Warum Pöbel MC realer und erfolgreicher als andere Deutschrapper ist

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Es gibt Fragen, auf die es keine eindeutige Antwort gibt. Die Frage nach der Authentizität im HipHop ist eine davon. Vom ersten Kontakt mit der HipHop-Kultur an begleitet sie jeden Rapfan und jede:n Rapper:in, ist treibender Motor der Kunst, des öffentlichen wie privaten Diskurses, des Fantums und Künstler:innen-Daseins, ist Provokation und Szene-Politikum. So stellte etwa die weiße, weibliche, australische Rapperin Iggy Azalea auf ihrem Debütalbum 2014 in der ersten Line ihres Hits „Fancy“ erst einmal klar: Ich bin die realste. Sogar die „Washington Post“ sah sich daraufhin genötigt zu fragen, ob dies wirklich so sei oder ob Azaleas Authentizitätbehauptung Spielraum für Interpretationen lassen würde.

Realness entscheidet sich nicht allein in Verkaufszahlen, sondern in Anerkennung. Der Rapper Pöbel MC muss demzufolge real sein, hat er es doch geschafft sich Anerkennung zu verdienen UND mit dem Einstieg seines Albums BILDUNGSBÜRGERPROLLS in die Top 10 der deutschen Charts einen unerwarteten Erfolg zu feiern. Plötzlich kannte man den Rapper, der sich seit Jahren im Berliner Underground im Umfeld der Ubstruct-Crew um MC Bomber, Shake One, Pavel und anderen bewegte. Rapmedien begannen sich für ihn zu interessieren, die Video-Aufrufe wurden sechsstellig, die Konzertvenues größer, die Tour ausgiebiger.

Die Geschichte eines Künstlers, der aus dem Nichts zu kommen schien, wäre nicht halb so interessant, wenn er seine Sache nur besser machen würde als viele, die vor ihm da waren. Pöbel MC macht sie anders und legt mit seinem Aufstieg innerhalb der hiesigen Szene offen, woran diese krankt.

Pöbel MC: Den Finger in der Wunde ohne Oberlehrer-Gestus

Mit seiner neuen, am 11. Februar 2022 erschienenen Doppel-EP „Backpfeife auf Endlosschleife“ festigt Pöbel MC seinen Nischenstatus, in dem er den angefangenen Weg auf die Spitze treibt. In „Würde in Zahlen“ etwa kritisiert er den Umstand, dass Künstler:innen nicht nur sich, sondern vor allem den Wert ihrer Kunst an Streamingzahlen, Follower:innen und Likes messen. Und diese deswegen nach den Algorithmen des Marktes konzipieren.

„Deutscher Rap steht wie Donald Trump für Selbstkritik”, heißt es bissig in „Boys Cry“ – einem Track, der sich mit dem Männlichkeitsverständnis der hiesigen Szene und ihrer Fans auseinandersetzt. An anderer, älterer Stelle erinnerte Pöbel MC bereits: „Wer Unrecht duldet, hilft auch mit es zu erhalten“ („Alman Brothers“).

Wer nun jedoch denkt, Pöbel MC sei einer jener von Spaß befreiten Zeckenrapper mit Oberlehrer-Gestus, der täuscht. Ideell mag er zwar Überschneidungen mit Vertreter:innen dieses Deutschrap-Subgenres haben, in dem sich etwa textlich mit linken Themen wie Antifaschismus und Antirassismus auseinandergesetzt wird. Doch zum einen tritt Pöbel MC nie belehrend auf. Zum anderen ist das Spektrum seiner Themen breiter, die Auswahl verhält sich oft gar ambivalent zueinander. Etwa, wenn er die Kritik an dem Konzept der Lohnarbeit, an Faschos oder Misogynie neben Songs wie „Saufen, Kloppen, Rammeln“ oder „Polydipsie“ stellt, ohne dass er lächerlich wirkt.

Pöbel MC: Ambivalente Inhalte und technisches Können

Dass sich Pöbel MC, der sich einmal als „im Herzen Punk“ bezeichnete, inhaltlich von den Mainstreamrapper:innen unterscheidet, liegt auf der Hand. Er taugt jedoch auch als echte Alternative zu sich selbst linksverordneten Rap-Acts sowie den Jugendheld:innen der „Früher war alles besser“-Fraktion, weil er kann, was kaum jemand von ihnen so beherrscht wie er es tut: Pöbel MC kann rappen.

Auf die szenetypische dicke Hose verzichtet er dabei nicht: „Der Pöbelmane kommt und zerlegt dein Crsamp / Zeig mir deine Rapboyband / Zeig mir deinen King und er wird gehängt.” („Pöbelmane“).

Wo früher wegen mangelnder technischer Fähigkeiten die politische Message derer, die eine hatten, noch weniger attraktiv war, als sie für die breite Masse eh schon ist, hört man Pöbel MC weder seine linkspolitische Verordnung, die er ohnehin nicht auf der Stirn trägt, noch seine Labelheimat Audiolith oder seine Bandvergangenheit an. Stattdessen spiegeln Skills, Vokabular und ein instrumentaler Trap-Unterbau wider, dass der Künstler näher am Zeitgeist des Rapgeschehens ist, als alle, die sich zurückgewünscht werden, wenn es wieder heißt, dass früher alles besser gewesen sei.
Denn für die Beginner, Dendemann oder Freundeskreis spricht heute nicht mehr viel anderes als die Jugenderinnerungen derer, die die Hochzeit jener Acts miterlebt hatten. Daran ändern auch Comebackalben mit GZUZ- oder Trettmann-Features nichts.

Pöbel MC: Authentische Kombi, natürlicher Erfolg

Schon auf BILDUNGSBÜRGERPROLLS führte Pöbel MC zusammen, was vermeintlich nicht zusammen gehört. Mit seiner neuen Doppel-EP „Backpfeifen auf Endlosschleife“ festigt der Künstler seinen Nischenstatus, in dem er den angefangenen Weg auf die Spitze treibt. Er zeigt, dass eine Ablehnung der im Mainstreamrap vorherrschenden Plattitüden nicht einhergehen muss mit dem Wunsch nach einer angeblich besser gewesenen Vergangenheit, in der es zwar weder um Statussymbole noch um Streamingzahlen ging, die sich aber aus musikalisch und technischer Sicht niemand wirklich zurück wünschen kann.

Die Authentizität von Pöbel MCs Figur liegt heruntergebrochen nicht darin, was genau der Künstler da Gegensätzliches zusammenführt. Sondern darin, dass er es überhaupt tut. Und dabei nur einem Antrieb folgt: sich selbst. Bei dieser, ja, echten Authentizität ist die Frage nach der bloßen Existenz von Pöbel MCs Realness obsolet. Die danach, ob sein Weg weiter nach oben führt, ebenfalls.


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