Kritik

„True Story“ auf Netflix: Die unwahre Wahrheit über Kevin Hart

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Serien über angebliche Wahrheiten feiern dieser Tage Hochkonjunktur. Auf Amazon Prime läuft seit dem 26. November „Unzensiert: Bushido’s Wahrheit“. Eine Doku, in der sich Bushido zwar einerseits um Realtalk bemüht und mit seinem einstigen Schutzpatron Arafat Abou-Chaker abrechnet, die andererseits wegen des Mangels an Antagonisten vor der Kamera maximal der halben Wahrheit entspricht. Und dann startete auf Netflix noch die Miniserie „True Story“, eine „wahre Geschichte“ also, in welcher der Komiker Kevin Hart die Hauptrolle spielt und dessen Figur des Komikers Kid seiner eigenen sehr ähnelt. Was von der Handlung wie wahr ist, um diese Frage geht es in „True Story“ auf gleich zwei Ebenen.

Comedian Kid ist in den USA ein Superstar. Seine Shows sind regelmäßig ausverkauft, sein neuer Kinofilm ein Kassenerfolg, seine Fans belagern ihn an jeder Straßenecke und warten vor den Hotels auf Autogramme und Selfies. Im Schlepptau hat Kid während seiner aktuellen Tour nicht nur seinen Manager, seinen Bodyguard und seine Gagautorin, sondern auch seinen älteren Bruder Carlton (Wesley Snipes), mit dem er gerne Pranks durchzieht, also zum Beispiel dem Hotelpersonal Streiche spielt. Sorgenkind Carlton lebt seit Jahr und Tag vom Geld seines Bruders: Kid investiert regelmäßig in neue Geschäftsideen von Carlton, der fährt sie genau so regelmäßig vor die Wand.

Wesley Snipes als dummer Bruder

Ihre Beziehung wird eines Morgens besonders auf die Probe gestellt. Nach einer durchzechten Nacht wacht Kid neben einer Frau auf. Carlton zerrt ihn aus dem Bett: Daphne, so ihr Name, ist tot, sagt er. Kid kann sich an nichts erinnern. Er will die Polizei rufen, Carlton hält ihn davon ab. Ein Todesfall mit Kids Mitwirken würde einen Trümmerhaufen aus seiner Karriere machen. Also heuert Carlton einen Profi an, der die Leiche beseitigen soll. Damit sind Kids neue Probleme aber nicht gelöst, sondern fangen erst richtig an: Der kriminelle Tatortreiniger erpresst Kid um sechs Millionen Dollar monatlich. Es folgt eine Abwärtsspirale, eine Verkettung weiterer falscher Entscheidungen und Handlungen, oft von Carlton initiiert oder aus Dummheit oder Kurzsicht verschuldet, aus der es für den tragischen Helden kein Entkommen zu geben scheint.

„True Story“ ist trotz komischer Momente keine Komödie. Es ist ein Drama und ein Crime-Thriller, dessen Story tatsächlich lose auf Kevin Harts Karriere basiert. Auch er ist ein überaus erfolgreicher Stand-up-Comedian und Schauspieler, schon 2015 wurde er vom TIME Magazin zu einer der 100 einflussreichsten Personen der Welt gekürt. Auch er stammt aus Philadelphia. Auch er lebte in Scheidung von seiner Ex-Frau, mit der er zwei Kinder hat (Kid hat in der Serie einen Sohn). Alles über diese biografischen Eckpfeiler hinaus müssen wir aber dem Bereich Fiktion oder Spekulation zuordnen: Sieht Kevin Hart seine Fans ebenfalls als trostlose, aber für ihn wichtige Gestalten an, wie Kid es in „True Story“ mit seinem Fast-Stalker Gene tut und ihn ausnutzt, als er ihn braucht? Gewiss nicht, welcher Celebrity würde sich schon ein derartiges Eigentor schießen? Würde Kevin Hart für seine Karriere über Leichen gehen? Ebenfalls mit aller Wahrscheinlichkeit nicht.

Vorhersehbarer Twist, unvorhersehbares Ende

„True Story“ ist ein im Grunde clever geschriebener Siebenteiler von „Narcos“-Macher Eric Newman. Der 42-jährige Hart unterstreicht darin seine zuletzt etwa in „Fatherhood“ und der „Jumanji“-Neuauflage gezeigten schauspielerischen Qualitäten, der heute 59-jährige 90er-Actionstar Wesley Snipes beweist, dass er doch noch nicht von der Bildfläche verschwunden ist. Mit einem theoretisch sehr guten Twist wartet „True Story“ zum Ende hin ebenfalls auf – praktisch ist genau der aber das Hauptproblem der Miniserie: Wer nur ein Stückchen weiter mitdenkt, als Carlton es tut, ahnt um diesen schon im Titel angedeuteten Twist von Folge 1 an – und fühlt sich bei dessen Offenbarung entweder in den eigenen investigativen Fähigkeiten bestätigt oder enttäuscht ob dessen Vorhersehbarkeit. Aber hey: Wie Kid aus der Nummer rauskommt, ahnen wir nicht. Und die zu einseitige Bushido-Doku kann man sich ebenfalls bis zum Schluss reinziehen, obwohl ihr vorläufiges Ende ja bereits bekannt ist.

„True Story“, mit Kevin Hart, Wesley Snipes, Tawny Newsome, Theo Rossi u.v.m., seit 24. November 2021 auf Netflix im Stream verfügbar.


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