Kritik

„Tyler Rake: Extraction“ auf Netflix: Und es hat Boom gemacht

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Schlägereien, Verfolgungsjagden und Schussgefechte: Auch ohne mitgezählt zu haben, kann man sagen, dass „Tyler Rake: Extraction“ einen überdurchschnittlichen Body Count hat. Die neueste Produktion aus dem Hause Netflix strotzt nur so vor blutiger Gewalt, ist nichts für schwache Nerven und somit nicht ohne Grund ab 18. Inszenatorisch zeigt man sich dabei aber immerhin kreativ. Der Film ist ein Fest für Leute, denen mehr an fulminanter Action als an nachvollziehbaren Handlungssträngen liegt. Und in dieser Prioritätensetzung ist das Werk mehr als konsequent – zum Glück.

Tyler Rake: Extraction | Offizieller Trailer | Netflix auf YouTube ansehen

„Tyler Rake: Extraction“ führt uns in die kriminelle Unterwelt: Es beginnt damit, dass der junge Ovi Mahajan Junior (Rudhraksh Jaiswal) in Mumbai entführt wird. Dessen Vater, Ovi Senior, ist ein bekannter Mafiaboss, der gerade im örtlichen Knast eine Haftstrafe absitzt. Er schickt Saju los, der ein enger Vertrauter der Familie ist und während des Gefängnisaufenthalts auf Ovi Junior aufpassen sollte, um den Sohn wieder zu finden. Parallel wird auch unser Titelheld, der Söldner Tyler Rake (Chris Hemsworth), der isoliert in Australien auf einer Hühnerfarm lebt, von Nik Khan (Golshifteh Farahani) besucht. Sie informiert Rake, dass er ein Angebot für eine Mission hat. Es geht um die Befreiung eines entführten Jungen, der in Dhaka festgehalten wird – und es ist, Überraschung, ebenfalls besagter Ovi Junior. Dieser soll sich in den Fängen von Amir Asif befinden, einem Großgangster aus Bangladesch, der den Spitznamen „Pablo Escobar von Dhaka“ trägt und einen großen Einfluss auf sämtliche Vorgänge in der Metropole hat. Trotz (oder wegen?) der Schwierigkeit sagt Rake dieser tödlichen Mission zu und macht sich prompt mit Khan auf den Weg nach Dhaka. Es wird ein Lauf gegen die Zeit werden.

Chris Hemsworth als fleischgewordenes Schweizer Taschenmesser

Schnell entfaltet sich ein Plot voller Fallen und falschen Fährten. Hier kann keiner auf irgendetwas vertrauen – außer, dass Tyler Rake alles und jeden umnietet. Mit seinen Fäusten und mit den unterschiedlichsten Waffen. Er springt von Klippen sowie auch mal aus beschleunigenden Autos. Dieser Mann ist ein fleischgewordenes Schweizer Taschenmesser. Der von Chris Hemsworth verkörperte Titelheld ist zwar einerseits knallhart, aber alles andere als herzlos. Bei all seinen Kampffähigkeiten menschelt der Draufgänger auch gewaltig. Außerdem nimmt Rake ziemlich viele Schmerzmittel und wirkt meist so, als sei er schon ein Ticken zu lange im Söldnergeschäft, auch wenn er jeden seiner Aufträge um jeden Preis durchzieht – so auch die Rückholaktion in Dhaka.

Chris Hemsworth mimt also einen typischen Action-Antiheld: Seine Figur steht in der Tradition des Killers, der irgendwann mal etwas Unwiederbringliches in seinem Leben verloren hat. Hier kann man Vergleiche zu dem von Keanu Reeves gespielten „John Wick“ ziehen – hier gäbe es sowieso noch einige weitere Vergleichbarkeiten – oder auch zu Liam Neesons (Vater-)Figur in der „96 Hours – Taken“-Reihe. Zum Background von Rake erfährt man: Das unwiederbringliche Element in seinem Leben ist sein Sohn, der vor einer nicht weiter benannten Zeit starb. Rake ist zudem getrennt von seiner Ehefrau. Seither lebt der sichtlich von seiner Vergangenheit geplagte Rake wie ein Einsiedler, der nur von Alkohol und Tabletten getröstet werden kann. Seine Söldnermissionen scheinen das Einzige zu sein, was ihm geblieben ist.

Wer sich jetzt aber erwartet, dass in „Tyler Rake: Extraction“ tiefgreifende Charakterstudien stattfinden würden, der irrt aber. Abgesehen vom Titelhelden wird keine der Figuren sonderlich beleuchtet, auch wenn man ihnen immerhin zwei Stunden beim Rumballern, Rumrennen oder Rumschreien zuschaut. Wer diese Leute neben Rake sind, ist erst mal egal und zudem für die Handlung völlig unerheblich. Interessant sind andere Dinge: Wer wird von wem bezahlt? Wer hegt woran ein Interesse? Wer will wen tot sehen? Es sind vor allem ihre Motivationen, die von Interesse sind.

Ein Dreiklang aus Explosionen, Schusswechseln und Verfolgungsjagden

Bei „Tyler Rake: Extraction“ übernahm Sam Hargrave die Regie. Auch wenn es sein Erstlingswerk als Regisseur ist, erweist sich Hargrave keinesfalls als Neuling im Filmgeschäft. Zuvor arbeitete er aber als Stuntdouble, beziehungsweise als Stunt-Koordinator. Letztere Position hatte er beispielsweise beim weltweiten Kassenhit „Avengers: Endgame“ inne. In seinem Regiedebüt spürt man, dass sich hier jemand mit dem Drehen von Actionsequenzen auskennt. Die Stimmung ist spannungsgeladen, die Szenen toll choreographiert.

Einen großen Anteil daran hat auch der Kameramann – kein geringerer als Newton Thomas Sigel („Drive“, „Die üblichen Verdächtigen“). Dieser setzt besonders auf atmosphärische Takes, was die Actionszenen greifbar macht und den Betrachtenden geradezu mit reinzieht in den Film. Ob man nun will oder nicht. Ein Paradebeispiel dafür ist eine etwas mehr als zehnminütige Plansequenz, in der Rake gemeinsam mit Ovi Junior auf der Flucht vor Saju ist, der es, wie bereits erwähnt, auch auf den Jungen abgesehen hat. Für das eigene Auge ist in dieser Szene kein Schnitt zu erkennen. Es wirkt, als habe man diese Hochspannungseinstellung zwischen Explosionen und Schussgefechten, zwischen Autounfällen und Verfolgungsjagden, in einem Take aufgenommen. Rake und seinem jugendlichen Begleiter dabei zuzuschauen, wie sie ohne Pause gemeinsam durch Dhaka hetzen, über Dächer laufen und Gebäudeflure entlangschleichen, ist ganz großes Actionkino. Sicherlich ist diese Sequenz das Highlight des Films. Vor allem in Momenten wie diesen merkt man der Produktion an, dass hier viel Können versammelt wurde. „Tyler Rake: Extraction“ ist handwerklich super gemacht und man spürt den Aufwand, der in diese Großproduktion gesteckt wurde.

Wenig Originalität und Logik, dafür superharte Action

Der Film münzt die Grundidee eines strikten Actionkrachers nahezu konsequent um. Vorwerfen kann man dem Streifen eine fehlende Originalität, steht er doch sehr deutlich in der Tradition schon genannter Streifen wie „John Wick“ und „96 Hours – Taken“. Besonders deutlich wird das einerseits an der Hintergrundgeschichte des Titelhelden, dann aber auch an dem ganzen Entführungsplot. Zwar geht es hier nicht um das eigene Kind vom Protagonisten, wie bei „96 Hours – Taken“, doch ist es natürlich so, dass er sich irgendwann auch verantwortlich für den Jungen fühlt und somit in seine Vaterrolle zurückfindet.

In den Szenen, die so etwas wie das moralische Rückgrat für die Zuschauer*innen bilden sollen, wirkt der Film fahrig. Denn eben diese Augenblicke wollen so gar nicht zu dem sonst eher martialisch-brutalen Grundton des Streifens passen. Aber das Schildern dieser inneren Konflikte des Hauptcharakters scheint unerlässlich zu sein, um überhaupt mit diesem Söldner sympathisieren zu können.

„Tyler Rake: Extraction“ basiert auf der Graphic Novel „Ciudad“, die Ande Parks gemeinsam mit den Regisseuren der letzten beiden „Avengers“-Filme, Anthony und Joe Russo, schrieb. Und der Film funktioniert, wenn man ihn für das nimmt, was er ist: Ein fulminantes, hartes und absolut direktes Actionspektakel. In dem sollte man nur nicht allzu viel in Sachen Dialoge, Figurenzeichnung und Logik erwarten. Nimmt man dies als Prämisse und die damit einhergehenden eingeschränkten Erwartungen an, dann kann man sich einen wunderbaren Heimkino-Abend mit Blockbuster-Feeling machen und einem der größten Filmstars unserer Zeit dabei zuschauen, wie er sich in atemberaubenden, ja geradezu hanebüchenen Actionsequenzen, durch diese unmöglich scheinende Mission kämpft. Denn auch das ist Unterhaltung – und die ist hier wirklich gut gemacht.

„Tyler Rake: Extraction“ ist ab dem 24. April 2020 bei Netflix verfügbar.


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