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„Wonder Woman“-Kritik: Der Film, den Scarlett Johansson nie drehen durfte

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Seitdem Marvel die Kinokassen dominiert, versuchen sich diverse Filmstudios am Kopieren der Erfolgsformel der Disney-Tochter. Und die lautet: Helden mit übernatürlichen Fähigkeiten, bekannte Vorlage und sogenannte Filmuniversen, in denen die einzelnen Blockbuster miteinander verknüpft sind. Warner Bros. hat sich mit der Comic-Schmiede DC zusammengesetzt und versucht nun, den Superheldenfundus um Batman, Superman und deren Helfern lukrativ auf die Leinwand zu bringen. Bisher mit mäßigem Erfolg, vor allem wenn es um inhaltliche Schwerpunkte geht.

Da kommt ein Erfolg wie „Wonder Woman“ (deutscher Start am 15. Juni 2017) gerade zur rechten Zeit. Nicht nur, dass der Film die Kinocharts in den USA dominiert und auch die Säle füllt. Dazu hat er mit Gal Gadot eine Frau in der Hauptrolle und mit Patty Jenkins eine Frau auf dem Regiestuhl – jeweils ein Novum in der aktuellen Welle an Superheldenfilmen. Und gemeinsam haben die beiden eine Heroine erschaffen, die sich deutlich von den düsteren Scheißfilmen mit Superman, Batman und dem Suicide Squad abhebt, die Warner Bros. und DC zuletzt hervorgebracht haben. Was das Studio jetzt im Marketing ausschlachtet, als hätten sie überhaupt nichts mit den Totalausfällen „Batman V Superman“ oder „Suicide Squad“ zu tun gehabt.

Eine Frau, die wirklich Heldin sein darf

Gal Gadot als Wonder Woman. Daneben ihre männlichen Mitstreiter

Wonder Woman wird in ihrem Film nicht ein einziges Mal Woman genannt – ein erster Beweis dafür, dass Patty Jenkins einen deutlich erwachseneren Film gedreht hat. Die Heldin heißt Diana und lebt gemeinsam mit einem Amazonen-Stamm, der ausschließlich aus Frauen besteht, auf einer versteckten Insel. Ihre Aufgabe: trainieren, trainieren, trainieren. Für den Fall, dass Kriegsgott Ares auf die Erde zurückkehrt und die weiblichen Überbleibsel einer verlorenen Mythologie eingreifen müssen.

Ares stört den Frieden auf der Insel nicht, dafür aber der amerikanische Soldat/Spion Steve Trevor, der von Chris Pine gespielt wird. Er hat in den Wirren des Ersten Weltkriegs Pläne zur Herstellung von chemischen Waffen gestohlen und will sie den Briten bringen, um dadurch eine weitere Katastrophe und den Sieg der Deutschen zu verhindern. Nach einer kurzen Schlacht am Strand der Amazonen-Insel zieht Diana mit Steve in den Krieg. Im Gepäck: Schwert, Schild und der naive Glauben, dass irgendwo auf Europas Schlachtfeldern Ares getötet werden muss. Laut Dianas Logik wäre der Krieg dann beendet.

Der Plan, mit dem Diana in den Krieg zieht, ist zwar von Vornherein zum Scheitern verurteilt, doch Patty Jenkins vollbringt in der Zeichnung der Figur etwas ganz Wunderbares. Die Heldin ist zwar naiv, aber keineswegs dumm. Dazu ist sie zwar schön, aber kein Sexsymbol. „Wonder Woman“ findet ein elegantes Mittelmaß bei der Darstellung von Stärken und Schwächen der Heroine, die in den Krieg geworfen wird und am Ende immer noch edel ist. Nur jetzt eben etwas weiser und trauriger als zuvor. Man kann sich leicht vorstellen, mit welchem Neid Scarlett Johansson diesen Film schauen wird. In den Marvel-Filmen ist sie in der Theorie die starke, selbstbewusste Heldin. In der Praxis wird sie aber immer wieder zur Lederschlampe degradiert, die je nach Film mit einem anderen männlichen Helden flirten muss. Gal Gadot darf hingegen in einer wahrhaft heroischen und aufregenden Sequenz ein belgisches Dorf befreien und trauern, wenn ihre Kräfte am Ende doch nicht reichen, um alle Zivilisten zu retten.

Verräterische Euphorie

Patty Jenkins hat 2003 „Monster“ mit Charlize Theron gedreht, nun ist sie die erste Frau, die einen Film mit einem Budget jenseits der 100 Millionen Dollar drehen kann. Das ist unbedingt erwähnens- und lobenswert. Die ganz große Euphorie, mit der „Wonder Woman“ nun überschüttet wird, ist dennoch etwas zu viel. Denn sie setzt den Unglauben darüber voraus, dass eine Frau überhaupt in der Lage wäre, einen guten Actionfilm zu inszenieren. Dass Patty Jenkins umgeben von erfahrenen Genre-Produzenten große Bilder abliefern kann, daran hätte vorher eigentlich schon niemand zweifeln sollen. Am Ende schießt sie Genre-typisch sogar etwas über das Ziel hinaus. Wenn Diana dann wirklich gegen Ares kämpfen muss und ein Flugzeughangar plötzlich zur Hölle auf Erden wird und dazu noch Blitze von Heldin zu Kriegsgott geschleudert werden.

Zum Großteil ist „Wonder Woman“ aber ein guter, wenn auch nicht sehr guter Action-Film, der seine weibliche Hauptfigur nicht im nervigen Gewandt des lauten Feminismus, sondern mit einer angenehmen Unaufgeregtheit vorstellt. Und der durch gut dosierten Humor das düstere Szenario Weltkrieg an das Superhelden-Genre anpasst, ohne seine Figuren dabei ins Lächerliche zu ziehen.

Was hingegen tatsächlich lächerlich wirkt, ist das magische Lasso der Heldin. Wer davon eingewickelt wird, der muss die Wahrheit sagen. Der Hintergrund des „Wonder Woman“-Erfinders macht die Waffe dann aber doch wieder interessant: William Moulton Marston hat die Comicfigur 1941 erfunden, davor erfand er mit seiner Ehefrau den Lügendetektor. Sachen gibt’s.

Bildergalerie zu „Wonder Woman“:

Warner Bros
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