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Kritik

Frank Elstners Netflix-Talk „Wetten, das war’s?“: Klassen- und Generationentreffen der TV-Unterhalter*innen

Dass Frank Elstner einer der, man muss es so sagen, letzten Überlebenden der Goldenen Entertainer-Generation Deutschlands ist, wissen die meisten. Blacky Fuchsberger, Hans-Joachim Kulenkampff, Loriot, Harald Juhnke, Dieter Thomas Heck – sie alle sind bereits gestorben. Was viele nicht wissen: Der heute 78-jährige und an Parkinson erkrankte Elstner, in puncto Charisma nie so weit vorn gewesen wie sein „Wetten, dass..?“-Nachfolger Thomas Gottschalk, aber eben Erfinder der berühmtesten Show des deutschen Samstagabendfernsehens, hat erst im vergangenen Jahr einen Preis als „Bester Newcomer“ gewonnen. Für sein YouTube-Format „Wetten, das war’s?“, produziert von der Agentur seines Sohnes Thomas, gewann er einen „YouTube Goldene Kamera Digital Award“. In den vier Folgen interviewte er auf seine typisch ruhige und respektvolle Art Herbert Grönemeyer, Giovanni di Lorenzo, Jan Böhmermann und die fast nie Interviews gebende Helene Fischer. Die selten gewordenen Gesprächsqualitäten dieses Elder Statesman der deutschen Fernsehunterhaltung haben sich sodann bis zum Streamingdienst Netflix herumgesprochen: Seit dem 12. Juni werden ebenda fünf neue Folgen von „Wetten, das war’s..? ausgestrahlt, beworben als Abschluss von Elstners Lebenswerk mit den Worten „sein letztes Talkshow-Projekt“.

In den jeweils rund 45 Minuten langen Episoden spricht Frank Elstner fast ausnahmslos mit den Erben seiner Zunft: Joko Winterscheidt, Klaas Heufer-Umlauf und Charlotte Roche wurden selbst zuerst als TV-Moderator*innen bekannt, Elstner ist für sie eine Ikone. Auch Lena Meyer-Landrut und Daniel Brühl gehen als Unterhalter*innen durch, die eine als Musikerin und Castingshow-Jurorin, der andere als Schauspieler, der es bis nach Hollywood geschafft hat. Die Gäste verbindet zudem ein weiteres, durchsichtiges Band, das wie ein Konzept der Show wirkt, aber gar keines ist: Joko und Klaas gehören zusammen wie früher Gottschalk und Mike Krüger, Roche ging auf die selbe Schule wie Winterscheidt, sie und Meyer-Landrut sind eng befreundet, seit Lena vor zehn Jahren von Stefan Raab zur ESC-Kandidatin und -Siegerin gemacht wurde; Roches Ehemann wiederum war damals einer der Geschäftsführer von Raabs Produktionsfirma und so weiter. Man kennt sich eben in der deutschen Showbranche. Nur Brühl wirkt in dieser Runde wie ein Außenseiter, verstärkt durch die Tatsache, dass sein Interview in einer anderen Location (mit ebenso großflächig gedeckter Tafel im Stile des Letzten Abendmahls) aufgenommen wurde.

Frank Elstners besonnene, hochinteressierte und warmherzige Art und Weise der Gesprächsführung ist für die Zuschauer*innen Fluch und Segen zugleich: Hatte man bei seinem exklusiven Talk mit Helene Fischer noch den Eindruck, hier würden sich zwei ein wenig zu gut verstehen und mit Komplimenten um sich werfen, sorgt diese selten gewordene Hochebene der gegenseitigen Wertschätzung in den neuen Folgen von „Wetten, das war’s..?“ für intensive Momente. Wenn Joko Winterscheidt etwa vom frühen Tod seiner Mutter (Joachim, so sein bürgerlicher Name, war 6) und damit einhergehenden familiären Problemen berichtet. Wenn er zugibt, dass ihn die ihm von Klaas zugeschriebene Trottelrolle nervt. Wenn Elstner Charlotte Roche gleich mit der schrecklichen Geschichte über den Tod ihrer Geschwister durch einen Autounfall auf dem Weg zu ihrer Hochzeit beginnen lässt. Wenn Roche erklärt, warum sie mit ihren Eltern keinen Kontakt mehr hat. Wenn Elstner zugibt, wie schlecht er Roches späteren Weltbestseller „Feuchtgebiete“ anfangs fand. Wenn Daniel Brühl andeutet, wie schwierig bis cholerisch er am Set und zuhause sein kann. Wenn Elstner über Motorradtrips in der Midlife Crisis plaudert. Wenn er ein Leuchten in den Augen kriegt bei der Erinnerung an die 68er. Wenn er immer wieder versucht, die „#MeToo“-Bewegung zu verstehen und einzuordnen, also trotz seines Alters und mutmaßlich anderer Erfahrungen immer noch dazu zu lernen. Immer dann hat man für ein paar Sekunden oder Minuten Wahrhaftigkeiten erfahren, die so wohl nur in Einzelgesprächen spürbar werden, kaum aber in den typischen „6 Gäste in einer Stunde“-Talkrunden von Markus Lanz bis „Kölner Treff“, die die heutige Abendunterhaltung und -information im deutschen Fernsehen dominieren.

Einzig Lena Meyer-Landrut kommt, pardon, so langweilig wie erwartet daher, nachdem sich die Sängerin und Elstner in den ersten Sendeminuten gegenseitig für das, nun ja, mißglückte ESC-Interview 2011 entschuldigten: Er gibt zu, langweilige und schlecht vorbereitete Fragen gestellt zu haben, sie gibt unter wie auf Knopfdruck produzierten Tränen zu, unprofessionell gewesen zu sein.

Verziehen sind bei all den stillen Qualitäten dieser Reihe schnell auch irritierende Szenen wie die, als der trockenen Alkoholikerin Roche ein Weinglas fast vor die Nase gestellt wird. Als Elstner ständig von „Stands“ spricht und „Stunts“ meint. Oder als die mit Brühl festgestellte ungerechte Tatsache, dass es Frauen mit zunehmendem Alter immer schwerer haben, Rollen zu bekommen, ein bisschen zu schnell weggelacht wird. Man könnte über jedes dieser Gespräche noch viel mehr sagen. Man könnte sich aber auch einfach zwei Abende Zeit nehmen, dieses wegen seines offenkundigen Gesundheitszustands wahrscheinlich wirklich letzte Talkprojekt Elstners (auch Männer können „zu alt“ werden) bei einer Flasche Wein oder Wasser zu genießen, über eventuell noch kommende Gäste spekulieren (mindestens ein Stuhl am Tisch ist ja noch frei) und zu schätzen lernen, dass es zwischen all der Provokation, dem Populismus und der Schlagzeilenträchtigkeit dieser Tage (und Talkshows) noch sowas wie Innehalten gibt. Knallharter People-Journalismus ist das hier nämlich nicht. Dafür sehr menschelnder.

„Wetten, das war’s ..?“ mit Frank Elstner, Klaas Heufer-Umlauf, Joko Winterscheidt, Charlotte Roche, Lena Meyer-Landrut und Daniel Brühl, seit 12. Juni 2020 auf Netflix im Stream verfügbar


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