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Kritik

„You – Du wirst mich lieben“ (Staffel 2) auf Netflix: Ein Stalker und Serienkiller will erwachsen werden

Was ist schon normal? Wer ist hier wirklich krank? Ist nicht alles erlaubt, wenn wir einen geliebten Menschen beschützen wollen? In seinen inneren Monologen will Joe Goldberg (Penn Badgley) so nachvollziehbar klingen, dass jeder in den ersten Minuten der zweiten Staffel von „You – Du wirst mich lieben“ glauben könnte, hier handele es sich um eine Drama-, aber sicher keine Psychothriller-Serie. Es könnten Folgen über das Erkennen von „Richtig“ und „Falsch“ sein. Über das Reflektieren, der neuen Definition seiner Selbst, das Hinauswachsen über sich und seine Schwächen. Ja: Stalker Joe Goldberg will erwachsen werden.

Bei diesem Versuch soll ihm jeder zuschauen und sich denken: Naja, wir alle haben doch eine zweite Chance verdient! Oder? Typisch amerikanisch, eben. Und oh boy, was ist unser Protagonist nur für ein Paradebeispiel eines nach außen hin guten Typen! Ungefähr so, wie sich Bret Easton Ellis jetzt seinen „American Psycho“ vorstellen würde. Ein vermeintlich integrer Kerl, okayes Aussehen, mit dem sich jeder gerne unterhält und der nur in den besten Kreisen verkehrt. Aber natürlich gibt es da mehr zu entdecken. Unter der ruhigen Oberfläche steckt weiterhin ein stalkender Serienkiller.

Staffel 2 von „You“ setzt auf noch mehr sich langsam anschleichende, dafür lang andauernde Schockmomente, auf neue kranke Charaktere und eine herrlich sonnige Kulisse. Willkommen im XXL-Irrenhaus Los Angeles!

Die Flucht und die irre liebenswürdigen Neuen

Am Ende der ersten Staffel von „You – Du wirst mich lieben“ konnte schon geahnt werden: Die quicklebendige Ex-Freundin Candace (Ambyr Childers) ist auf Rache aus. Doch bevor Joe herausfinden kann, wie genau diese aussehen könnte, nimmt er schon die Beine in die Hand und seilt sich nach Los Angeles ab. Ein Ort, an dem ihn niemand vermuten würde. Denn hier ist alles viel zu grell und oberflächlich für einen nachdenklichen Buchhändler wie ihn. Und wer liest hier überhaupt etwas anderes als das Drehbuch, das endlich den erhofften Durchbruch mit sich bringt? Der Szenenwechsel tut der Netflix-Serie gut. In Kombination mit Joes neuen Bekannten entwickelt sich dadurch eine Dynamik, die nicht wie ein Abziehbild der vorherigen Staffel wirkt.

Da wäre Love Quinn, gespielt von Newcomerin Victoria Pedretti. Sie fällt unserem pathologischen Stalker sofort auf und im Folgenden gilt es sie halb zu erobern, halb von seinen schlechten Seiten wegzuhalten. Während Love anfangs wie eine Doppelgängerin seiner ermordeten Obsession Beck (Elizabeth Lail) auftritt, bietet ihr Bruder Forty (James Scully) eine neue Nuance zwischen hilflos und verückt. Sie sind für den ach so gesunden Supermarkt „Anavrin“ (genau, Nirvana rückwärts) ihrer Eltern tätig. Joe, der nun allen als Will Bettelheim den New Yorker Aussteiger vorspielt, arbeitet dort ebenfalls als einfühlsamer Verkäufer. Schnell ist klar, dass sich zwischen Love und Joe mehr als nur ein Flirt entwickeln würde.

Die großartigen Quinns

Neben dem wie aus Staffel 1 gewohnt supergruseligen Nachgestelle und Joes Aufgetische sich selbst gegenüber, seine Taten seien zum Besten seine Opfer, unterhalten vor allem die Quinns. Sie trinken ihre grünen Smoothies aus Plastikbechern, schlafen in Jutezelten, tragen auch mal All-White-Outfits, achten auf Gluten und haben High-Society-Freund*innen mit Ansichten, die nach Sekte und zu viel Sonne klingen. Ein bisschen so, als wäre man in die Verlängerung der ersten Folge von Staffel 6 in „Girls“ gelandet. Und Lena Dunham hätte ihr Versprechen wahr gemacht, wäre bei ihrem Surflehrer geblieben und langsam, aber sicher komplett verdummt.

Als Kontrast zu den allzu seichten Dialogen bekommen wir die Journalistin Delilah Alves (Carmela Zumbado) und ihre smarte kleine Schwester Ellie (Jenna Ortega) vorgesetzt. Delilah ermittelt bei #Metoo-Themen, die jüngere Ellie kennt sich so top mit Filmen aus, dass sie nun selbst Filmemacherin werden will. Die beiden wohnen im gleichen Haus wie Joe und geben ihm dann Kontra, wenn er sich als Retter aller aufspielen will. Obwohl mit ihnen ein Cast aufgestellt ist, der auch für „You“-Sequels herhalten könnte, geben sich die Macher der Serie (Greg Berlanti und Sera Gamble) langfristig keine Mühe, dieses Duo mehr als nötig zu beleuchten.

Zu oft wandert der Fokus zurück auf Joe. Zurück in sein dunkles Apartment. Ins wirkliche Dunkel. Sein schweigsames Auftreten in Kombination mit den Selbstgesprächen trägt letztlich aber nicht mehr jede Folge. Zu repetitiv, zu einfach erzählt. Die Off-Stimme braucht eigentlich keiner mehr zum Händchen-Halten bei dem ganzen Chaos, das sich in den neuen Folgen wieder mit der Zeit herauskristallisiert. Nur mal so als Anreiz: Würden wir jeder der neu eingeführten Figuren einmal nachgehen, hätten wir eine diverse und weniger plumpe Show.

Kein Abschluss in Sicht – weder für Joe noch für die Serie

Die ersten zwei Staffeln „You“ basierten auf den Romanen der US-Autorin Caroline Kepnes. Aktuell gibt es zwar noch keinen weiteren, Kepnes arbeite laut „Entertainment Weekly“ aber an einer Fortsetzung. Die Geschichte des Joe Goldberg muss noch nicht zu Ende erzählt sein. Als sich Netflix dafür entschied, Candace zurück zu holen, war dies schon eine Abwandlung der Buchvorlage. In dieser will Joe auch tatsächlich Teil einer Familie sein und für Love und die Quinns alles daran setzen, gut genug zu sein.

Was wurde aus der Mutter?

Der Streamingdienst hat bisher noch keine finale Bestätigung für weitere Episoden gegeben, aber genügend Storylines würde es dafür geben. In der aktuellen Staffel bekommen wir in viel zu billig eingefärbten Rückblicken mehr aus Joes Kindheit gezeigt. Wir lernen seine Mutter kennen. Eine Frau, die in Nöten zu sein scheint und gleichzeitig auch verdammt clever ist. Eine Staffel 3 könnte uns etwas über ihren Verbleib berichten. Es könnte gesagt werden, welchen Einfluss sie noch heute auf ihren wahnsinnigen Sohn hat und was mit ihr geschehen ist.

Fazit: In jedem Fall muss Joe weiter um das Erwachsenwerden kämpfen. Sein beständig zitiertes Lieblingswerk von Dostojewski, „Schuld und Sühne“, hilft ihm da nicht weiter. Eine Weitererzählung seiner Sicht der Dinge wäre für Netflix nur logisch, aber alles andere als innovativ oder gar zum Nägelkauen spannend.

Außerdem scheint Hauptdarsteller Penn Badgley selbst der Buzz um seine Rolle gruselig zu werden, wie seine Reaktionen auf ihn abfeiernde Tweets verdeutlichen.

Also los, Netflix, trau’ dich!

Gib uns eine wirklich neue Perspektive auf diese ganze Killer-Thematik! Aber stochere bitte auch weiter in den bekloppten Welten der Reichen und ihren Privatdetektiven herum, so wie es ein Bret Easton Ellis lieben würde!

Die zweite Staffel von „You – Du wirst mich lieben“ ist seit dem 26. Dezember 2019 auf Netflix im Stream verfügbar.


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