Reportage

Wir haben Lettlands Pophoffnung Carnival Youth in ihrer Heimat besucht

Erst im Anschluss des Konzertes wird einem bewusst, wie beliebt diese Band in ihrer Heimat ist. 40 weibliche Teenager drängen sich auf einem der Aussichtstürme der Schlossruine Sigulda und warten auf Carnival Youth. Sie alle sind Gewinnerinnen einer Meet-And-Greet-Verlosung, die zur Feier des bisher größten Headliner-Gigs der Bandgeschichte initiiert wurde.

Genau in dieser im Nationalpark Gauja eingebetteten Schlossruine am Rand des verschlafenen Örtchens Sigulda spielte sich das auch gerade erst der Pubertät entwachsene lettische Quartett in einem zweieinhalbstündigen Set durch alle Winkel ihres bisherigen Schaffens – und steht nun etwas eingeschüchtert in einer Ecke und dient als menschliche Fotowand. Während alle glücklichen Gewinnspielsieger mit den obligatorischen Selfies und Autogrammen ausgestattet werden, fragen wir bei einer dieser jungen Mädchen, die noch auf ihre zwei Minuten mit Roberts (Keyboard, Gesang), Edgars (Gitarre, Gesang), Emīls (Schlagzueg, Gesang) und Aleksis (Bass) wartet, ob Carnival Youth etwa so eine Art One Direction in Lettland sind. Die Jugendliche lacht. „Nein, das nicht“, antwortet sie und fügt hinzu: „Aber es ist schon so, dass jeder Lette sie kennt.“

Eingang zur Konzertlocation
Ausblick auf den Nationalpark Guja
Die Konzertlocation im Inneren der Schlossruine Sigulda

Hört man die Musik von Carnival Youth zum ersten Mal, würde einem nie dieser Gedanke kommen. Zu indie, zu vertrackt, zu gut sind Songs wie „Connection Lost“ und „Never Have Enough“, als dass sie nach Formatradio klingen würden. Wer ihrem Erfolg näher kommen und verstehen will, warum Lettland ihre musikalischen Hoffnungsträger, die Indie-Rock der britischen Schule mit amerikanischem Pop-Appeal und lettischen Texten kombinieren, mit offenen Armen herzt, sollte das „Stura Maja“ in Riga besuchen.

Im Eckhaus, wie es auf Deutsch heißt, saß früher die Zentrale des gefürchteten sowjetischen Geheimdienstes KGB. Heute ist es Teil des dezentralen Lettischen Okkupationsmuseum. Die Erkenntnis, wie sehr dieses Land, das 1917 von der UdSSR einverleibt wurde, unter der Herrschaft Moskaus gelitten hat und noch immer auf der Suche nach einer verloren geglaubten Identität ist, trifft einen wie ein unerwarteter Schlag. Vielleicht spiegeln sich in Carnival Youths Mixtur aus lettischer Melancholie und westlicher Lebensfreude genau das, wonach sich Lettland so lange gesehnt hat: das Ausleben der eigenen Kultur und damit einhergehend die Freiheit der lettischen Sprache in Kunst, Musik und Schrift. Natürlich haben die Jugendlichen, die sich in Sigulda der Musik erfreuen, und auch die Band selbst weder den Eisernen Vorhang noch den harten Weg zur europäischen Integration bewusst miterlebt, dennoch ist es ein Erklärungsversuch für die greifbare Zuneigung der Letten für Carnival Youth.

filips smits
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