Kritik

„The Unforgivable“ auf Netflix: Nicht ohne meine Schwester

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Ruth Slaters Existenz gilt als gescheitert. Ihre Mutter starb bei der Geburt ihrer kleinen Schwester Katie, als junge Erwachsene lebte sie bei ihrem Vater. In Flashbacks erfahren wir: Damals, bei ihrer Festnahme, bekannte sie sich schuldig, einen Sheriff erschossen zu haben, der in ihr Haus kam, nachdem ihr Vater sich umbrachte. 20 Jahre saß sie dafür im Gefängnis, und nun, wieder auf freiem Fuß, soll sie sich mit Unterstützung eines Bewährungshelfers in ihrer Heimatstadt Seattle ein neues Leben aufbauen. Ruth kommt in einem Frauenwohnheim unter, jobbt in einer Fischfabrik und hat eigentlich nur ein Ziel: Sie will ihre Schwester wiederfinden, die sie als Fünfjährige zum bisher letzten Mal sah. Dort fangen ihre neuen Probleme erst richtig an.

Katie lebt seit Ruths Festnahme bei Pflegeeltern. Sie spürt durch vereinzelte Erinnerungsfetzen, dass ihr Leben nicht immer so in Ordnung war, wie es jetzt ist. Sie weiß aber nichts von ihrer Vergangenheit, weil ihre neuen Eltern ihr nie davon erzählten und auch Ruths Briefe all die Jahre vor ihr versteckten – aus für sie gutem Grund: Als wenngleich geständige Polizistenmörderin ist Ruth stigmatisiert. Auch ihre neuen Kolleg*innen hassen und schikanieren sie dafür, und wenn jemand mal nichts von ihrer Vergangenheit weiß, wendet er sich ab, sobald er davon erfährt. Eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft scheint unmöglich – auch deshalb, weil Ruth nach 20 Jahren im Knast mit Konfrontationen nicht gut umzugehen weiß. Ein Happy End ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Die Söhne des ermordeten Sheriffs wollen sich an ihr rächen.

Produzent Graham King ( „The Aviator“, „Bohemian Rhapsody“) wollte schon seit 2010 ein Film-Remake der britischen Miniserie „Unforgiven“ drehen, ursprünglich mit Angelina Jolie in der Hauptrolle. Nun ist eine deutsch-amerikanische Co-Produktion daraus geworden – neben King und Bullock selbst fungiert Veronica Ferres mit ihrer Firma Construction Film als Produzentin. Regie führte die deutsche Nora Fingscheidt („Systemsprenger“). „The Unforgivable“ ist ein düsteres Sozial- und Crime-Drama geworden, das von Familie, Trennung, Vergebung, fehlenden Chancen und davon erzählt, wie sehr unsere Kindheit unser Erwachsenenleben bestimmen kann. Durch ihre kalte Ausdruckslosigkeit überzeugt Sandra Bullock in jeder Sekunde als hoffnungslos verlorene Frau, die zu funktionieren versucht, deren Scheitern aber vorbestimmt zu sein scheint. Auch die Nebenrollen sind mit unter anderem Jon Bernthal, Viola Davis, Vincent D’Onofrio und Richard Thomas stark besetzt. Tristgraue Bilder aus dem verregneten Seattle im Nordwesten der USA tun zum auch ohne Mordfall hinlänglichen Eindruck ihr Übriges: Was für ein beschissenes und unprivilegiertes Leben viele Menschen leben und gleichzeitig dankbar sein müssen, überhaupt ein paar Dollar zu verdienen.

Das Drehbuch von „The Unforgivable“ hat nur einen Haken, der mit einer von Ruth Slaters früheren Entscheidungen zu tun hat. Näher darauf eingehen können beziehungsweise wollen wir an dieser Stelle leider nicht – Spoileralarm. Ihr ahnt: It ends with a twist.

„The Unforgivable“ startete am 24. November 2021 in den us-amerikanischen Kinos. Seit dem 10. Dezember ist der Film auf Netflix im Stream zu sehen.


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