Kritik

„The Grand Tour: Seamen“ auf Amazon Prime: Kalauer, die dem Klimadiskurs nicht helfen

Die Zeiten für prollige Automobilsendungen könnten kaum unsicherer sein: Klimadiskurs, emissionsfreie Antriebe und eine gesunde Skepsis für des Mannes liebstes Spielzeug stehen Rekord-Zulassungszahlen von SUVs gegenüber. Auch dem Moderatoren-Trio des nihilistischen Automobilmagazins „The Grand Tour“ ist das nicht verborgen geblieben. Weswegen sie sich diesmal in Spielfilmlänge auf drei höchst unterschiedliche, spritfressende Boote begeben, um den Mekong zwischen Kambodscha und Vietnam hinunterzuschippern. Warum das trotz der offensichtlichen Altmänner-Attitüde extrem amüsant und unterhaltsam ist, unterstreichen die nachfolgenden fünf Gründe.

1. Alternative Fakten und Schwanzvergleiche

Ja, auch die Nachbildung des PBR (Patrol Boat River) von Jeremy Clarkson, das Scarab-Speedboat von Richard Hammond und das 1933 gebaute Pettersson Salonboot von James May verbrauchen Unmengen an klimaschädlichem Treibstoff. Die kritische Betrachtung des Klimawandels wird also direkt ad absurdum geführt, während das Moderatorentrio an Land (ironisch wenig subtil) auf klapprigen Fahrrädern unterwegs ist und gegen vorbeifahrende Autos hetzt. PS-protzende Autos machen eine Pause, denn die GT-Moderatoren müssen sich diesmal auf Booten von Siam Reap in Kambodscha nach Vũng Tàu in Vietnam durch die Kanäle des Ton Le Sap und des Mekong kämpfen. Eine hübsche Kulisse für die grundsätzlich identischen Inhalte der längst legendären Sendungen von Clarkson, Hammond und May, die vor „The Grand Tour“ gemeinsam das umstrittene Automagazin „Top Gear“ bei der BBC moderierten. Britischer Pennäler-Humor von drei älteren Herren, die sich stets albernen Wettkämpfen hingeben, bei denen prollige, teure oder irrsinnig schnelle Transportmittel im Mittelpunkt stehen. Was abseits aller umweltpolitischen Korrektheit auch hier leider wieder ziemlich lustig ist.

2. Meinen die das ernst?

Wenn Clarkson als das Alphatier des Rudels mit seiner sonoren Stimme und vornehmem britischen Zungenschlag über Pol Pot, den Klimawandel oder die Tatsache doziert, dass die Vietnamesen völlig zurecht den Vietnamkrieg gewonnen haben, ist man ein wenig verwirrt. Immerhin brettert er gleichzeitig mit einem tarngrünen, amerikanischen Boot durch asiatische Gewässer, welches im Original von den USA einst im Krieg gegen Vietnam eingesetzt wurden. Und gerade diese Mischung aus männlicher Ignoranz, BBC-Weltreisedoku-Elementen und vielen, vielen höchst albernen Slapstick-Einlagen sorgen für eine kurze Verschnaufpause im eigenen Bestreben, alles richtig und die Welt noch ein Stückchen besser zu machen. Wenn es nur noch drei Menschen geben dürfte, die mit umweltschädlichen, völlig übermotorisierten Vehikeln durch die Gegend gondeln dürften, dann vielleicht diese drei Neandertaler. So kann man vor dem nahenden Weltuntergang wenigstens noch einmal herzlich und hysterisch lachen. Sogar wenn einem schnelle Boote und dicke Autos grundsätzlich total egal sind.

3. Auftakt zu einer neuen Reihe

„Seamen“ (ja, der englische Wortwitz ist natürlich beabsichtigt) markiert den Beginn einer neuen Reihe von „Abenteuer-Roadtrip-Specials“, wie Amazon Prime Video es nennt. In „James May: Our Man in… Japan“, Clarksons „I Bought A Farm (Arbeitstitel)” oder der Pop-Science-Serie mit Richard Hammond und Tory Belleci („MythBusters”) geht es wahlweise um fremde Kulturen, dem Moderator (Clarkson) völlig fremdes Kultivieren von Pflanzen oder wissenschaftlich angehauchte Popkultur-Phänomene. Schon bei „Top Gear“ (1989-2015) ging es trotz aller aufrichtigen Leidenschaft für das Automobil zu gleichen Teilen auch darum, die ganze Vergötterung ins Absurde zu ziehen. Im Zweifel hatte ein britisch-gefärbter Kalauer hier immer Vorrang vor den Rennfahrerqualitäten des Moderators oder den technischen Kapazitäten des Herrenbeschleunigers. Komödiantisches Talent, gepaart mit britischem Sprachwitz kann eigentlich jeden Inhalt durchmoderieren. Weswegen auch „Seamen“ zwar viele Facetten vorweisen kann, in erster Linie aber als Statement dafür steht, grundsätzlich alles zu hinterfragen und gleichzeitig nicht alles so ernst zu nehmen.

4. Was denn bitte für Facetten?

Nüchterne Einblicke in die kambodschanische und vietnamesische Kultur, prächtige Landschaftsbilder und die typische asiatische Hilfsbereitschaft und Höflichkeit, die der britischen Etikette nicht ganz unähnlich ist. Sofern diese nicht nach acht Pints und einer niederschmetternden Fußballübertragung aus dem Pub gewankt kommt. Ein paar geschichtliche Fakten, Anekdoten über das Mekong-Delta und die historischen Hintergründe der verwendeten Boote, ohne dass diese Infos in eine dokumentarische Nachhilfestunde ausarten. Brilliant-komische Momente, wie der, in dem sich Clarkson vor einem Verkaufsstand gefühlt eine Minute mit einem frisch erworbenen Deospray einnebelt, sehr zur schüchternen Verwunderung der Verkäuferinnen. „Can I have another one, for the other armpit? Thank you!” Statt Beschleunigungsrennen gibt es heftigen Wellengang, prasselnden Monsunregen und plötzliche Windböen, die kurz vor dem Ziel bei den Kombattanten doch arge Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Unternehmung aufkommen lassen.

5. Brits swear better

Kraftausdrücke und Schimpftiraden aus dem amerikanischen HipHop – kann man heute an jeder Dorf-Supermarktkasse von 15-jährigen Halbstarken aufsammeln. Der Brite hat sich selbst für den wildesten Wutausbruch einen gewissen Stil bewahrt: „There’s no time for cocking about“, schwadroniert Clarkson am Anfang. „There’s not even enough water in there to drown a witch”, heißt es angesichts des bedenklich niedrigen Wasserstands in einem Fluss-Teilstück. „Bollocks!“, „Bloody hell!“, „Sod it!“, oder ein schlichtes „Oh, shit!“ schmücken viele weitere verzweifelte Ausrufe der drei Herren. Das hilft dem Klimadiskurs natürlich am Ende auch nicht weiter. Und ob Clarkson bei seiner Beschimpfung von Greta Thunberg („Thunberg has killed the car show”) im Revolverblatt „The Sun“ wirklich nicht über den Tellerrand seiner Rolle als „Petrolhead“ hinausblickt, darf durchaus hinterfragt werden. Schließlich sind die Briten große Meister darin, die vermeintlich ungeheuerliche Provokation in kuschelig-ironische Worte zu verpacken – wissen wir spätestens seit Monty Python’s Flying Circus.



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