The Singles


Nach dem großen Erfolg von „The Singles-Früchtespezial“ vom vergangenen Monat gibt es heute wieder eine reguläre Ausgabe, die mit Apparat zu eröffnen eine große Ehre ist. Die 12-lnch „Arcadia RMXS“ (InFine Music) hat zwei Remixe des Electro-Pop-Tracks von Sascha Rings Meisterwerk walls aus dem vergangenen Jahr. Der „Boys Noize Remix“ breitet den Track auf über zwölf Minuten aus mit halbcrazy Orgelloops und verhaltenen Noizismen, so dass das psychedelisch-traumwandlerische Ambiente des Originals noch unterstrichen wird, bevor es dann in Richtung wohlgenährter Bassline und Tanzbarkeit geht. Im „Telefon Tel Aviv Remix“ lädt das Duo aus Chicago den Track mit ein paar hübschen Bass-Synth-Riffs auf.

„Nur“ als 7-lnch gibt es „MFDS“(CounterRecords/NinjaTune/Rough Trade) von The Death Set, auch (nicht ganz so sehr) bekannt als The Motherfucking Death Set aus Baltimore, Maryland. Das mit dem „nur“ als 7-lnch ist auch gut so, denn wer keinen Plattenspieler besitzt, verdient es auch nicht, diese relativ großartige Musik zu hören. Vier Songs in ein bisschen mehr als sechs Minuten, der längste, „Negative Thinking“ zwei Minuten und 16 Sekunden lang. Das ist Cyber-Electro-Punk, wie Sigue Sigue Sputnik in gut. Oder wie die Trash Groove Girls, aber die kennt wirklich kein Schwein mehr.

Anlässlich der Veröffentlichung der 12-lnch „Throttle Promoter“ (Warp/Rough Trade) des britischen Producers Chris Clark lässt es sich sein Label nicht nehmen, eben diesen Clark als „Aphex-Twin-Thronfolger“ zu bezeichnen. Wir denken an sein kraut und rübiges 2006er Album body riddle und lassen es uns nicht nehmen, anlässlich des Richtungswechsels auf dieser Single- übrigens im Oldschool-Warp-12-lnch-Design verpackt-vom „Squarepusher-Thronfolger“ zu reden. Semi-weirder Techno. gefühlte Breakbeats. Dancefloor-tauglich.

Okay, schnell wiederholen: Düne, Synth-getriebener Electro-Indie-Rock aus Dänemark, Singles besser als das Album. Auch diese hier: „80 Years“ (Columbia/Sony BMC). Bemerkenswert: Tracks Ein Remix vom großen Harald Faltermeyer (of „Axel F“-fame). Die ganze vintage Roland- und Yamaha-Pracht im Crazy-Frog-Beat. In Zeiten von „Flux“ muss man sich dafür nicht mehr schämen.

Schön, dass auf der neuen Single der Editors, „The Racing Rats“ (Kitchenware/PIAS/Rough Trade), neben einer Liveaufnahme des Titeltracks noch zwei unveröffentlichte B-Seiten drauf sind – „Banging Heads“ und „A Thousand Pieces“-die den Albumtracks in rein gar nichts nachstehen. Der Gimmick aber geht so: Diese CD-Single gibt es in weiteren drei Konfigurationen mit „The Racing Rats“ in unterschiedlichen Versionen plus Livetracks, die-von Sammlern gesammelt-fast ein komplettes Editors-Konzert ergeben.

Wenn Janet Jackson nicht 100, sondern lediglich 75 Prozent ihrer Perfektionsenergie in ihren zurechtoperierten Körper stecken würde und den Rest, also 25 Prozent, in ihre Musik -dann wäre „Feedback“ (Island Defjam Music Group/Universal) wahrscheinlich der helle Wahnsinn von einem Song. So, also mit genau null Prozent Musikperfektionsenergie, ist es nur ein „zeitgemäßer“ R’n’B-Stampfer mit dem, was wir Musikwissenschaftler den eher“Believe“-Auto-Tune-Effekt nennen. Vorm geistigen Auge: robotic Dance-Moves der mit Headset ausgestatteten Janet.

Singles-Kritiken-Schreiben kann so einfach sein. Wenn der Autor, der den Folder zu „Du machst mich kaputt“ (Trigger Records/Sony BMG) von Jenson zugetextet hat, die Kritik gleich mitliefert: „Vier Männer, vier Buchstaben: ROCK. Großgeschrieben. Breitbeinig. Selbstbewusst. Schmutzig. Mit deutschen Texten, die Bauch UND Kopf ansprechen, ohne Prollrock- oder Sozialpädagogenklischees aufzuwärmen. Ladies&Gentlemen.JENSON! (…) ROCK’N’ROLL kann so einfach sein.“

Gerne würden wir jetzt ein paar Sozialpädagogenklischees aufwärmen, nur wissen wir nicht genau, wie das gehen soll. Deshalb erzählen wir noch einen von wegen Cyper-Electro-Punk, wie Sigue Sigue Sputnik in gut. Oder wie die Trash Groove Girls, diesmal mit erheblichem Ramones-Einfluss. Wobei wir bei der/den legendären Helen Love und „It’s My Club“ (Elefant Records/Rough Trade) wären. Schön hier: „Boots On“, eine Umarbeitung des Buggles-Songs „Video Killed The Radio Star“.

Hach, eine „Split EP“ (Fanboy Records/Broken Silence). Das finden wir gut. Neat Neat Neat (ein Spaltproduktduo von Tigerbeat und Das Weeth Experience) und The Dalles (Allstarband aus Ex-Mitgliedern von Readymade, The Monochords, Miles, Crash Tokio und und und) teilen sich eine7-lnch, die mit 331/3 abzuspielen ist. Während sich Neat Neat Neat mit „Automatic Blues“ und „Stuck In Reverse“ als eine Art Jon Spencer Blues Explosion im Aufbau präsentieren, spielen The Dalles mit „Weight Of The World“ und „Live The End“ feuergefährlichen, angepsychten Indie-Rock, den man dieser Tage nicht so oft zu hören bekommt.

Der Track „All the girls“(Exploited/GrooveAttack) des Berliner Produzentenwunders Siriusmo (not known as Moritz Friedrich, bekannt für seinen famosen Remix von „It’s The Beat“ von Simian Mobile Disco und als Gastdozent auf dem jüngsten Modeselektor-Geniestreich happy birthday!) ist ja schon in der Originalversion ein ziemlicher Wahnsinn von einem Electro-Funk-Disco-HipHop-Hybriden. Diese EP (12-lnch, grünes Vinyl, acht Tracks) lockt mit diversen Remixes und-works, von denen der, der sich „Girlsrock“ nennt, in Acid-Electro-Rock-Regionen verschwindet. Auch nicht schlecht: der „Tomboy Rmx“, mit dem sich der Gomma-Asoziierte auf das Terrain von Boys Noize begibt.

Wenn die Musik der SmashingPumpkins von all dem pathetischen Zierrat und von den tausend Gitarrenspuren befreit ist, hört man, dass sich da tatsächlich Songs darunter verstecken. „American Gothic“ (Warner) heißt die EP mit vier akustischen Stücken, die in den Sessions zum letztjährigen Zeitgeist entstanden sind, aber nicht aufs Album gekommen sind. Wenn dir der Meckergesang auf „American Gothic“ gefällt, dann müsste dir auch alles von Tyrannosaurus Rex und ein bisschen was von Devendra Banhart gefallen.