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🔥„Dark“: So endet die Serie nach Staffel 3 | Das ist das Schicksal ihrer Figuren

Kritik

„Hollywood“ auf Netflix: Eine Hommage an die Traumfabrik, die sie sein könnte

Jack (David Corenswet) hat einen Traum: Er möchte Filmstar werden. Kurzerhand lässt er den tristen Mittleren Westen hinter sich und geht nach Hollywood. Seine Vorstellungen von der strahlenden Karriere stellen sich jedoch – wie könnte es anders sein – als naiv heraus. Schließlich ist es ein Traum, den in der Goldenen Ära Hollywoods viele träumen. Es ist die Zeit, in der Schauspieler wie Humphrey Bogart und Tony Curtis zu Ikonen avancieren, der Klassiker „Casablanca“ Filmgeschichte schreibt und Alfred Hitchcock zur Höchstform aufläuft.

Allerdings ist es auch die Zeit, in der viele an ihren geplatzten Träumen zu Grunde gehen und dramatische Schicksale Schlagzeilen machen – wie das von Peg Entwistle, die sich aufgrund eines Karriereknicks vom Hollywood-Sign stürzte. Auch Jacks Hoffnungen drohen an der harten Realität zu zerschellen. Als Rollen ausbleiben, nimmt er ein ungewöhnliches Jobangebot einer besonderen Tankstelle an: Betreiber Ernie (Dylan McDermott) hat sie zu einer Anlaufstelle für gut betuchte Freier*innen aufgebaut. Die Parole „Dreamland“ genügt und schon gibt es den Callboy zur Tankfüllung oben drauf. So kommt es zu einer einflussreichen Begegnung, durch die Jack schließlich doch noch einen Fuß in die Tür bekommt.

Rassismus, Homophobie, Sexismus – von wegen „Goldene Ära“

Bereits in der einführenden Storyline um Jack präsentiert sich die Netflix-Miniserie als ästhetisches Juwel. Ganz, wie man es von „American Horror Story“-Macher Ryan Murphy kennt, wartet das Format mit einem atmosphärischen Gesamtkonzept aus Soundtrack und hochwertiger Ausstattung auf, sodass sich schnell eine Sogwirkung entfaltet. Man hätte Lust, selbst ins Nachkriegs-Hollywood einzutauchen – zumindest bis man an die hässlichen Seiten der Traumfabrik erinnert wird.

Neben dem weißen, heterosexuellen Jack treten sehr bald weitere junge Künstler*innen ins Zentrum des Plots, die ebenfalls den großen Durchbruch ersehnen  – aber an der strukturellen Diskriminierung Hollywoods scheitern. Wie Archie (Jeremy Pope), der als schwarzer Drehbuchautor ausschließlich Geschichten über Weiße schreiben kann, um auch nur ansatzweise Gehör zu finden. Mit Rassismus hat auch Camille (Laura Harrier) zu kämpfen, die zwar als beste Nachwuchsdarstellerin ihrer Schauspielklasse gilt, aber nur Aussicht auf kleine Rollen als schwarzes Hausmädchen hat. Oder Raymond (Darren Criss), der als halb-philippinischer Regisseur zwar wert darauf legt, Schauspieler*innen of Colour zu besetzen, dafür von der Studioleitung aber nie grünes Licht bekommt. Und schließlich Schauspieler Rock Hudson (Jake Picking), der seine Homosexualität verbergen muss und außerdem von seinem Agenten Henry Willson (überzeugend gespielt von Sheldon-Darsteller aus „The Big Bang Theory“, Jim Parsons) zum Sex gezwungen wird.

Gezeigt wird ein Hollywood voller Rassismus, Sexismus, Homophobie und Doppelmoral. Während sich die Studios nach außen dem „Hays Code“ unterwerfen und in ihren Filmen die (weiße) amerikanische Familie zelebrieren, feiert das Who’s Who der Filmszene privat ausschweifende Partys und frönt das Establishment forciertem Sex mit Untergebenen.

Eine Hommage an ein utopisches Hollywood

Doch die siebenteilige Miniserie vollzieht eine wahrlich spektakuläre Wendung. Ryan Murphy und Ian Brennan, die zusammen bereits am erfolgreichen TV-Format „Glee“ gearbeitet haben, brechen mit dem Bild des schmierigen Hollywoods und entwerfen stattdessen eine Alternativgeschichte, die märchenhaft anmutet.

Jack, Archie, Camille & Co. werfen sich nicht, frustriert über die Aussichtslosigkeit ihrer Situation, vom Hollywood-Sign – sie erklimmen es. Und zwar gemeinsam. Die Tugend der jungen aufstrebenden Künstler*innen trifft auf den Mut der betagten Studiogrößen Ellen (Holland Taylor) und Dick (Joe Mantello). Zusammen erkämpfen sie sich ein Projekt über ein Biopic zur besagten „Peg“ und machen es zu einem Film, den es zu der Zeit nicht hätte geben dürfen – und wahrscheinlich bis heute von den meisten Studios abgelehnt werden würde. Dieses filmische Gedankenspiel funktioniert nicht nur erstaunlich gut, sondern bleibt aufgrund der vielseitigen zwischenmenschlichen Dimensionen, die dabei in den Blick genommen werden, durchgängig interessant.

In allerbester „Once Upon A Time… In Hollywood“-Manier werden sogar den Lebensläufe echter Schauspielgrößen die Tragik genommen. So wird beispielsweise Anna May Wong (Michelle Krusiec) ein fiktives Comeback jenseits rassistischer Rollenstereotypen zugestanden. Die zahlreichen Auftritte tatsächlicher Hollywood-Persönlichkeiten unterstreichen, was die Serie auch ist: Eine gefühlvolle Hommage an die weltoffene Traumfabrik, die sie hätte sein können. Eine Feier der fantastischen Filme, die sie dennoch hervorgebracht hat und eine Verneigung vor den Stars, die in Wahrheit schon immer queerer und vielfältiger waren, als es die Zuschauer*innen bereit gewesen wären zu akzeptieren. 



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