TikTok verliert Millionen User: Das Ende des Musik-Motors?

Nach dem Joint-Venture-Deal löschen US-Nutzer:innen massenhaft TikTok. Charts, virale Hits und Künstler:innen-Karrieren könnten auf dem Spiel stehen. Mögliche Folgen im Überblick.

In den vergangenen Tagen zeigt sich ein klarer Trend: In den USA löschen deutlich mehr Menschen ihren TikTok-Account, kurz nachdem die Videoplattform ihre US-Geschäfte in ein neu gegründetes Joint Venture überführt hat. Daten aus Marktanalysen zeigen, dass die App-Deinstallationen dort zeitweise um rund 130 bis 150 Prozent im Vergleich zu den Vormonaten gestiegen sind. Grund dafür ist offenbar der Abschluss eines jahrelangen Deals zur Umstrukturierung der TikTok-U.S.-Einheit, bei dem das chinesische Mutterunternehmen ByteDance einen Großteil seiner Kontrolle abgab und nun ein Konsortium aus US-Investoren, darunter Oracle, Silver Lake und MGX, die Mehrheit hält.

Hintergrund dieser Entwicklung ist ein politischer und regulatorischer Druck, der TikTok in den USA schon mehrere Jahre begleitet: 2024 verabschiedete der Kongress ein Gesetz, das ByteDance zur Veräußerung seiner US-Einheit verpflichtete – andernfalls drohte ein landesweites Verbot der App. Der nun abgeschlossene Joint-Venture-Deal sollte TikTok vor einem solchen Verbot bewahren, indem U.S.-Daten, Content-Moderation und Teile des Algorithmus künftig unter direkter Kontrolle amerikanischer Betreiber:innen stehen.

Doch die Umstellung und neue Nutzungsbedingungen, die mit dem Deal einhergehen, stoßen bei vielen User:innen auf Skepsis und Ablehnung. Zugleich berichten Nutzer:innen von technischen Problemen und Wahrnehmungen von Zensur oder eingeschränkter Reichweite, insbesondere bei politisch sensiblen Inhalten – was die Flucht vieler Account-Inhaber:innen weiter antreibt. Plattforminterne Metriken zeigen zwar teilweise auch steigende Tages-Nutzungszahlen, doch der jüngste Anstieg an Löschungen macht deutlich, dass ein signifikanter Teil der Community unzufrieden ist.

Was bedeutet der TikTok-Rückgang für die Musikwelt?

TikTok hat sich in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Motoren für Musikentdeckung und virale Trends entwickelt. Laut dem „Music Impact Report“ von TikTok und „Luminate“ sind TikTok-User:innen deutlich eher bereit, neue Musik zu entdecken und zu teilen als durchschnittliche Social-Media-Nutzer:innen. Viele Chart-Erfolge heute gehen auf virale Clips auf TikTok zurück – etwa Songs, die durch Trends später in die „Billboard Global 200“ gelangten. Ein signifikanter Rückgang aktiver Nutzer:innen könnte diese Mechanismen dämpfen. Wenn weniger Menschen die Plattform nutzen, verlieren potenziell auch neue Tracks ihre Chance, viral zu gehen – gerade für unabhängige oder aufstrebende Künstler:innen.

TikTok wirkt als Verbindung zwischen Entdeckung und Musik-Streaming: Nutzer:innen, die Songs auf TikTok sehen, wechseln häufig zu Diensten wie Spotify oder Apple Music und bringen dort messbare Streams und Einnahmen. Die plötzlichen Uninstall-Wellen könnten diese Kette stören und dazu führen, dass Artists weniger Streams generieren, wenn ihre Songs weniger geteilt und gehört werden.

Plus: Ein Rückgang auf der Plattform könnte dazu führen, dass andere Services wie YouTube Shorts oder Instagram Reels zunehmend als Trendtreiber fungieren – was Charts langfristig verändern könnte.

Und weiterhin müssen Musiker:innen und Labels, die stark von TikTok-Reichweite abhängig sind, womöglich ihre Promotions-Strategien diversifizieren. Neben klassischen Streaming-Deals gewinnen direkte Fan-Bindungen, plattformübergreifende Präsenz und Live-Events wieder an Bedeutung, um Reichweite und Monetarisierung zu sichern.

Während ein Abfluss von TikTok-User:innen Risiken birgt, könnte er auch Chancen freisetzen: Acts könnten alternative Wege der Musikverbreitung nutzen und ihre Fanbasis in anderen Kanälen oder auf Streaming-Plattformen vertiefen. Zugleich bleibt die Frage offen, wie stark andere Dienste das virale Potenzial von Musik künftig übernehmen können.

TikTok-Rückgang und Musik-Boom: So prägt die Plattform aktuell noch die Musikwelt

Trotz aktueller Turbulenzen bleibt die Plattform momentan noch ein zentraler Katalysator für virale Musikhits. Daten aus TikToks „Year in Music 2025“ zeigen, dass die Community weiterhin neue Talente und Sounds weltweite Sichtbarkeit verschafft hat. Künstler:innen wie Alex Warren, Ravyn Lenae, sombr und Lola Young wurden von TikTok als „breakout artists“ des Jahres 2025 hervorgehoben – Acts, die durch virale Clips, Challenges und Nutzer:innen-Engagement regelrechte Karrieresprünge absolvieren konnten. Ein Beispiel ist auch Olivia Dean: Die britische Sängerin avancierte 2025 mit ihrem Song „Man I Need“ zum internationalen TikTok-Phänomen. Über 1,2 Millionen TikToks nutzten den Track, was der Single erhebliche Streams und Chart-Notierungen eingebracht hat und sie zu einem der prägenden neuen Pop-Acts machte.

Auch traditionelle Stars profitieren von der algorithmischen Verbreitung: Klassiker wie „Breakin‘ Dishes“ von Rihanna oder auch „Let Down“ von Radiohead wurden von jüngeren TikTok-User:innen entdeckt und erreichten neue Hörerschaften. Ein weiteres Beispiel: Connie Francis‘ 1962er Hit „Pretty Little Baby“ wurde laut TikToks Jahresstatistik zum Top-Global-Song 2025, nachdem er von Millionen User:innen für diverse Content-Formate verwendet wurde – inklusive starker Nostalgiewelle und Promi-Videos, die dem Song billionenfache Views bescherten.