Die da oben

Vom Hype-Boy zum meistgehassten Rapper: Warum Jack Harlow so auf den Deckel kriegt

von
Julia Lorenz
Julia Lorenz

Humor hat er immerhin, der arme Junge, den die Welt erst umarmte und nun mit Fackeln und Mistgabeln jagt. Mit 15 Jahren veröffentlichte Jack Harlow ein Cover von Drakes Hit „Started From The Bottom“ und taufte es „Started From The Middle“ – weil der Rapper aus Kentucky zwar als Nerd, aber eben auch mit einer astreinen Mittelschichtsherkunft gestartet ist (wie übrigens auch Drake).

Tatsächlich klangen seine zurückgelehnten Trapsongs mit Sexcontent, der ihm keinen Platz im Pantheon der fortschrittlichsten Genrevertreter sichern dürfte, immer ein wenig nach Vorstadtglanz und -langeweile, nach dickem Auto in der Einfahrt und sorgsam beschnittenen Hecken. Nachdem Harlow Lil Nas X bei dessen Hit „Industry Baby“ assistiert hatte, wurde er endgültig zum Internetdarling.

So sehr hat sich das Internet festgehasst, dass Harlow fast unter Kriminalitätsverdacht geriet

Diese Zeiten aber sind vorbei. Das Netz findet sein neues Album COME HOME THE KIDS MISS YOU, höflich formuliert, weniger gelungen. (Die guten, alten Plattenkäufer*innen aber schon: Sein Song „First Class“ steht auf Platz 4 der deutschen Singlecharts.) Zu gefallsüchtig, zu offensichtlich zugeschnitten auf Tik-Tok-Ruhm seien die neuen Stücke, finden Ex-Fans. Dazu kriegt der gefallene Hype-Boy offensiver denn je dafür auf den Deckel, vom white privilege in einem Schwarzen Genre zu profitieren.

So sehr hat sich das Internet festgehasst, dass Harlow fast unter Kriminalitätsverdacht geriet. Als kürzlich die Rapper Young Thug und Gunna mit einem Fall organisierten Verbrechens in Verbindung gebracht wurden, fiel auf einer Pressekonferenz plötzlich Harlows Name. Eine Journalistin fragte, ob der Rapper bei YSL Records unter Vertrag stehe: Young Thugs Label, das gerade Ärger wegen eines mutmaßlichen Falls von Gangkriminalität hat. Darauf gibt es allerdings keine Hinweise – außer Tweets, in denen boshafte User dem Unglücksraben genau das zum Spaß unterstellten. „Free YSL! Arrest Jack Harlow!!!!“, twitterte etwa die Musikerin Jean Deaux. Ganz schön viel Dresche für ein mittelschlechtes Album. Aber immerhin: Bald kann der Vorstadtprinz ganz authentisch von richtig miesen Zeiten erzählen.

Diese Kolumne erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 07/2022.


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