Meinung

„Sweater Weather“ von The Neighbourhood: Hymne einer Generation

Am 3. Dezember 2012 wurde die Hymne der Generation Tumblr veröffentlicht. Fast 14 Jahre später löst dieses The-Neighbourhood-Lied in mir eine Welle der Nostalgie aus – und damit bin ich nicht allein.

Die Alternative-Rock-Band The Neighbourhood veröffentlichte 2013 ihr erstes Album „I Love You.“. Elf Songs, die schnell Anklang fanden und ihre Zielgruppe erreichten. Eines davon kristallisierte sich rasch als Hörerliebling heraus: genau vier Minuten lang, eine leidende Stimme und eine nahbare Liebesgeschichte – „Sweater Weather“. Obwohl seit Anbeginn der Zeit eine vermutlich unmessbare Vielzahl an Liebessongs veröffentlicht wurde, greifen wir immer wieder auf ebendiesen nostalgischen Popsong im 4/4-Takt zurück.

Der Hype um The Neighbourhood hält an

Die Frage ist: Was haben Jesse Rutherford, Zach Abels und Jeremy Freedman in diesen Song gesteckt? Aktuell touren The Neighbourhood durch die Welt und haben nicht nur bis auf die absoluten Premium-VIP-Tickets alles ausverkauft, sondern werden auch sehnlichst von Tausenden erwartet, die tendenziell mehr Songs kennen als ihren 2012 erschienenen Hit. Dennoch ist klar festzustellen: Social Media ist voll davon, wie der Leadsänger „Sweater Weather“ performt und die Hallen singen, schreien und weinen – und das ganze Internet mit.

Szenerie und die Macht der Worte

Die Szenerie zeigt einen Mann an einem kalifornischen Strand. Jesse Rutherford singt davon, dass er den Strand nicht mag, doch schnell wird sein Unbehagen belanglos. Eine weitere Person nimmt Platz – am Strand und im Song. Ab dem Moment, in dem die zweite Person den Strand betritt, ist der Ort egal. Jesse Rutherford findet dafür die passendsten Worte.

Im Refrain heißt es:

One love, two mouths
One love, one house
No shirt, no blouse
Just us, you find out

„Sweater Weather“ zeichnet sich durch seine Übertragbarkeit und Nahbarkeit aus. Der Song ist nahezu genderneutral geschrieben – bis auf ein kleines, leicht überhörbares „she“ im Refrain. Daher wurde er von der queeren Community gelebt und geliebt und ist bis heute ein fester Bestandteil. Gerade im Jahr 2012 war dies noch eine Rarität, weshalb das Lied immer wieder Wellen in den Communities schlug. Neben der Genderneutralität ist die detaillierte und liebevolle Beschreibung des Verliebtheitsgefühls ausschlaggebend: Der Song ist nicht oberflächlich, geht nicht um Äußerlichkeiten und enthält keinen Kitsch.

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Tumblr und der Algorithmus

Durch meine viel zu frühe und häufige Anwesenheit auf der Plattform Tumblr stieß ich mit ungefähr zwölf Jahren auf den damals ganz neuen Track. Passend zu meinem Alter war ich noch nie verliebt und wusste nicht, wie sich das je anfühlen sollte. Die Vorstellungen und Gefühle, die dieser Song vermittelt, sind in meinen Augen die genaueste Beschreibung, die ich meinem zwölfjährigen Ich im Nachhinein hätte geben können. So hatte ich früh eine genaue Vorstellung davon, was ich erwarte.

Tumblr habe ich nun schon mehrmals erwähnt – aber was hat es damit auf sich? Vermutlich hat jeder ganz subjektive Wahrnehmungen zu bestimmten Plattformen. Während die einen Instagram für Rezepte und Fitness-Content nutzen, ist es für andere ausschließlich Unterhaltung. Meine Verknüpfung mit Tumblr ist selbstverständlich nur das Ergebnis dessen, wie ich meinen Algorithmus trainiert habe. Und dieser war definitiv auf The Neighbourhood abgestimmt.

Die Anonymität im Internet

Tumblr funktionierte sehr filterfrei und anonym und war für viele ein Safe Space, an dem sie mit Gleichgesinnten Quotes, Bilder oder Nachrichten gepostet, repostet oder geteilt haben. Mein Algorithmus war geprägt von einer eher melancholischen Stimmung: dunkle Farben, traurige Sprüche, unterlegt von „Sweater Weather“ und „Softcore“ – auch wenn das thematisch kein Perfect Match ist.

(Kein) Fazit

Eine handfeste Erklärung, warum ausgerechnet dieses Lied die Herzen einer ganzen Generation bricht und heilt, lässt sich wohl nicht festmachen. Aber eines steht fest: Kaum ein Lied hat meine Jugend so begleitet und geprägt wie dieses. Und jetzt ärgere ich mich, keine Tickets gekauft zu haben.