reeperbahn. „Jan, hast du schon das neue Kiss-Album gehört? Wie findest du das?“ (Kiss hatten damals nach ihrer Reunion in Originalbesetzung ihr Album PSYCHO CIRCUS veröffentlicht). Ich hatte es schon gehört. Hatte eigentlich keine rechte Meinung und stammelte nur ein paar Halbsätze vor mich hin, dass ich das ganz witzig fände, dass sie plötzlich so am Grunge orientiert seien. Kristof hörte mir interessiert zu, was ich zu sagen bzw. nicht zu sagen hatte. Denn Kristof hörte immer interessiert zu. Auch das unterschied ihn von vielen seiner Zeitgenossen, die sich am liebsten selbst reden hören. Wir stiegen in die S-Bahn und er legte los. „Jan, aber findest du nicht auch: Das Konzept Zirkus ist immer zweifelhaft!“ Er belegte seine These. Brillant und verschroben.

Irgendwann musste ich aussteigen. Er rief mir durch die sich schließende Tür noch etwas hinterher, was ich nicht mehr verstand. Aber die These, dass „das Konzept Zirkus zweifelhaft“ sei, ist bis heute in mir hängengeblieben. Kristof konnte ernsthaft sein, ohne seinen Witz zu vergessen und er war nie zynisch. Er war nicht unkompliziert und oft umständlich. Seine Texte waren immer offen und ermöglichen den Hörer*innen, im eigenen Denken weiterzukommen. Und sein Gesang hatte ein viel größeres Spektrum als es die intellektuellen Gassenhauer der Kolossalen Jugend vermuten lassen. Er war zu enormer Sanftheit in der Lage. Auch seine journalistischen Texte (zuletzt eine wundervolle Kritik eines Reinhard-Mey-Konzerts) öffneten bei mir immer wieder viele Türen. Am 9. November ist Kristof völlig unerwartet verstorben. Er wird uns fehlen.

Zu Jan Müllers „Reflektor“-Podcast: www.viertausendhertz.de/reflektor

Diese Kolumne erscheint auch in der Musikexpress-Ausgabe 01/2023, die vom 8. Dezember an überall am Kiosk erhältlich und auch nach Hause bestellbar sein wird.


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