Popkolumne, Folge 140

Weckt mich auf zum Reboot von „The Dome“: Paulas Popwoche im Überblick

von
Paula Irmschler
Paula Irmschler

Huhu, herzlich Willkommen zur letzten Kolumne vor dem nächsten Lockdown. Alaaf!!! Wie scheiße ist es gerade schon wieder? Sehr. Aber Hauptsache, Leute reden in den Medien den halben Tag darüber, was irgendwelche Fußballer machen. Oh Gott, ich kann gar nicht ausdrücken, wie scheißegal mir es ist! Dann impft euch halt nicht, ihr Lappen und macht eure verschissenen Reichensachen, aaargh, wieso macht dieses Land immer die langweiligsten Menschen der Welt berühmt? Apropos:

Fick dich ins Knie, Retro-TV: So ernüchternd waren „Wetten, dass..?“ und „TV Total“

Könnt ihr es auch nicht mehr hören? Das Gerede davon, wie wichtig „uns“ in „diesen Zeiten“ die Rückkehr zu Althergebrachtem sei, wie sehr wir uns nach Verlässlichkeit und kollektiven Erlebnissen zurücksehnen? Wegen Schnelllebigkeit und überhaupt Ende der Welt? Als wir das im letzten Jahr mit den No Angels machten, war ich dabei, warum auch nicht? Es tat niemandem weh. Das ist jetzt aber ganz anders. In diesem Jahr geht der Retrowahn noch ein paar Schritte weiter zurück, viel zu weit. „Wetten, dass..?“ und „TV total“ wurden noch mal ins TV gehauen und es war so ernüchternd wie etwas nur sein kann.

Dabei fand ich „Wetten, dass..?“ die kleinere Zumutung, denn es war ganz genau so wie früher (megalangweilig) und das ist zumindest ehrlich. Bis auf ein paar Spitzen gegen Social Media, Cancel Culture, Gendern gab es nur das altbekannte Treiben rund um die blöde Couch. Die sorgte dann für den einzigen Witz, den „Wetten, dass..?“ je hatte und immer noch hat: Männer sollen sich zwischen die zwei bereits da sitzenden Frauen (diesmal: Michelle Hunziker und Helene Fischer) setzen, hahaha, versteht ihr, wegen Sexficken, Frauen kann man ficken, Dreier, Porno, ahahahahahah, VERSTEHT IHR? Ich hatte den Baseballschläger und das Ticket nach Nürnberg schon im Anschlag, aber gab dann doch rasch einfach auf, so generell … Sie haben halt gewonnen.

Jahrelang wurden uns Gendermainstreaming, Männerfeindlichkeit, Überfremdung und grassierende Homo- und Transhypes versprochen, aber es ist alles noch da und stärker denn je: die Übermacht der blonden weißen Heteros. Die Männer von ABBA machten ihr normales Superstar-Ding, Helene Fischer war cool wie eh und je (erst am Ende begriff ich, dass sie gar nicht die ganze Zeit geheult hat, sondern so Glitzer-Make-up um die Augen trug), Michelle Hunziker, das original pick-me-girl gab bekannt, dass sie (im Gegensatz zu anderen hysterischen Weibern) das Gegrabsche von Gottschalk nie gestört hat – okaynadann – Joko & Klaas, die nächste Generation der langweiligen, überschätzten Männer bedankten sich natürlich bei ihrem Vorbild und dann gab es noch blonde Schauspieler, blonde Instagrammerinnen, blonde Kinder und das dazu passende Publikum. Dementsprechend musste natürlich einer der wenigen nichtblonden Personen gefragt werden, wo sie denn herkommt: die tolle Zoe Wees aus Hamburg.

Und, wie bereits angekündigt, war die Neuauflage von „TV total“ noch enttäuschender. Das sollte irgendwie moderner sein, und legte dabei nur offen, wie schrecklich der Status Quo sein muss. Seit Jahren erzählen Leute, dass ja jetzt auch ganz viele Frauen beim Fernsehen arbeiten, dort schreiben und so … Hinter den Kulissen halt. Es gibt Carolin Kebekus und noch paar andere, aber, nun ja, in den Nischensendern und -formaten. Also, was sehen wir am Ende immer wieder auf der Bühne? Den weißen blonden Typi mit genauso aussehendem Sidekick (auch bei den „woken“ Typen wie Klaas oder Tommi Schmitt ist es nicht anders).

Die Frauen, die im Hintergrund arbeiten, sind eher so die moderne Staffage, damit ER umso mehr glänzen kann. Sebastian Pufpaff ist dabei der Prototyp des superselbstbewussten und mittelmäßigen Heinis, Typ „vom Leben zugekokstes Arschloch, das vorm Aufdiebühnegehen noch mal vorm Spiegel wichst“. Und genau so waren dann auch die Witze. Wenn man zur Causa Julian Reichelt nur Witze hinbekommt, die auf die Kosten der belästigten Frauen und nicht auf Reichelt gehen, ist man halt Teil genau dieser Männerwelt, ein Verbündeter. Der Rest war vor allem Nostalgie-Nippeldrück-Kram und Themenschwerpunkt war die paar Tage vorher gelaufene Folge „Wetten, dass..?“, was viel zu abgekatert und auch etwas obsessiv wirkte, aber geschenkt. Den Fans von früher scheint es aber gefallen zu haben, was absolut Sinn macht.

Die bittere, aber natürlich viele auch langweilende Erkenntnis: Das alte TV-Deutschland war nur in der Garage und ist jederzeit abrufbar. Sie haben ihre Schals, ihre Perücken, ihre Sakkos und ihre Schenkelklopfer jederzeit einsatzbereit und das Land beklatscht es, weil es sich kaum verändert hat. Es bleibt ein Land voller überschätzter weißer Männer, die wirklich nichts leisten müssen, außer da zu sein. Dabei stimmt es im Übrigen nicht, dass es ein neues, gar ein Corona-Phänomen sei mit dem Retrowahn. Schon immer haben Leute ein „Früher“ romantisiert, in das sie ganz viel rein projizieren konnten. Unzählige Dirty-Dancing-Nights, Goldene-20er-Parties, Kultjahrzehnt-Sendungen auf RTL, die Cover deutscher Musikmagazine und die von mir vor paar Jahren erstandene 90s-BRAVO-Sammlung zeugen davon.

Aber ich sag’s wie’s ist: Ich sehne mich ab sofort gar nicht mehr. Ich will nach vornvornvorn. Ich will, dass wir weitermachen, dass gewisse Leute endlich abtreten oder sich öffnen und Plattformen teilen, dass sich was verändert, dass wir aufhören, lahmarschig zu sein, während so viele Leute schweigen müssen, ich will, dass wir originellen Leuten Stimmen geben, dass wir die neuen Generationen ernst nehmen, ich hab genug von der Nostalgiekacke, es war nie besser (und dabei ist es ja wie gesagt gerade ziemlich beschissen), außer für eine kleine Gruppe von Menschen und ich bin es leid, sie zu sehen und nur sie. Und ich hab eine Idee für eine geile Kollektiverfahrung: Zusammenkommen, weil wir durch Solidarität endlich diese verschissene Pandemie überwunden haben.

Alternativprogramm zum deutschen Fernsehen

Pop-Punk 2.0:

Habt ihr mitbekommen, dass Pop-Punk wieder da ist? Statt genauso oder schlimmer als früher zu sein, ist er jetzt aber besser! Und bei einem dieser drei Beispiele hat sich Travis Barker sogar gar nicht eingemischt. Also, ich bin komplett hyped.

KennyHoopla – „hollywood sucks//“

Avril Lavigne – „Bite Me“

Meet Me @ The Altar – „Now Or Never“

Buch der Woche: Elisa Aseva – Über Stunden

Elisa Aseva habe ich wie die meisten, die ihre Texten kennen, auf Facebook kennen und lieben gelernt. Denn das ist vielleicht das einzig Gute an dieser Plattform: Man kann sie ganz gut zum Verbreiten von Texten und den Austausch mit anderen darüber nutzen, wenn man zu uneitel für einen eigenen Blog oder eine Webseite ist.

Elisas Texten, die zu lang für Twitter, aber auch nicht lang genug für einen Roman sind, merkt man stets an, dass sie „raus mussten“. Sie schreibt vor allem in Zwischenzuständen, nach der Arbeit, nachts, an verkaterten Sonntagen, da wo viele Filter ausgeknipst sind, sie klingen deshalb nicht wie andere, sind nicht referenzreich oder mehrfach redigiert und in Form gebracht, sondern sie klingen einfach wie sie. Elisa Aseva schreibt direkt mit dem Herzen, direkt mit ihrer Wut oder direkt mit ihrer Euphorie. Sie schreibt Texte über Familie, über Arbeit, über Politik, über Erinnerungen und Sehnsüchte, ach, sie schreibt einfach über das ganze vermaledeite Leben. Einige ihrer Sätze sind wie Ohrwürmer, aktuell hallt bei mir immer mal wieder nach: „wisst ihr wie kleine kinder rennen? sie werfen ihre beine weg.“ Jetzt ist endlich eine Sammlung ihrer Facebook-Posts erschienen. Lest sie!

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